Wie wollen wir miteinander leben?
In Düsseldorf greift die Kunstsammlung die bekannte Frage nach gerechter Gemeinschaft auf
Text: Hoepner, Felix, Düsseldorf
Wie wollen wir miteinander leben?
In Düsseldorf greift die Kunstsammlung die bekannte Frage nach gerechter Gemeinschaft auf
Text: Hoepner, Felix, Düsseldorf
Das Museum K21 in Düsseldorf ist ein passender Ort, um die Bedeutung von Grund und Boden für Gemeinschaft und Gemeinwohl in den Mittelpunkt einer Kunstausstellung zu rücken. Der frühere Sitz des Rheinischen Provinziallandtags – und später des Landtags von Nordrhein-Westfalen – steht für die Anfänge des Parlamentarismus im Rheinland. Hier wurden schon seit jeher Angelegenheiten verhandelt, die das Zusammenleben der Menschen unmittelbar vor Ort betreffen.
Unter der großen Glaskuppel des Museums glänzen hunderte mit Gold überzogene Werkzeuge und Haushaltsutensilien, die Ugo Rondinone in der Umgebung von New York gesammelt und zu einer schwebenden Collage verdichtet hat (The Alphabet of my Mothers and Fathers, 2022). Sie erinnern an die Einwanderinnen und Einwanderer, die im 19. Jahrhundert aus Europa – auch aus dem Rheinland und Westfalen – in die USA kamen und sich dort eine neue Heimat aufbauten. Um Land zu bestellen, braucht es Mittel und Werkzeuge.
Schon früh hinterfragte Gordon Matta-Clark mit Reality Properties – Fake Estates (1973) die absurde Logik der Bodenspekulation. Winzige Restflächen, die bei der Parzellierung des Landes übrigblieben und kaum nutzbar waren, wurden von der Stadt als Grundstücke zum Kauf angeboten. Eigentum entsteht, wo Grenzen gezogen werden – und genau hier beginnen die Konflikte. Wer gehört dazu? Wer bleibt außen vor? Wie uneindeutig solche Grenzziehungen sein können, zeigt Jan Dibberts mit der Arbeit Quadratische Perspektivkorrektur (1968): Ein mit Seil markiertes Viereck auf einer Wiese erscheint nur aus einem einzigen Blickwinkel als Quadrat.
Was heute auf dem Spiel steht – nämlich die Zukunft demokratischer Teilhabe – deuten nicht nur Jan Geys Holztüren Gelijkheid, Fraternité, Freiheit (1986) an. Eine radikal andere Vorstellung von Stadt und Staat führt Johannes Büttner mit der Installation L’État, c’est moi (2025) vor. In gestapelten Mikrowellen drehen sich vergoldete Armbanduhren, während die Videoinstallationen im Hintergrund die Geschichte des Fantasiestaates erzählen. Das Gebiet Liberland zwischen Serbien und Kroatien beansprucht niemand und wird zur Projektionsfläche für eine Gesellschaft, die allein nach den Regeln des Marktes funktionieren soll. In diesem Land wäre Teilhabe nichts anderes als eine Frage der Zahlungsfähigkeit.
Der imposanten Leinwandinstallation The Finesse (2022) von Christopher Kulendran Thomas mit Annika Kuhlmann steht ein großformatiges Motiv von Andreas Gursky gegenüber (Lützerath, 2023). Beide Arbeiten zeigen den Wald als Schauplatz realer Konflikte. Der friedliche Protest der Aktivistinnen in Lützerath scheint kaum vergleichbar mit dem gewaltsamen Bürgerkrieg der tamilischen Minderheit in Sri Lanka. Doch in beiden Fällen wird Natur zum umkämpften Raum, in dem Narrative über Eigentum, Ressourcen und gesellschaftliche Zukunft verhandelt werden.
Ginge es bloß überall so friedlich zu wie auf den Fotografien von Simone Nieweg. Mit Kohlfeld (1990) und Brachliegendes Land (1997) lenkt die Künstlerin unseren Blick auf Freiräume, die üblicherweise wenig Beachtung finden: eine Wiese, ein Gemüsefeld. Abseits von Grenz- und Marktlogiken behaupten sich Landschaften von nüchterner, beinahe beiläufiger Schönheit. Es sind Orte, die man gerne bewahren möchte.






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