Warschau nach dem Krieg

Nicht die tragische Geschichte Warschaus steht im Fokus der Schau im Polnischen Institut Berlin, sondern die Veränderungen durch die Bemühungen ihrer Bewohner

Text: Hamm, Oliver G., Berlin

    Blick in Richtung Marszałkowska-Straße. Im Hintergrund ist der Kultur- und Wissenschaftspalast zu sehen, 1959.
    Foto: Sammlung des Nationalen Digitalen Archivs in Polen; Olivia Nikel

    Blick in Richtung Marszałkowska-Straße. Im Hintergrund ist der Kultur- und Wissenschaftspalast zu sehen, 1959.

    Foto: Sammlung des Nationalen Digitalen Archivs in Polen; Olivia Nikel

    Ausschnitt aus der Fotocollage „Moody Warsaw“, 2014–2018 von Olivia Nikel
    Foto: Sammlung des Nationalen Digitalen Archivs in Polen; Olivia Nikel

    Ausschnitt aus der Fotocollage „Moody Warsaw“, 2014–2018 von Olivia Nikel

    Foto: Sammlung des Nationalen Digitalen Archivs in Polen; Olivia Nikel

Warschau nach dem Krieg

Nicht die tragische Geschichte Warschaus steht im Fokus der Schau im Polnischen Institut Berlin, sondern die Veränderungen durch die Bemühungen ihrer Bewohner

Text: Hamm, Oliver G., Berlin

Eine kleine Fotoausstellung widmet das Polnische Institut Berlin derzeit der Hauptstadt Warschau. Sie spannt den Bogen von der Stadtzerstörung durch deutsche Truppen, alliierte Luftangriffe und die Rückeroberung am Ende des Zweiten Weltkriegs über das Leben in Ruinen bis zum Wiederaufbau Warschaus mit seinem ehemaligen Königsschloss.
Mit Bildern kriegszerstörter Städte sind wir leider längst allzu vertraut, doch die schier unendliche Trümmerwüste, die auf den sechs großformatigen Schwarzweiß-Aufnahmen zum Auftakt der Ausstellung dargestellt wird, vermittelt den Eindruck einer nahezu ausgelöschten Metropole, die vor dem Krieg 1,3 Millionen Einwohner und Einwohnerinnen zählte, von denen bis 1945 weit mehr als eine halbe Million ums Leben kamen und eine weitere halbe Million flohen oder vertrieben wurden. Tatsächlich lag Warschau bei Kriegsende „nur“ zu 60 Prozent in Trümmern, im Zentrum mit der Altstadt stand indes kaum noch ein Stein auf dem anderen. Dass sich in dieser Ruinen- und Schuttlandschaft schon bald neues, wenngleich primitivstes Leben regte, davon künden acht Fotos, die den damaligen Alltag dokumentieren: ein improvisierter Friseurladen unter freiem Himmel, eine Familie am Esstisch vor klaffender Fassade mit Blick auf die bereits weitgehend von Trümmern beräumte Gra-żynastraße, erste Straßenstände, an Ruinen angebrachte Botschaften zurückgekehrter Warschauer, aber auch die Exhumierung von Leichen (die aus den geschätzt 20 bis 30 Millionen Kubikmetern Schutt geborgen werden mussten).
Nur eine Woche nach der Einnahme der Stadt durch sowjetische und polnische Truppen Ende Januar 1945 wurde das Büro für die Organisation des Wiederaufbaus von Warschau ins Leben gerufen. Fortan versuchte es den Traum vieler Stadtplaner und Architektinnen von einer besseren, grundlegend modernisierten Stadt mit dem Wiederaufbau wertvoller Baudenkmäler und Stadträume in Einklang zu bringen. Die Ausstellung fokussiert an dieser Stelle auf die Eröffnung einer sieben Kilometer langen Ost-West-Trasse mit Dutzenden von wiederaufgebauten und neuen Gebäuden sowie der Śląsko-Dąbrowski-Brü-cke am 22. Juli 1949 der symbolische Höhepunkt der ersten Wiederaufbauphase – sowie auf den Wiederaufbau des im Oktober 1944 gesprengten Königsschlosses, das 1984 wiedereröffnet wurde (die Bauarbeiten wurden allerdings erst 2009 abgeschlossen und der Schlossgarten bis 2019 rekonstruiert). Zwar vermitteln Farbfotos aus dem Jahr 1959 Impressionen aus dem Nebeneinander von Ruinen und Neubauten (wie etwa dem Kultur- und Wissenschaftspalast oder Wohngebäuden im Marszałkowska-Viertel) selbst noch anderthalb Jahrzehnte nach Kriegsende.
Doch zu den Hintergründen der Wiederaufbauplanung Warschaus erfahren die Besucher der Ausstellung nur wenig; etwas mehr im (kostenlos) ausliegenden 20-seitigen Begleitheft. Klar, es ist eine Fotoausstellung, aber trotz teilweise umfangreicher Bildlegenden würde sich manche Besucherin sicher mehr Informationen und einen groben Überblick über das Ausmaß des gesamten Wiederaufbaus Warschaus wünschen – eher als das farbige Mosaik mit 28 Ansichten des neuen Warschau („Moody Warsaw“ von Olivia Nikel, 2014–2018), mit dem die Ausstellung abgeschlossen wird. So löst sie ihren eigenen Anspruch, „nicht nur die tragische Geschichte Warschaus aufzuzeigen, sondern vor allem die Veränderungen, die durch die Bemühungen der Einwohner in den letzten achtzig Jahren stattgefunden haben“, leider nur teilweise ein. Sehenswert ist sie dennoch.

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