Visionäres aus dem letzten Jahrhundert

Das Museum of Modern Art in New York zeigt Interieurs und ­Objekte aus den 1920er bis 1950er Jahren – und lässt vieles beiseite

Text: Drewes, Frank F., Berlin

    Nachbau eines Studenzenzimmers der Maison du Brésil mit den Möbeln von Le Corbusier, Lúcio Costa und Charlotte Perriand
    © 2016 The Museum of Modern Art; Foto: Martin Seck

    Nachbau eines Studenzenzimmers der Maison du Brésil mit den Möbeln von Le Corbusier, Lúcio Costa und Charlotte Perriand
    © 2016 The Museum of Modern Art; Foto: Martin Seck

Visionäres aus dem letzten Jahrhundert

Das Museum of Modern Art in New York zeigt Interieurs und ­Objekte aus den 1920er bis 1950er Jahren – und lässt vieles beiseite

Text: Drewes, Frank F., Berlin

„How Should We Live? Propositions for the Modern Interieur“, der Titel der aktuellen Ausstellung der Architektur- und Designabteilung des New Yorker MoMA, impliziert ein „tomorrow“ – sind doch sowohl „should“ als auch „proposition“ in die Zukunft gerichtet. Aber ein Blick in die Zukunft sollte immer zuerst in die Vergangenheit führen, und so entpuppt sich die Ausstellung als Leistungsschau des Archivs der Architektur- und Designabteilung, die 1930 von Philip Johnson gegründet und bis 1936 geleitet wurde. Johnsons Reisen durch Europa und seine persönlichen Vorlieben setzten (bis heute) den Standard dieser Sektion des Museum of Modern Art, die er 1932 mit der epochalen Ausstellung zum „International Style“ auf die Spur brachte. Dementsprechend liest sich „How Should We Live?“ in weiten Teilen auch als Leistungsschau des International Style, dehnt diese Ära aber von den 20ern bis in die 50er und in das Kalifornien von Charles und Ray Eames.
Konsequenterweise findet auch jetzt wieder – wie leider schon 1932 – Rudolph Schindler keine Berücksichtigung. Wobei dieses Mal dazu noch Richard Neutra und Frank Lloyd Wright außen vor bleiben. Aber einen enzyklopädischen Anspruch stellt „How Should We Live?“ ohnehin nicht, fehlen doch auch Namen wie Gio Ponti, Carlo Scarpa oder Pierre Paulin, und De Stijl wird lediglich tangiert. Das ist insofern bedauerlich, als auf diese Weise kein wirklich breites Spektrum aufgezeigt wird, und sich die Frage stellt, wer dieses „We“ eigentlich ist.
Dennoch: „How Should We Live?“ ist eine lohnenswerte Ausstellung, die dem MoMA-Anspruch gerecht wird: hochkarätig bestückt und von ­Juliet Kinchin und Sean Anderson großzügig kuratiert. Was die Schau anstelle eines breiten Spektrums leistet, ist der Blick in die Tiefe. Die bekannten Klassiker wie die Stahlrohrmöbel von Marcel Breuer, Ludwig Mies van der Rohe oder Le Corbusier sind einmal nicht primär in ihrem architektonischen Umfeld, sondern in ihrem Inte­rieur-Kontext gezeigt. Dazu ist eine große Bandbreite von Stoffen (u.a. von Anni Albers und Marli Ehrmann), Tapeten, Glaswaren und Leuchten zu sehen – alles mit unzähligen Originalfotos und -publikationen ergänzt.
Gezeigt werden mehr als 200 Objekte in zwölf Themengruppen. Dem „E.1027“, dem Sommerhaus in Roquebrune-Cap-Martin von Eileen Gray, ist ebenso ein Kapitel gewidmet wie der Frankfurter Küche von Margarethe Schütte-Lihotzky (im Original). Und es gibt eine ganze Sektion, die sich ausschließlich Produkten für Kinder annimmt. Das Café „Samt & Seide“ von Lilly Reich für die Ausstellung „Die Mode der Dame“ (Berlin 1927) wurde inklusive Bar (leider nicht bespielt) rekonstruiert. Und die Originalmöbel aus der Maison du Brésil (1959) von Le Corbusier, Lúcio Costa und Charlotte Perriand werden im Nachbau eines Studentenzimmers mit der dazugehörigen Wandfassung gezeigt.
Was die Ausstellung ebenfalls leistet: eine Würdigung aller am Entwurfsprozess Beteiligten. So steht Le Corbusier hier fast ausschließlich im Kontext von Charlotte Perriand, Ludwig Mies van der Rohe in dem von Lilly Reich, Charles Eames ja ohnehin in dem von Ray Eames und umgekehrt, Eileen Gray in dem von Jean Badovici, ihrem Partner und Bauherrn des E.1027. Ein Fazit von „How Should We Live?“ könnte sein, dass „visionär“ keineswegs „futuristisch“ heißen, sondern vielmehr als Weitblick verstanden werden muss – und der richtet sich eben zwangsläufig und ganz besonders auch in die Vergangenheit.

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