Vertrauen in Vorhandenes
Im Architekturzentrum Wien zeigen die Arbeiten von Anupama Kundoo, wie sie mit dem baut, was da ist
Text: Schulz, Bernhard, Berlin
Vertrauen in Vorhandenes
Im Architekturzentrum Wien zeigen die Arbeiten von Anupama Kundoo, wie sie mit dem baut, was da ist
Text: Schulz, Bernhard, Berlin
Bauen, bauen, bauen, lautet der Schlachtruf – nicht nur in den von Wohnungsnot geplagten Großstädten Europas, sondern ebenso in Asien, in Afrika, schier überall. Zwei Fünftel des menschengemachten CO2-Ausstoßes entstammen dem Bausektor, doch eine Wende ist nicht in Sicht.
Es sind Einzelne, die sich dem globalen Trend entgegenstellen. Anupama Kundoo ist eine von ihnen, eine Architektin, die sich vom Beginn ihrer Laufbahn an dem Bauen mit industriell hergestellten Materialien verweigert hat und eben das gesucht – und auch gefunden – hat, was es scheinbar nicht gibt: eine Alternative zu Stahl und Beton. Die Alternative heißt nicht nicht bau-en, sondern anders bauen, heißt vor allem, nicht ohne oder gegen die Menschen bauen, sondern mit ihnen und ihren hergebrachten Fähigkeiten.
Die 1967 geborene Anupama Kundoo ist als Kind einer aus Ost-Bengalen stammenden Familie im damaligen Bombay aufgewachsen, und gerade als das heutige Mumbai als Wirtschaftsmetropole Indiens regelrecht zu explodieren begann, ging sie nach dem Studium der Architektur 1989 ins südindische Auroville. Was aus dem Französischen entlehnt Stadt der Morgenröte bedeutet, sollte ein Ort alternativen Lebens sein. Gegründet in den späten 60er Jahren, war Auroville vor allem ohne privaten Grundbesitz, was der jungen Stadt den Ruf einer Hippie-Kommune eintrug. Dort sind Bauten entstanden, die beispielhaft sind, nicht als Utopien von gestern, sondern als Gegenmodelle, die heute aktueller sind denn je. Anupama Kundoo hat mit den Entwürfen ihres 1990 gegründeten Büros maßgeblich dazu beigetragen, und mehr als ein Dutzend Bauten wurden in dem Ort ausgeführt, andere im nahen Puducherry.
Ihr und ihrem Werk ist die derzeitige Ausstellung im Architekturzentrum Wien (AzW) gewidmet, erarbeitet von Angelika Fitz und Elke Krasny in Zusammenarbeit mit der Architektin selbst. Im Grunde ist es eine Miniaturausgabe ihres bisherigen Lebenswerks, vom Grundriss der Ausstellung in einem der langgestreckten Räume des AzW angefangen über die 1:1-Modelle bis hin zu den Materialproben ihrer Forschung.
Die Professorin an der TU Berlin greift traditionelle Materialien und Techniken auf, aber sie ist keine Traditionalistin, die die vernakuläre Architektur unkritisch fortführt. Ihr geht es um Weiterentwicklung, welche die Fähigkeiten und Kenntnisse überlieferter Bauweisen aufgreift und für Zukünftiges fruchtbar macht. Ihre luftige Wohnstatt aus palmseilverbundenen Ästen des lokalen Casuarinabaums, in der sie es in Auroville jahrelang ausgehalten hat, ist im AzW als Nachbau zu sehen, gewissermaßen Anupa-ma Kundoos Neuformulierung der Urhütte – erkennbar kein Modell für die Bewältigung massenhafter Wohnungsnot.
Anders verhält es sich mit ihrem unter Kennern berühmten Wall House mit seiner Verbindung von Ziegelmauerwerk und Holz. Die natürliche Klimatisierung steht obenan, wobei das tropische Monsunklima in Tamil Nadu Anforderungen stellt, die sich naturgemäß nicht ohne Weiteres auf andere Regionen übertragen lassen. Aber darum geht es auch gar nicht, sondern um eine spezifische Haltung der Gesamtheit dessen gegenüber, was Bauen bezeichnet.
Die Wiener Ausstellung steht unter dem Titel „Reichtum statt Kapital“ und fragt „Was, wenn Architektur kein Instrument des Kapitals wäre?“ Das ist eingängig, aber es zielt auf allzu leichten Beifall und wird Anupama Kundoo nicht gerecht. Denn die Defizite des Bauens unter kapi-talistischen Bedingungen sind überwiegend Probleme des Bauens überhaupt, insbesondere wo mit Beton und Stahl gebaut wird, diesen so furchtbar folgenreichen Errungenschaften der Moderne. Anupama Kundoo setzt dem global vereinheitlichten Bauen einen anderen Begriff von Reichtum entgegen, der auf das Überlieferte und das Vorhandene setzt oder „die Verbindung von High und Low Tech“, wie es im zum Glück differenzierteren Ausstellungstext heißt. Ihre Praxis sei „zugleich technologisch und spirituell, modernistisch und ökologisch, traditionell und innovativ, sozial und schön“.
Gerade weil immer beides zugleich zutrifft, sowohl als auch, lässt sich Kundoos Baukunst nicht einfach kategorisieren. Es ist gerade das Eingehen auf die vorzufindenden Bedingun-gen und Möglichkeiten, was ihre Architektur auszeichnet. So hat sie mit den lokalen Kräften konisch geformte Hohlziegel ersonnen, die sich ineinanderstecken lassen und als Gewölbe dienen können wie beim eigenen Wall House – nur eben material- und damit gewichtssparender als konventionelle Betondecken. Man erinnert sich, dass Schinkel-Schüler Friedrich August Stüler beim Neuen Museum in Berlin „Topfziegel“ eingesetzt hat, aus genau denselben Gründen der Gewichtsersparnis. Im englischsprachigen Begleitbuch zur Ausstellung ist ein Beitrag zu lesen, in dem Schinkel und seine Wiederentdeckung des lokalen, brandenburgischen Backsteins gewürdigt wird.
Erde, Lehm, Stein, Ziegel, das sind die bevorzugten Materialien. Doch ganz ohne Zement kommt auch Kundoo nicht aus, und auch nicht ohne Baustahl für schlanke Betonsäulen. Besonders angetan hat es ihr der Ferrozement, der auf engmaschigem Drahtgeflecht aufgebracht wird und extrem dünne Decken ermöglicht.
Es geht nicht nur um die Technik des Bauens, sondern auch um die Aufhebung der Entfremdung, die mit der Industrialisierung des Bauens einhergegangen ist. Menschen sollen nicht mehr nur Rädchen im Baugetriebe sein, sondern Baumeister ihrer eigenen Behausungen. Dass es neben der Fülle lokal zur Verfügung stehender Materialien auch eines ebensolchen Überflusses an menschlicher Arbeitskraft bedarf, um diese wunderschöne Handarbeits-Architektur zu schaffen, kommt in der Ausstellung allerdings nicht recht zum Vorschein.
Anupama Kundoo zwingt niemanden zurück in Bambushütten. In ihren Häusern gibt es selbstverständlich Elektrizität. Nur lässt sie, wenn nötig, die Leitungen offen verlaufen, falls einmal etwas geändert werden muss. Auroville ist mittlerweile von Selbstversorgung zu zentraler Belieferung mit Ökostrom übergegangen. Fortschritt, was immer man darunter verstehen mag, erfolgt in kleinen Schritten. Und kleine Schritte zurück zu einer, soweit möglich, lokalen Kreislaufwirtschaft sind es, die die Architektin getan hat, indem sie Bauten schuf, die nicht nur ökologisch sind, sondern auch schön.







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