Locktown Venedig

Der Tourismus in Venedig ist in den vergangenen Monaten zeitweise völlig zum Erliegen gekommen. Wie wirkt sich das aus auf die Stadt, in die normalerweise viele Millionen Besucher strömen?

Text: Kusch, Clemens F., Venedig

    Ohne Touristen müssen die Venezianer nicht auf Ge­heimwegen durch ihre Stadt gehen.
    Foto: Federico Sutera

    Ohne Touristen müssen die Venezianer nicht auf Ge­heimwegen durch ihre Stadt gehen.

    Foto: Federico Sutera

    Doch fällt auf, dass vieles vor allem als Touristenattrak­tion ex­istiert: Für alltägliche Besorgungen wird kaum jemand in diese Gondeln steigen.
    Foto: Federico Sutera

    Doch fällt auf, dass vieles vor allem als Touristenattrak­tion ex­istiert: Für alltägliche Besorgungen wird kaum jemand in diese Gondeln steigen.

    Foto: Federico Sutera

    Die absurden Preise für einen Espresso in einem Café auf dem Markusplatz sind legendär.
    Foto: Federico Sutera

    Die absurden Preise für einen Espresso in einem Café auf dem Markusplatz sind legendär.

    Foto: Federico Sutera

    Freie Platzwahl hatte man hier sonst trotzdem nie.
    Foto: Federico Sutera

    Freie Platzwahl hatte man hier sonst trotzdem nie.

    Foto: Federico Sutera

    Foto: Federico Sutera

    Foto: Federico Sutera

Locktown Venedig

Der Tourismus in Venedig ist in den vergangenen Monaten zeitweise völlig zum Erliegen gekommen. Wie wirkt sich das aus auf die Stadt, in die normalerweise viele Millionen Besucher strömen?

Text: Kusch, Clemens F., Venedig

Ein Spaziergang durch Venedig ist in diesen Zeiten ein besonderes Erlebnis. Anfang März ist die Region Veneto aufgrund der wieder steigenden Infektionen erneut zur sogenannten „roten“ Zone geworden. Alle nicht wesentlichen Läden und natürlich sämtliche Restaurants und Bars mussten schließen, Tische und Stühle sind von den Freiräumen entfernt worden, die Schüler sitzen zu Hause vor dem Bildschirm, um dem Unterricht online zu folgen, und kaum ein Hotel ist geöffnet. Die knapp 51.000 gemeldeten Einwohner genießen die leere Stadt und müssen keine Geheimwege mehr einschlagen, um den Touristen zu entkommen. Auf den Straßen trifft man nur wenige. Auch das Spazierengehen ist eigentlich nur in unmittelbarer Nähe des Wohnsitzes erlaubt. Einige Kinder spielen auf den Campi, und die Häuser spiegeln sich in den stillen Gewässern der Kanäle, auf denen kaum mehr Boote zirkulieren. Sogar Delfine wurden im Bacino San Marco zwischen Markusplatz und der Punta della Dogana gesichtet!
Man hört Geräusche, die vorher nicht zu hören waren, und sieht Details an den Palästen, die einem vorher nie aufgefallen sind. Wenn der Lockdown in anderen Städten ein trostloses und tristes Erscheinungsbild haben mag, in Venedig ist er ein ästhetisches Vergnügen, wie es in den letzten Jahren nie zu erleben war. Für diejenigen, die nicht vom Tourismus leben, ist dies ein Genuss – für die Mehrheit jedoch eine Katastrophe. Die Hauptindustrie der Stadt, die in den letzten Jahren weit über 20 Millionen Besucher pro Jahr zählte, ist zusammengebrochen. Hunderte Air­bnb-Wohnungen stehen leer, und selbst der Versuch, sie an Studenten zu vermieten, blieb erfolglos, da auch diese zum größten Teil zu Hause vor dem Bildschirm sitzen. Überall in der Stadt werden leere Läden zur Miete oder zum Kauf angeboten, da nach einem anfänglichen Versuch durchzuhalten viele inzwischen die Hoffnung aufgegeben haben, kurzfristig wieder zur „Normalität“ zurückzukehren. Allein die Läden der internationalen Modemarken, die sich um den Markusplatz immer mehr ausgedehnt haben, halten ihren Standort und beleuchten weiterhin die Vitrinen, die kaum mehr jemand beachtet. Die Museen und alle anderen Sehenswürdigkeiten mit Ausnahme der Kirchen bleiben geschlossen.
Als im Februar die Bürger Appelle lancierten, die Museen doch bitte wieder zu öffnen, äußerte sich der Bürgermeister entschieden dagegen, denn „es seien ja eh keine Touristen in der Stadt“. Dass die Venezianer die Möglichkeit nutzen wollten, die Sehenswürdigkeiten ihrer eigenen Stadt einmal ohne Touristen zu besuchen, ist ihm wohl nicht in den Sinn gekommen.
Was nicht stillsteht: die Baustellen für die Restaurierung und Sanierung der Bausubstanz. Verschiedene steuerliche Erleichterungen wurden von vielen Eigentümern wahrgenommen, um Dächer und Fassaden zu restaurieren, auch in der Hoffnung, dass der Immobilienmarkt bald wieder startet. Die derzeit wohl größte Baustelle ist die Restaurierung der Procuratie Vecchie, des nördlichen Flügels des Markusplatzes, der nach den Plänen von David Chipperfield umgestaltet wird. Der auf den Anfang des 15. Jahrhunderts zurückgehende 152 Meter lange Bau ist seit 1823 im Eigentum der Versicherungsgruppe Generali, die bis in die achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts hier ihren Hauptsitz hatte. Nun sollen ab dem nächsten Jahr auf den circa 12.400 Quadratmetern die Büros der Generali-Stiftung „The Human Safety Net“ und andere öffentliche und private Funktionen Platz finden.
Trotz der vielen Häuser, die in den letzten Jahren behutsam restauriert wurden, bleibt ein erheblicher Teil der Bausubstanz Venedigs ungenutzt. Für viele Palazzi findet sich keine adäquate Verwendung, und von außen machen sie den Eindruck, schon seit Jahren nicht belebt zu sein. Trotz allem bleibt Venedig für Investitionen und Zweitwohnungen attraktiv, was dazu führt, dass die Immobilienpreise weiter hoch sind.
Dies ist vielleicht auch dadurch zu erklären, dass nach jahrzehntelanger Baustelle, unendlichen Polemiken, Korruptionsskandalen und einer Investition von mehr als sechs Milliarden Euro die Absperrungen zum offenen Meer, das sogenannte Projekt MOSE, erstmals zum Einsatz gekommen sind. Als im vergangenen Oktober angekündigt wurde, dass bei dem anstehenden Hochwasser die Absperrungen zum ersten Mal die Lagune vom offenen Meer trennen sollten, sind nach dem Ertönen der Hochwasser-Sirenen die meisten Venezianer trotzdem mit Gummistiefeln aus dem Haus gegangen. Doch die Stadt blieb trocken, die Stiefel wurden nicht gebraucht, und auch die Stege, die aufgebaut wurden, blieben ungenutzt! Das Pharaonen-Projekt hatte funktioniert, und auch in den folgenden Tagen bei erneuten Hochwasserwarnungen wurden die Absperrungen geschlossen. Gleich danach gingen die Diskussionen um das Projekt wieder los: Denn jeder Einsatz der Absperrungen kostete circa 290.000 Euro, was bei wiederholtem Hochwasser zusammen mit der normalen Wartung zu jährlichen Betriebskosten von schätzungsweise knapp 100 Millionen Euro führen wird. Da fragt sich mancher, ob dieses Geld nicht besser hätte investiert werden können.
Die Hauptsorge der Venezianer für die Zukunft gilt so nicht mehr dem Hochwasser, sondern der Prognose, dass nach der Pandemie alles wieder zum „Alten“ zurückkehren wird: unkontrollierte Massen von Touristen, weiterer Rückgang der Einwohner und eine unaufhaltsame „Disneyfizierung“ der Stadt. Die neue Regierung Draghi hat immerhin ein erstes starkes Zeichen gesetzt. Die Anlegestelle der Kreuzfahrtschiffe wurde „provisorisch“ in den Industriehafen Marghera verlegt und die Durchfahrt vor San Marco verboten – bis dann eine endgültige Lösung gefunden werden soll, um die Schiffe möglichst ganz aus der Lagune zu holen. Somit wird wenigstens die eklatanteste Auswirkung des Massentourismus etwas aus dem Sichtfeld gerückt.
An Appellen, die aktuelle Situation als Chance zu nutzen, um die Zukunft der Stadt neu zu überdenken, hat es nicht gefehlt. Viele Bürgerinitia­tiven wurden gestartet, mehrere internationale Stiftungen und Institutionen haben Debatten geführt, viele Artikel wurden in der lokalen und auch internationalen Presse veröffentlicht, konkrete Vorschläge wurden gemacht.
Förderungen, um wieder Einwohner nach Venedig zu bringen, Schutz von traditionellen Handwerksberufen, Lizenzstopp für Hotels und B&B, Verbot für Kreuzfahrtschiffe in der Lagune, Förderung von Konzessionen von Palästen für Ins­titutionen, die zum Tourismus alternative Arbeitsplätze schaffen, Angebot von Räumen für Künstler und Forscher, elektrischer Antrieb für die Boote in der Lagune sind nur einige der vorgeschlagenen Maßnahmen.
Die Vereinigung der vielen internationalen Komitees, die sich seit Jahren für den Erhalt der venezianischen Kunst und Architektur einsetzen und sie konkret fördern, möchte eine „Carta di Venezia“ herausgeben, mit deren Hilfe die Interessen und der Erhalt der Stadt in Zukunft gewahrt werden sollen.
Über die meisten Themen sind sich viele kleine und größere Verbände und Initiativen einig, allerdings ist der Dialog der verschiedenen Akteure untereinander eher gering – und der mit der städtischen Verwaltung fast inexistent. Der Bürgermeister, der im vergangenen Herbst mit einer klaren Mehrheit wiedergewählt wurde (der Großteil seiner Wähler wohnt wie er selbst jedoch auf dem Festland), sieht diese Initiativen als eine Gefährdung seiner Arbeit und der wirtschaftlichen Interessen, die besonders in der Nach-Covid-Zeit den Vorrang haben sollen. Einziges hoffnungsvolles Zeichen ist die vor wenigen Wochen angekündigte Initiative der Region Veneto, Venedig als „Hauptstadt der Nachhaltigkeit“ (Venezia Capitale della Sostenibilità) zu fördern. Die Ansätze der Initiative gehen in die richtige Richtung, schon allein deshalb, weil die öffentliche Hand zum ersten Mal die Probleme richtig erkannt hat. Ob die guten Vorsätze auch umgesetzt werden und ob es dann zu einer entschiedenen Wende kommen wird, ist im Moment nicht abzuschätzen. Die wenigen Venezianer, die bleiben werden, müssen sich zunächst darauf vorbereiten, bald wieder alte Geheimwege aufzusuchen, um den Touristenmassen zu entkommen.

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