Bauwelt

Ist Gestaltung politisch?

Die Ausstellung „Formen der Anpassung. Kunsthandwerk und Design im Nationalsozialismus“ zeigt Maßnahmen des totalitären Staats auf, sich bis zu Gebrauchsgütern hin Ausdruck zu verschaffen. Auch die Integrität der Gestalter wird im Leipziger Grassi Museum für Angewandte Kunst beleuchtet.

Text: Kasiske, Michael, Berlin

Ist Gestaltung politisch?

Die Ausstellung „Formen der Anpassung. Kunsthandwerk und Design im Nationalsozialismus“ zeigt Maßnahmen des totalitären Staats auf, sich bis zu Gebrauchsgütern hin Ausdruck zu verschaffen. Auch die Integrität der Gestalter wird im Leipziger Grassi Museum für Angewandte Kunst beleuchtet.

Text: Kasiske, Michael, Berlin

Das Bauhaus Dessau und die Staatliche Bauhochschule Weimar sind schon vor der Regierung Hitlers 1933 geschlossen worden, der Deutsche Werkbund wurde kurz danach gleichgeschaltet. Die Nationalsozialisten vereinnahmten Formgebung als Teil ihrer Kommunikation, viele Gestalterinnen und Gestalter ließen sich aus individuellen Motiven darauf ein. Beides will die Ausstellung „Formen der Anpassung“ konzentriert und anschaulich erörtern.
Im Ausstellungssaal wird ein Überblick gegeben, in der Orangerie sind Werke präsentiert, die zwischen 1933 und 1941 auf der „Grassimesse“ erworben wurden. In beiden leuchtet die Ambivalenz zwischen Haltung und Objekten auf. Sei es bei Wilhelm Wagenfeld, der trotz seiner offenen Kritik am Ausschluss jüdischer Kollegen aus dem Werkbund bei den neuen Machthabern mit modernen „Urformen“ reüssierte; sei es die jüdische Bildhauerin Valerie Jorud, deren abstrakte Textilarbeiten das Grassi noch 1935 ankaufte.
Den Überblick verantwortet Frank Werner, der mit seiner Dissertation „Bauhaus-Gestaltung im ‚Dritten Reich‘“ die Karrieren von Mitgliedern der Metallklasse Moholy-Nagy in Industrie und Handwerk eingehend erforscht hat. So weist er nach, dass in dem unter der Schirmherrschaft des Kunstdienstes realisierten Musterkatalog „Deutsche Warenkunde“ ehemalige Bauhäusler überproportional vertreten waren. Der Kragstuhl von Ludwig Mies van der Rohe als Beispiel für das Verwenden von Stahl wird anonym aufgeführt, bei Walter Gropius’ Ofen heißt es nur „in Zusammenarbeit mit namhaften Architekten“, für Marguerite Friedlaender-Wildenhains Geschirr wird lediglich die Werkstatt erwähnt.
Die aus den gleichgeschalteten Gewerkschaften entstandene Deutsche Arbeitsfront griff auf Modelle namens „Schönheit der Arbeit“ zurück, die als Massenprodukte den Bedarf von Fabriken und Ämtern abdeckten, wie etwa das von Heinrich Löffelhardt entworfene bauchige Kantinengeschirr, das von verschiedenen Porzellanmanufakturen hergestellt wurde.
In dem 1938 veröffentlichten Film „Aus gutem Holz“ von Victor Borel sind „Möbel keine Schaustücke, sie haben von Alters her ihren Zweck zu erfüllen.“ Die schlichten Alltagsobjekte sollten bodenständig gegenüber Historismus und moderner Sachlichkeit wirken, obschon sie ebenfalls Industrieprodukte waren. Wie eine Open Source hingegen erscheint der Tübinger Stuhl: Die Werkszeichnung für den Nachbau konnte kostenlos beim 1933 ins Leben gerufenen Amt für Schönheit der Arbeit angefordert werden. Holz anstelle von Stahl und Eisen zu bevorzugen, sollte materiell nicht zuletzt auch der Aufrüstung zugute kommen.
Von dem als Kommunisten verfolgten Franz Ehrlich ist eine repräsentative Wiege zu sehen, die er in der Werkstatt des Konzentrationslagers Buchenwald für den Lagerkommandanten fertigte, um durch begehrte Möbel selbst zu überleben. Wohl ebenfalls von dort sind zwei behäbige Sessel aus dem Nachlass des Architekten Ehrlich, der zu diesem Zeitpunkt bereits entlassen und in der Zentrale des SS-Bauwesens tätig war. Hier ist die Anpassung des später in der DDR wieder modern entwerfenden Ehrlichs mit den Händen zu greifen. Auch war er Nutznießer geworden, hat aus seiner Sicht damit aber die Arbeit der Häftlinge gesichert und sie vor dem mörderischen Steinbruch bewahrt.
Unter den in der Orangerie vorgestellten fünfzehn Ankäufen in der NS-Zeit von der Messe des Grassi Museums stechen die Wandteppiche hervor. Erzählende Motive wie Stadtansichten oder ein Lebensbaum weisen freilich abstrakte Elemente auf, denen Weberinnen wie Alen Müller-Hellwig oder Bertha Möller um 1930 durchaus noch zugetan waren.
Sowohl die seinerzeit persönlich oft bedrückende Situation der Gestaltenden als auch die willfährig angenommene Gunst der Machthaber werden in Ausstellung und im empfehlenswerten Katalog deutlich. Darüber hinaus offenbaren sie die skrupellose Wucht, mit der die Nationalsozialisten ihre Vorstellung durchsetzten. Gestaltung ist politisch, bis in die Gegenwart, siehe Trumps Triumphbogen, siehe das Kapitel „Schöner Bauen“ im Wahlprogrammentwurf der sächsisch-anhaltischen AfD.

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