Gegenpol Tirol
Von Braukunst zur Baukunst: Das ehemalige Adambräu in Innsbruck hat sich nach über 20 Jahren als Haus der Architektur über die Tiroler Grenzen hinaus etabliert.
Text: Stock, Wolfgang Jean, München
Gegenpol Tirol
Von Braukunst zur Baukunst: Das ehemalige Adambräu in Innsbruck hat sich nach über 20 Jahren als Haus der Architektur über die Tiroler Grenzen hinaus etabliert.
Text: Stock, Wolfgang Jean, München
Eine „fast flächendeckende baukulturelle Dürre“ bescheinigte der Architekt Helmut Reitter noch Anfang der 1990er Jahre seinem Heimatland Tirol. Doch es blieb nicht bei der Klage: Ende 1993 gründete die Architektenschaft das Architekturforum Tirol mit eigenen Räumen in Innsbruck. Anfangs von Politik und Verwaltung mehr als kritisch beäugt, weil das Forum mit harten Stellungnahmen nicht sparte, entwickelte es sich unter der Leitung von Arno Ritter zu einem regionalen Zentrum für Baukultur mit überregionaler Ausstrahlung. Der eigentliche Aufschwung setz-te im Jahr 2005 ein, nach dem Umzug in den ehemaligen Adambräu in der Nähe des Hauptbahnhofs, der 1927 nach Plänen von Lois Welzenbacher fertiggestellt worden war. Dieses Meisterwerk der frühen Tiroler Moderne, mehrfach von Abriss bedroht und erst spät als Denkmal anerkannt, konnte nur durch eine neue kulturelle Nutzung gerettet werden, durch den Umbau zum Tiroler Haus der Architektur (Bauwelt 7.2005). Zu diesem schwer erkämpften Glücksfall gehörte, dass zeitgleich das zuvor provisorisch untergebrachte Archiv für Baukunst als Forschungsinstitut der Universität Innsbruck einziehen konn-te, das seither von Christoph Hölz geleitet wird.
Eine ideale Verbindung unter einem Dach: Um die Geschichte kümmert sich das Archiv, um die Aktualität der Architektur das frühere Forum, das sich seit dem Umzug leider den umständlichen Namen aut. architektur und tirol zugelegt hat. Arno Ritter war aus Wien gekommen, Christoph Hölz aus München – und beide sind in dem ehemals fast provinziellen Innsbruck geblieben, weil sich ihre Institutionen seit 2005 prächtig entfaltet haben. Das gab im abgelaufenen Jahr einen Anlass zum Feiern. Es ist hinsichtlich der Sammlung, Erschließung und Vermittlung von Architektur im westlichen Bundesland Tirol ein Gegenpol zu Wien entstanden, zum dortigen Architekturzentrum AzW. Mit dessen finanzieller und personeller Ausstattung kann Innsbruck nicht mithalten, doch hat man im Adambräu gezeigt, was mit wesentlich geringeren Ressourcen möglich ist.
Das Archiv für Baukunst kann sich auch deshalb von der Sammlung des AzW absetzen, weil es seinen traditionellen Schwerpunkt pflegt, das Planen und Bauen im Alpenraum. Bei unserem Besuch gibt Christoph Hölz anhand von Plänen, Modellen und Zeichnungen einen Einblick in die „Schätze“ aus der frühen Tiroler Moderne: etwa zu Bauten und Projekten von Franz Baumann, Theodor Prachensky und Lois Welzenbacher. Besonders zahlreich vertreten ist Clemens Holzmeister, darunter mit einem großen Modell des Hotels „Drei Zinnen“ im Südtiroler Hochpuster-tal. Das umfangreiche Lebenswerk von Holzmeister wird in den nächsten Jahren noch eigens erforscht werden. Die Tätigkeit des Archivs, die mittlerweile bis in die Gegenwart reicht, ist mit derzeit rund siebzig Nachlässen derart umfangreich geworden, dass ein Außendepot eingerichtet werden musste.
Ebenso wie Hölz, der vor allem seine Verbindungen nach Bayern und Südtirol nutzt, ist auch Arno Ritter international vernetzt. Bereits in seinen frühen Jahren gelang es ihm, Stars wie Dominique Perrault und Zaha Hadid zu Auftritten nach Innsbruck zu locken. Ähnliches gilt für seine Ausstellungen, die erstaunlich oft Eigenproduktionen sind. Geradezu eine Pionierleistung waren die beiden Präsentationen „Italomodern“ mit den preisgekrönten Büchern: Erstmals wurde hier oberitalienische Architektur nach 1946 derart umfangreich vorgestellt. Es zeichnet das aut aus, dass es internationale Positionen im Wechsel mit nationalen Leistungen zeigt. Im Lau-fe der Jahre fanden über neunzig Ausstellun-gen statt.
Die Beziehung zwischen Archiv und aut war anfangs nicht reibungslos. Doch durch die Tätigkeit im gemeinsamen Haus haben sich Kooperationen ergeben, etwa bei der Ausstellung des Architekturfotografen Klaus Kinold (Bauwelt 10. 2018) oder für das kommende Frühjahr eine Ausstellung über die beiden prägenden Innsbrucker Architekturprofessoren Othmar Barth und Leopold Gerstel. Auch auf diese Persönlichkeiten kann Tirol stolz sein.






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