Fragmentierte Kindheiten
Die meisten Menschen denken bei „Minderheiten“ wahrscheinlich nicht zuerst an Kinder – doch die Bevölkerungsstatistik zeigt: Noch nie standen so viele Rentner so wenigen Kindern gegenüber. Die Autoren von „Kinder – Minderheit ohne Schutz“ machen deutlich, dass Kinder gesellschaftlich benachteiligt sind. Durch räumliche Segregation wachsen sie in sehr unterschiedlichen Lebenswelten auf. Superdiversität trifft dabei auf homogene Wohnorte, die kaum Berührungspunkte miteinander haben. Ein Auszug aus dem Buch.
Text: Kurtenbach, Sebastian, Münster
Fragmentierte Kindheiten
Die meisten Menschen denken bei „Minderheiten“ wahrscheinlich nicht zuerst an Kinder – doch die Bevölkerungsstatistik zeigt: Noch nie standen so viele Rentner so wenigen Kindern gegenüber. Die Autoren von „Kinder – Minderheit ohne Schutz“ machen deutlich, dass Kinder gesellschaftlich benachteiligt sind. Durch räumliche Segregation wachsen sie in sehr unterschiedlichen Lebenswelten auf. Superdiversität trifft dabei auf homogene Wohnorte, die kaum Berührungspunkte miteinander haben. Ein Auszug aus dem Buch.
Text: Kurtenbach, Sebastian, Münster
Der demografische Wandel verändert unsere Gesellschaft und die Orte unseres täglichen Lebens. Dies geschieht oft schleichend, ist aber nicht trivial, denn es hat Auswirkungen auf die Art und Weise, wie Kinder aufwachsen. Kindheiten sind einerseits von Superdiversität geprägt. Andererseits sind die Orte, an denen Kinder aufwachsen, also die Stadtteile oder Dörfer, relativ homogen. Die Bevölkerung eines Stadtteils gleicht sich immer mehr an, die Stadtteile unterscheiden sich immer mehr voneinander. Diese Unterschiede zwischen den Stadtteilen und damit auch zwischen den Wohnorten sind größer geworden. In der Folge kommt es zur Ausprägung verschiedener Alltagswelten und damit auch Normalitätsvorstellungen. Was dann eine gute Kindheit ausmacht, kann in einer von Armut geprägten Plattenbausiedlung ganz anders gesehen und umgesetzt werden als in einem Neubaugebiet in Innenstadtnähe. Auch deshalb ist es schwierig, die Bedürfnisse der Kinder in den Mittelpunkt zu stellen: Der gemeinsame Bezugspunkt fehlt, eben weil sich die Lebenswelten so unterscheiden. Wenn nur die Vorstellungen der Menschen an einem Ort berücksichtigt werden, geraten Kinder aus anderen Lebenswelten automatisch aus dem Fokus, und das können wir uns gesellschaftlich aufgrund der demografischen Schieflage nicht mehr leisten. Dabei ist es wichtig, nicht das Bild einer Polarisierung von Lebenswelten, wie z. B. arme versus privilegierte Kinder, zu entwickeln, sondern das einer Fragmentierung, die viel komplexer ist. „Fragmentierte Kindheiten“ meint, dass die Normalitäten, die Kinder in ihrem Alltag erfahren, immer unterschiedlicher werden. Das zeigt sich vor allem in einer räumlichen Perspektive, also bei der Betrachtung von Regionen oder Städten und besonders von Stadtteilen.
Für das Verständnis fragmentierter Kindheiten ist grundsätzlich von fünf Dimensionen der Differenz in der Lebensrealität von Kindern auszugehen. Erstens die Ressourcenausstattung der Familie, die sowohl finanzielle Mittel, Zeit als auch Kompetenzen und Wissen darüber umfasst, wie man sich in der Welt zurechtfindet. Zweitens die alltägliche Lebenswelt der Nachbarschaft, in der soziale Erfahrungen gemacht werden. Kinder in hochgradig durchmischten städtischen Quartieren erleben eine andere Art von Gemeinschaft und Alltag als Kinder in homogen erscheinenden ländlichen Quartieren. Drittens die Struktur der alltäglichen, formell organisierten Bezugskontexte, also der Orte, an denen Zeit verbracht wird. Für Kinder sind dies Sonderumwelten wie Schulen oder Sportvereine. Viertens die Erreichbarkeit von informellen Freiraumen wie Spiel- oder Sportplätzen, auf denen Fertigkeiten entwickelt und erprobt werden können. Fünftens unterstützende Bezugspersonen im sogenannten sekundären Netzwerk. Das meint beispielsweise Sporttrainer:innen oder Lehrer:innen, die erweiterte Erfahrungen ermöglichen. Kinder stehen in Beziehung zu diesen fünf Dimensionen und entwickeln so ihr Verständnis der Welt. Allerdings haben sich diese Dimensionen selbst so weit ausdifferenziert, dass in ihrem Zusammenwirken Lebenswelten entstanden sind, die keine realen Berührungspunkte mehr miteinander haben und sich aus ihrer Binnenlogik heraus auch nicht mehr aufeinander beziehen müssen. […] Kindheiten unterscheiden sich in Deutschland immer radikaler voneinander. […]
Fragmentierte Kindheiten in der Stadt und auf dem Land
Die ungleiche Verteilung von Bevölkerungsgruppen auf die Viertel einer Stadt wird als Segregation bezeichnet. Der Blick auf Segregationsmuster ist dabei hilfreich, Fragmentierungsmuster zu analysieren, aber auch, um das Ausmaß von Superdiversität auf räumlicher Ebene abzubilden. Zudem bildet Segregation die Voraussetzung für Benachteiligung durch den Raum als Alltagswelt. Üblicherweise wird zwischen sozialer Segregation (ungleiche Verteilung von Einkommensgruppen), ethnischer oder auch kultureller Segregation (ungleiche Verteilung von Zuwanderern, was aber ihre Diversität ausblendet) und demografischer Segregation (ungleiche Verteilung von Altersgruppen) unterschieden.1 Diese drei Segregationstypen hängen in Großstädten häufig miteinander zusammen. In vielen Städten leben dort die meisten armutsgefährdeten Menschen, wo auch die meisten Migrant:innen und die meisten Kinder wohnen.2
Das mag man kaum glauben, wenn man sich familiengeprägte Neubaugebiete anschaut. Dort sind Kindheiten besonders sichtbar, auch weil es sich die Familien leisten können, ihr Lebensmodell auf Kinder auszurichten und trotzdem ein stabiles Einkommen zu erwirtschaften. In Großwohnsiedlungen wie Hamburg-Mummelmannsberg, Halle-Neustadt oder München-Neuperlach oder auch in belasteten ehemaligen Arbeitervierteln wie der Dortmunder Nordstadt oder dem Berliner Wedding hingegen leben zwar im Verhältnis zur Bevölkerung mehr Kinder und kinderreiche Familien als in den wohlhabenderen Stadtteilen, sie sind aber weniger sichtbar. Eher wird auf die Bedarfe anderer Gruppenzuschnitte wie Arbeitssuchende, Studierende oder Ältere Rücksicht genommen, wodurch die Bedürfnisse von Kindern in den Hintergrund treten.
Segregation bietet den Rahmen der Alltagswelten von Kindern. Sie ist kein Zufall. Dahinter stehen Verteilungsmechanismen, die es schon lange gibt. Um zu verstehen, wo sich Kindheiten räumlich konzentrieren, muss man wissen, wie es zu dieser Ungleichverteilung kommt. Wer wo wohnt, wird vor allem durch drei Faktoren bestimmt: Erstens durch das ökonomische Kapital der Haushalte, das ihre Chancen auf dem Wohnungsmarkt bestimmt – für Kinder heißt das, durch den Geldbeutel der Eltern. Neben dem Einkommen sind hier auch die Besitzverhältnisse relevant. Das führt dazu, dass Reiche dort wohnen, wo sie wollen, und Arme dort wohnen, wo sie können. Tatsächlich sind die einkommensstarken und vermögenden Haushalte auch diejenigen, die am häufigsten „unter sich“ in einem Stadtteil leben und über die aus wissenschaftlicher Sicht am wenigsten bekannt ist. Das liegt auch daran, dass sich Haushalte mit sehr hohem Einkommen nur selten an Befragungen beteiligen.3 Zweitens wird die Segregation durch die Struktur des Wohnungsmarktes bestimmt, also davon, welche Wohnungen wo überhaupt verfügbar sind. Wenn es in einem Stadtteil nur Villen gibt, die nicht vermietet werden, dann gibt es dort wahrscheinlich kaum preisgünstigen Wohnraum. Drittens entscheiden sich die individuellen Präferenzen im Hinblick auf Lage und Ausstattung der Wohnung.4 Denn Wohnen ist zum Statussymbol geworden. Wohlhabende konnten mehr Quadratmeter in Lagen bekommen, die günstiger sind als die, wo sie heute unter ihresgleichen wohnen.5 Dass Wohlhabende in Stadtteile mit günstigen Mieten oder Bodenpreisen ziehen, um dort mehr Platz für ihr Geld zu bekommen, ist aber zumindest kein verbreitetes Phänomen. Ein Beispiel hierfür sind die Nachbarstädte Düsseldorf und Duisburg. Wohlhabende Haushalte aus dem teuren Düsseldorf ziehen nicht in nennenswertem Umfang in das durch den Strukturwandel gekennzeichnete günstigere Duisburg, um dort in einer größeren Wohnung zu leben. Wohnen ist ein Mittel der Distinktion, bei denen, die es sich aussuchen können, ist es auch immer Ausdruck eines Lebensstils: Ein kleines Haus auf dem Land mit Garten zur Selbstversorgung ist ebenso ein Code der Lebensführung wie eine sanierte Altbauwohnung in Innenstadtlage mit eigenem Fahrradparkplatz.
Zum Gesamtbild der Entwicklungen der Alltagswelten von Kindern gehört auch, dass der demografische Wandel sich auf den Wohnungsmarkt auswirkt. Dabei wird oft angemerkt, dass die Anzahl und auch der Anteil an Einpersonenhaushalten zugenommen habe. Das stimmt zwar, ist aber ein Phänomen, das in allen Altersgruppen vorkommt. Studierende und Auszubildende leben genauso häufig in einem Einpersonenhaushalt wie ledige oder geschiedene Menschen mittleren Alters oder Ältere, die noch in den Wohnungen leben, die sie mit ihren inzwischen erwachsenen Kindern bewohnt haben. Haushalte mit Kindern sind in Deutschland zur Minderheit geworden. Im Jahr 2000 lebte noch in etwa jedem vierten Haushalt in Deutschland ein Kind unter 18 Jahren, zwanzig Jahre später nur noch in jedem fünften.6 Viel wichtiger als die Haushaltsgröße ist allerdings, dass sich Familienhaushalte immer häufiger auf wenige Stadtteile konzentrieren, was am angespannten Wohnungsmarkt, aber auch an der Struktur des Wohnangebots selbst liegt. Denn bereits heute gibt es für Familien insbesondere in den Ballungsräumen kaum noch bezahlbaren Wohnraum, sie ziehen häufig, wenn sie es sich leisten können, in Neubaugebiete mit Einfamilienhäusern, die zwar mittelschichts- und familiengeprägt sind, aber nur wenige generationenübergreifende Kontakte in der Nachbarschaft ermöglichen. Solche Mittelschichtsfamilienreservate mit einer demografischen Monokultur haben das strukturelle Problem, dass die Eigenheimbesitzer:innen bei ihrem Zuzug in das Wohngebiet in einem ähnlichen Alter sind, sodass die Altersstruktur des Stadtteils relativ einseitig ist. Die Folge ist, dass auch die meisten Kinder des Wohngebietes innerhalb weniger Jahre ausziehen und so aus einer Familiensiedlung in relativ kurzer Zeit eine Großelternsiedlung wird. Dieses Phänomen ist in Deutschland vor allem
in den Vororten der Großstädte in den alten Bundesländern zu beobachten. Dort wurden in den 1970er-Jahren viele Einfamilienhäuser gebaut, und Familien zogen aus der Stadt ins Umland oder gar nicht erst in die Stadt. Inzwischen sind viele dieser Gebiete überaltert, die mittlerweile erwachsenen Kinder sind fortgezogen, und die Häuser sind in einem schlechten energetischen Zustand, sodass bei einer Übernahme durch die nächste Generation teure Sanierungsmaßnahmen erforderlich waren. Reine Familienquartiere sind keine nachhaltige Lösung für eine generationengerechte Stadt- und Quartiersentwicklung, sondern eine Sonderumwelt für sich mit eigenen Problemen.
in den Vororten der Großstädte in den alten Bundesländern zu beobachten. Dort wurden in den 1970er-Jahren viele Einfamilienhäuser gebaut, und Familien zogen aus der Stadt ins Umland oder gar nicht erst in die Stadt. Inzwischen sind viele dieser Gebiete überaltert, die mittlerweile erwachsenen Kinder sind fortgezogen, und die Häuser sind in einem schlechten energetischen Zustand, sodass bei einer Übernahme durch die nächste Generation teure Sanierungsmaßnahmen erforderlich waren. Reine Familienquartiere sind keine nachhaltige Lösung für eine generationengerechte Stadt- und Quartiersentwicklung, sondern eine Sonderumwelt für sich mit eigenen Problemen.
Der Zusammenhang zwischen sozialer und demografischer Segregation hat in den letzten Jahren zugenommen, während der Zusammenhang mit ethnischer Segregation abgenommen hat, wie Marcel Helbig und Stefanie Jahnen in einer Auswertung zur Segregation in 74 deutschen Städten gezeigt haben.7 Kindheiten sind (zumindest in der Stadt) immer enger mit den Bedingungen räumlich verfestigter Armut verbunden. Fragmentierte Kindheiten finden sich in der Stadt in Form von Kindheitsinseln, die sich systematisch voneinander unterscheiden. In den Mittelschichtsvierteln sind Kindheiten häufig verregelt, d. h. sie finden kaum im öffentlichen Raum statt, sondern in Privathaushalten, Vereinen, Musikschulen, Bildungseinrichtungen oder kommerziellen Freizeitangeboten. In armutsgeprägten räumlichen Verhältnissen ist der öffentliche Raum häufig vernachlässigt, es gibt z. B. bei schlechtem Wetter kaum ausreichende Freizeitangebote, und auch die Auswirkungen anderer sozialer Probleme sind vor Ort stärker spürbar. Die unterschiedlichen Realitäten von Kindern in der Stadt haben Folgen für die nachfolgende Generation, aber auch für das gegenseitige Verständnis der Generationen.
Kindheiten in der Stadt, wozu seit etwa einem Jahrhundert geforscht wird,8 sind aber nur ein Teil des Bildes und nicht einmal der größte. Denn in kreisfreien Städten leben nur ein Drittel der unter 15-Jährigen in Deutschland. Zwei Drittel leben in Landkreisen.9 Studien zu Kindern in ländlichen Räumen liegen aber kaum vor, und nur wenige Arbeiten beschäftigen sich dezidiert mit sozialer Ungleichheit außerhalb von kreisfreien Städten. Die wenigen Befunde, die es gibt, weisen darauf hin, dass Ausmaß und Ausprägung von Ungleichheit für Kinder in ländlichen Räumen stärker sind als in Großstädten. Das verwundert im ersten Augenblick, da die Armutsquote in der Regel in kreisfreien Städten höher ist als in kreisangehörigen Kommunen oder Landkreisen.10 […]
Als erste Besonderheit ist Segregation innerhalb kleinerer Gemeinden zum Teil sehr stark ausgeprägt. Relativ wenige arme Familien reichen, um diese Ungleichverteilung herzustellen. Bei solchen segregierten Quartieren in ländlichen Räumen handelt es sich häufig um Geschosswohnungsbau, der in kleineren Gemeinden vergleichsweise selten ist. […]
Eine zweite Besonderheit der räumlichen Ausprägung von Kindheiten in Klein- und Mittelstädten ist die relative Homogenität der Quartiere. Allzu oft sind Einkaufsmöglichkeiten auf Einkaufszentren auf der grünen Wiese konzentriert, Gesundheitsangebote nur in der nächsten größeren Stadt verfügbar und Wohngebiete mehr oder weniger einheitlich bebaut. Das hat zur Folge, dass Kindheiten zwar durchaus behütet sein können, aber eben auch in relativ homogenen Erfahrungswelten stattfinden. Die häufig einheitliche Bebauung und Besitzverhältnisse ganzer Straßenzüge führt dazu, dass ähnliche Haushalte Tür an Tür leben. Die Konsequenz ist, dass die nachbarschaftlichen Bezüge häufig eng sind,11 Kinder aber kaum Erfahrungen mit Differenz sammeln oder solche verborgen wird.
Denn das führt drittens dazu, dass Armut und Einsamkeit unsichtbar gemacht werden.12 Dies scheint zunächst im Widerspruch zum Befund der Segregation zu stehen. An den Ergebnissen einer Studie im wohlhabenden Kreis Steinfurt lässt sich dieser Zusammenhang aber verdeutlichen:13 Dort wurden in sechs Orten Kurzinterviews mit armutsgefährdeten Familien geführt. Die Familien berichteten, dass sie sich aus der Öffentlichkeit zurückziehen und auch Elternabende etc. meiden. Gründe dafür sind soziale Scham und die Angst, dass man ihnen die Armut ansieht. Armut in Klein- und Vorstädten bedeutet für die Kinder allzu oft, dass sie lernen, ihre Lebensrealität zu verbergen. Gleichzeitig gibt es dort weniger Unterstützungsangebote als in Städten. Armut in Klein- und Mittelstädten ist trotz teilweise ausgeprägter Segregation nicht auf einzelne Quartiere beschränkt. Nicht verbreitet heißt aber nicht verschwunden, sondern nur nicht so einfach sichtbar.
Kindheiten in der fragmentierten Gesellschaft haben viele unterschiedliche und teilweise widersprüchliche Aspekte, was zur Folge hat, dass es keine Patentrezepte für politische Maßnahmen gibt. Sowohl in Großstädten als auch in Klein- und Mittelstädten gibt es nicht die Kindheit, sondern viele unterschiedliche Formen von Kindheiten, die sich in ihrer Realität substanziell voneinander unterscheiden, was auch auf räumliche Unterschiede zurückzuführen ist. Denn räumliche Fragmentierung ist nicht nur Ausdruck von Ungleichheit, sondern meint auch die Entkopplung unterschiedlicher Lebenswelten, die immer weniger aufeinander Bezug nehmen. So lernen Kinder zwar, sich in ihrer eigenen Lebenswelt zurechtzufinden, sie erfahren aber nicht unbedingt die Lebenswirklichkeit anderer, da sie ihre Zeit in ihren homogenen Erfahrungsorten wie Sportvereinen oder Schulen verbringen. Für die systematische Berücksichtigung wirklich aller Kinder auch außerhalb ihrer Sonderumwelten fehlen zurzeit die Rahmenbedingungen, sodass Kinder leicht übersehen werden. […]
Auf die Adresse kommt es an!
Die Nachbarschaft ist neben Familie und Freunden ein wichtiger Einflussfaktor für das Aufwachsen von Kindern.14 Es macht einen Unterschied, wo Kinder aufwachsen, wie aufmerksam die Nachbarn sind, ob die Umweltbedingungen gut sind usw. Der Stadtteil hat einen Einfluss auf die Lebenschancen vor Ort, d. h., ein Kind hätte andere Lebenschancen, wenn es in derselben Familie in einem anderen Stadtteil derselben Stadt aufwüchse.
Diese Effekte eines Stadtteils werden als Kontext-, Quartiers- oder auch Nachbarschaftseffekte bezeichnet und sind der Grund, warum uns Segregation nicht egal sein kann. Denn belastete Quartiere werden schnell zu belastenden Lebenswelten, vor allem für diejenigen, die im Alltag auf sie angewiesen sind, und das sind vor allem Kinder und ältere Menschen.15 […]
Bemerkenswert ist, wie sich der öffentliche Raum für Kinder in unterschiedlichen Gebietstypen unterscheidet. In den Ankunftsgebieten ist er oft von schlechter Qualität, mit wenigen Spiel- und vielen Verkehrsflächen. In den Relegationsgebieten hingegen ist der öffentliche Raum oft sehr kinder- und familienfreundlich. Es gibt Spielplätze, die vielerorts auch in einem guten Zustand sind. In den mittelschichtgeprägten Einfamilienhausgebieten hingegen ist öffentlicher Raum oft kaum vorhanden, auch wenn es einzelne Spielplätze gibt. Meist sind die Grünflächen privatisiert und als Hausgarten angelegt, die Verkehrsflächen sind verkehrsberuhigt. Der öffentliche Raum allein sagt wenig darüber aus, ob es sich um ein benachteiligendes Wohngebiet handelt. Vielmehr bietet er die Bühne, sich zu begegnen und voneinander zu lernen, man denke an den sozial-interaktiven Mechanismus von Kontexteffekten. Das bedeutet aber auch, dass abweichendes Verhalten wie Gewalt oder Drogenkonsum erlernt werden kann, vor allem dann, wenn es keine gemeinsamen Vorstellungen von Regeln gibt, die eingehalten werden sollen.16 Soziale Kontrolle verringert Kriminalität im Stadtteil, ist aber unter den Bedingungen von Armut häufig limitiert.17 […]
Der Text ist eine gekürzte Version des 4. Kapitels „Fragmentierte Kindheiten“
1 Strohmeier 2006
2 Jeworutzki u. a. 2017
3 Friedrichs 2018
4 Haußermann 2008
5 Das ist übrigens ein Risiko einer einkommensunabhängigen Mietpreisbremse, da dadurch einkommensstarke Haushalte theoretisch in der Lage wären, größere Wohnungen zu mieten und damit noch mehr Wohnraum zu konsumieren.
6 Eigene Berechnung auf Grundlage des Mikrozensus
7 Helbig/Jahnen 2018
8 Eine Pionierin der Kindheitsforschung war Martha Muchow, vgl. Muchow/Muchow 2014.
9 Eigene Berechnungen auf Grundlage von Daten des Statistischen Bundesamtes 2022
10 Eine qualitative Studie zu Segregation in ländlichen Räumen: Linke 2016. Eine informative Auswertung zu materieller Armut in ländlichen Räumen: Baba/Wilbert 2020
11, 13, 14 Kurtenbach 2024b (Kapitel 16)
12 Selke 2013. Auch in Bude 2008 wird dies immer wieder beschrieben.
15 Strohmeier 2010
16 Kurtenbach 2017
17 Zu den USA beispielsweise: Sampson 2012. Zu Deutschland und Australien: Gerstner u.a. 2019. ZU Südafrika Leslie u.a. 2015
2 Jeworutzki u. a. 2017
3 Friedrichs 2018
4 Haußermann 2008
5 Das ist übrigens ein Risiko einer einkommensunabhängigen Mietpreisbremse, da dadurch einkommensstarke Haushalte theoretisch in der Lage wären, größere Wohnungen zu mieten und damit noch mehr Wohnraum zu konsumieren.
6 Eigene Berechnung auf Grundlage des Mikrozensus
7 Helbig/Jahnen 2018
8 Eine Pionierin der Kindheitsforschung war Martha Muchow, vgl. Muchow/Muchow 2014.
9 Eigene Berechnungen auf Grundlage von Daten des Statistischen Bundesamtes 2022
10 Eine qualitative Studie zu Segregation in ländlichen Räumen: Linke 2016. Eine informative Auswertung zu materieller Armut in ländlichen Räumen: Baba/Wilbert 2020
11, 13, 14 Kurtenbach 2024b (Kapitel 16)
12 Selke 2013. Auch in Bude 2008 wird dies immer wieder beschrieben.
15 Strohmeier 2010
16 Kurtenbach 2017
17 Zu den USA beispielsweise: Sampson 2012. Zu Deutschland und Australien: Gerstner u.a. 2019. ZU Südafrika Leslie u.a. 2015







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