Exzentrik für Fortgeschrittene

Charles Jencks’ „Cosmic House“ in London

Text: Welzbacher, Christian, Berlin

    O.M. Ungers lässt grüßen. „The Four Square Room“, das Schlafzimmer von Jencks und seiner Frau.
    Foto: Sue Barr

    O.M. Ungers lässt grüßen. „The Four Square Room“, das Schlafzimmer von Jencks und seiner Frau.

    Foto: Sue Barr

    Baden in der Borromini-Kuppel. Jacuzzi des Hauses Jencks.
    Foto: Sue Barr

    Baden in der Borromini-Kuppel. Jacuzzi des Hauses Jencks.

    Foto: Sue Barr

    Die Gartenseite des Cosmic House – fast normale Londoner Wohnhausarchitektur.
    Foto: Sue Barr

    Die Gartenseite des Cosmic House – fast normale Londoner Wohnhausarchitektur.

    Foto: Sue Barr

Exzentrik für Fortgeschrittene

Charles Jencks’ „Cosmic House“ in London

Text: Welzbacher, Christian, Berlin

Zu den öffentlich zugänglichen Londoner Verrücktheiten ist eine neue hinzugekommen: das Cosmic House des Architekturtheoretikers Charles Jencks (1939-2019). Ein Jahr nach dem Erscheinen seines Hauptwerks „The Language of Post-Modern Architecture“ (1977) kauften er und seine Frau ein klassizistisches Reihenhaus in Holland Park, unweit des damals noch schäbigen Notting Hill. Jencks, selbst ausgebildeter Architekt, lud Michael Graves, Rem Koolhaas und Eduardo Paolozzi zu Entwürfen für die Interieurs ein, arbeitete jedoch in der Hauptsache mit dem damals kaum bekannten Terry Farrell (dessen Großprojekte erst ab den 1980er Jahren entstehen sollten). Über Jahre hinweg höhlte man die vorhandene Struktur regelrecht aus und gestaltete ein Gesamtkunstwerk der eben erfundenen Post-Moderne: ein symbolüberfrachtetes Labyrinth, ungeeignet scheinbar für echtes Leben. Überm Kaminsims thronen pseudoantike Skulpturen der Jencks-Familie. Die Küchenschränke bekrönt ein Triglyphenfries aus Löffeln. Die Bibliotheksregale bilden eine Art-Déco-Hochhausstadt en miniature. Jencks suchte „Sinn und Bedeutung“, bloße Funktion lehnte er ab. Jeder Raum hat sein eigenes, aus Natur und Kosmos abgeleitetes Thema. Und am Ende wird alles ironisch gebrochen.
Der Harvard-Absolvent aus reichem Elternhaus war in den Sechzigern nach London gekommen. Er las Aldo Rossis und Robert Venturis Schriften und arbeitete für den Theoretiker Reyner Banham, der kurz zuvor den Begriff „New Brutalism“ erfunden hatte. Jencks eiferte dem nach, indem er den Terminus „Post-modern“ von der Philosophie aufs Bauen übertrug und so sein eigenes Label prägte. Im Cosmic House steigerte er diesen Anspruch weiter: Analog zur Serliana brachte er überall ein Segmentbogenmotiv zum Einsatz, die „Jencksiana“. Exzentrik plus Egozentrik plus Sendungsbewusstsein gleich Größenwahn! Aber andererseits: Why not?
Um den Bau zu verstehen, muss man sich in seine Entstehungszeit versetzen. England war durch Deindustrialisierung hart getroffen, Arbeitslosigkeit und Streiks prägten das Land. Allmählich nahm der Neoliberalismus mit seinem entfesselten Bankensektor Fahrt auf, geboostert durch die 1979 ins Amt gewählte Regierung Thatcher. Es entstand der bis heute tief verfestigte ideologische Hass gegen den starken Staat und seine Beamten, den öffentlichen Wohnungsbau und die angeblich zu Faulheit führende Sozialfürsorge. Thatcher initiierte ein radikales Privatisierungsprogramm, faktisch den Ausverkauf des Staates. Dass Jencks in „The language…“ die Post-Moderne mit der Sprengung des Sozialwohnungskomplexes Pruitt Igoe beginnen lässt, ist kein Zufall: Die Polemik gegen die Moderne als propagandistischer Angriff auf den Sozialstaat ging mit dem Loblied des Self-Made-Kapitalisten einher. Das Ergebnis kann man heute sehen: explodierende Preise (Münchner Monatsmieten für eine Londoner Woche!), brennende Hochhäuser, leerstehende Spekulationsobjekte, Straßen voller Armut. Man sollte das beim Besuch des Cosmic House mitbedenken, zumal davon vor Ort keine Rede ist.
Neben dem Brutalismus (Robin Hood Gardens) ist in London inzwischen auch die Post-Moderne akut gefährdet. Demnächst wird das komplette Entrée von Venturis Sainsbury Wing der National Gallery umgestaltet. Dass der Immobilienmarkt hier gnädiger wäre, ist unwahrscheinlich. Viele (einst von Prince Charles gelobte) Beispiele in guten Lagen sind wie der Thronfolger stark gealtert, die Geier kreisen längst über den Bauplätzen. Vielleicht ist das Cosmic House bald das letzte authentische Werk des frühen Neoliberalismus in der englischen Architektur, Zeitzeugnis und Mahnmal in einem? Erhalten und fürs Publikum geöffnet wird es dank der von Jencks initiierten Stiftung unter Leitung seiner Tochter Lily. Wer also gern über Geschmack und/oder Ideologie streitet, sollte beim nächsten London-Besuch den beredten Bau ansehen. Ergänzend etwa zum John Soane-Museum oder einem Abstecher zu Jeremy Bentham, dem ausgestopften Philosophen im University College.

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