Bauwelt

Eine Jahrhundertgestalterin

In den Krefelder Museen veranschaulicht eine Werkschau die Arbeit der französischen Architektin und Designerin Charlotte Perriand

Text: Escher, Gudrun, Xanten

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Kaskadenartig in die französischen Alpen eingebettet: Arc 1600 ist eine der insgesamt 4000 Wohneinheiten umfassenden Ferienanlagen, die über 20 Jahre unter der Leitung von Charlotte Perriand entstanden
Abb.: Charlotte Perriand, Gaston Regairas, Résidence La Cascade (Arc 1600) Foto: Pernette Perriand Barsac, Archives Charlotte Perriand

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Kaskadenartig in die französischen Alpen eingebettet: Arc 1600 ist eine der insgesamt 4000 Wohneinheiten umfassenden Ferienanlagen, die über 20 Jahre unter der Leitung von Charlotte Perriand entstanden

Abb.: Charlotte Perriand, Gaston Regairas, Résidence La Cascade (Arc 1600) Foto: Pernette Perriand Barsac, Archives Charlotte Perriand


Eine Jahrhundertgestalterin

In den Krefelder Museen veranschaulicht eine Werkschau die Arbeit der französischen Architektin und Designerin Charlotte Perriand

Text: Escher, Gudrun, Xanten

Charlotte Perriand (1903–1999) wieder- oder überhaupt zu entdecken, ist ein absolut lohnendes Unterfangen. Man fragt sich, warum ihr Werk nicht früher in Deutschland präsentiert wurde, wo doch 1985 das Musée des Arts Décoratifs in Paris eine erste Retrospektive noch zu Lebzeiten der Künstlerin zeigte. Nach ihrem Tod sicherte ihre Tochter und langjährige Mitarbeiterin Pernette Perriand-Barsac den Nachlass im privaten Archiv, das maßgeblich zu der Krefelder Schau beigetragen hat, unterstützt von dem Möbelhersteller Cassina. Er hat ausgewählte Möbelentwürfe unter Lizenz weiter produziert und für die Schau ausgeliehen – auch die berühmte Stahlrohrliege, ja, genau die, die gemeinhin unter „Le Corbusier“ läuft. Das aber nur, weil der Architekt bei der Anmeldung zum Patent auf alphabetischer Reihenfolge der Urhebernamen bestand, als damals Perriand im Büro von Corbusier arbeitete.
Ein Ruf des Japanischen Ministeriums für Industrie und Handel 1940 und mehrjährige Aufenthalte dort und in Indochina öffneten Perriand neue Erfahrungen. Ihre beratende Aufgabe bestand darin, traditionell geprägte Gestaltung marktfähig zu machen. Die intensive Beschäftigung mit den Produkten bestärkte ihre Achtung vor dem Handwerk und bestätigte sie in ihren eigenen Ideen für eine Verschmelzung von Kunst und Gebrauchswert wie für sparsame, funktionale, materialgerechte und harmonisch-ästhetische Einrichtungen. Warum keine raumsparende offene Küche oder einen Holztisch, der sich der schiefen Raumecke anpasst? Zum Stahlrohr der frühen Jahre treten zunehmend organische Formen und Naturmaterialien hinzu. Ergänzend wirft der Ausstellungsteil in Haus Esters ein erhellendes Licht auf Perriands Entwürfe im Kontext des zeitgenössischen Kunstschaffens mit Exponaten aus der Krefelder Sammlung.
Ein Experiment und Paradigma für das Wohnen auf nur 14 Quadratmetern einschließlich Küchenzeile und Bad wurden ihre Pläne für das Ski-Resort Les Arcs. Dem Großprojekt gingen seit den 30er Jahren kleinere Versuche voraus. Dazu zählen Studentenwohnungen oder, im alpinen Gelände, vorgefertigte Berghütten – ein begehbarer Eins-zu-eins-Nachbau des Refuge Bivouac ist ausgestellt – und nach dem Krieg im Skigebiet Méribel. Dort baute sie ihr eigenes Blockhaus aus lokalen Materialien mit ortsansässigen Handwerkern.
Initiator für Les Arcs war Roger Godino, Mitbegründer der Wirtschaftshochschule „Insead“ in Fontainebleau und Dekan der Fakultät für Management und Innovation. Sein Ziel war es, die Alpen ganzjährig für den bezahlbaren Tourismus zu öffnen, ohne die Landschaft zu zerstören. Berater aus sportlicher Sicht war der Bergführer Robert Blanc. Für Architektur und Einrichtung zog Godino Mitglieder des Atelier d’Architecture en Montagne hinzu, dem sich Charlotte Perriand angeschlossen hatte. Die begeisterte Alpinistin und engagierte Sozialreformerin liebte die Berge, weil sie zum Handeln im Team zwängen. Perriand war ab 1967 mitverantwortlich für Arc 1600 und Arc 1800, später kamen zwei weitere Standorte in noch größeren Höhen hinzu. Das Besondere daran ist die durchdachte Infrastruktur von der Anbindung an das TGV-Netz über die Gondelbahn ab dem Bahnhof Bourg-Saint-Maurice bis zu den Apartments mit direktem Zugang zu den Skiliften. Alle Wohneinheiten sind nach Süden ausgerichtet und enthalten dank raffinierter Einbaumöbel nur das Notwendigste, denn das Resort bot Vollversorgung mit Schwimmbad, Kino, Geschäften, Gastronomie und eigener Radio-station. Das raumplanerische Konzept der in das Gelände eingebetteten Großformen in gestaffelten Baubögen – daher die Bezeichnung Les Arcs – wirkte vorbildlich und hat sich bewährt. Von Perriands Möblierung ist jedoch dort wegen der Einzelprivatisierungen außer einem Musterapartement kaum etwas erhalten.

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