Die Bewegung in der Konstruktion

Mit 400 Modellen, Zeichnungen und Fotos feiert eine Ausstellung in Neapel die Kühnheit der Entwürfe von Santiago Calatrava.

Text: Schulz, Bernhard, Berlin

    Die Schnellzug-Bahnhaltestelle Mediopadana in der italienischen Kleinstadt Reggio Emilia.
    Foto: Museo e Real Bosco di Capodimonte; Burg/Schuh

    Die Schnellzug-Bahnhaltestelle Mediopadana in der italienischen Kleinstadt Reggio Emilia.

    Foto: Museo e Real Bosco di Capodimonte; Burg/Schuh

    Blick in die Ausstellung, die sich im 2. OG des Museums und im Cellaio-Gebäude des Real Bosco befindet.
    Foto: Museo e Real Bosco di Capodimonte; Burg/Schuh

    Blick in die Ausstellung, die sich im 2. OG des Museums und im Cellaio-Gebäude des Real Bosco befindet.

    Foto: Museo e Real Bosco di Capodimonte; Burg/Schuh

Die Bewegung in der Konstruktion

Mit 400 Modellen, Zeichnungen und Fotos feiert eine Ausstellung in Neapel die Kühnheit der Entwürfe von Santiago Calatrava.

Text: Schulz, Bernhard, Berlin

Die Ausstellungssäle im zweiten Obergeschoss des Museo di Capodimonte in Neapel glänzen im Licht der Spotlights, die gerichtet sind auf die makellosen Modelle der Bauten und Konstruktionen von Santiago Calatrava. Alles ist weiß und zartgliedrig, man könnte meinen, gänzlich zweckfreie Gebilde zu sehen. In der Tat sind die ersten Räume mit künstlerischen Arbeiten Calatravas gefüllt, die man der kinetischen Richtung der 1960er Jahre zurechnen könnte.
In seinen Konstruktionen liebt Calatrava die Bewegung; er hat mehrere Bauten entworfen, deren Dächer sich öffnen können, und selbst einige Modelle sind derart mit kleinen Elektromotoren ausgestattet. Im Allgemeinen aber ist es die Geste der Bewegung, die seine Entwürfe auszeichnet, wie Flügel, die im Moment des Ausschwingens in der Luft innehalten.
Die Zahl vor allem der Brücken, die der 1951 nahe Valencia gebürtige und dort sowie an der ETH Zürich ausgebildete Calatrava, realisiert hat, ist enorm, und wenn sie einander auch ähneln, so ist jede einzelne doch ein Unikum, genau auf die jeweilige Situation berechnet. Kennzeichnend ist zumeist die Asymmetrie, der seitlich überhängende Bogen oder der eine Pylon, von dem aus sich die Drähte spannen, an denen die Brücke hängt. Ganz besonders raffiniert ist die Straßenbahnbrücke in Jerusalem, die in sich noch eine S-Kurve beschreibt und die Bahngleise elegant über ein Gewirr von Fahrspuren in einem noch dazu hügeligen Gelände führt.
Für Verkehrsbauten ist die symbolische Sprache Calatravas wie geschaffen, denn die schmalen stählernen Rippen, die sich über Bahnsteigen oder Bahnhofshallen beidseitig spreizen, veranschaulichen die Bewegung, die unter ihnen stattfindet, wie am Bahnhof in Lüttich oder am Flughafen Lyon-Satalos. Ulkig, dass ausgerechnet das größte derartige Bauwerk, die Halle über dem Verkehrsknotenpunkt am neuen World Trade Center in New York, keinerlei Gleisanlage überspannt, sondern eine schnöde Einkaufs- und Verteilerebene, von der es nur seitlich, außerhalb der lichterfüllten Halle, in die diversen angeschlossenen U- und Regionalbahnhöfe geht.
In New York kommt Calatrava dem Bild von Knochen und Sehnen mit seinem Entwurf für das Querhaus samt Vierungsturm der Kathedrale St. John the Divine am nächsten – und damit der im 19. Jahrhundert so großen Begeisterung für die Gotik in ihrer konstruktiven, gleichwohl spirituell durchwehten Kühnheit. Das hatte vor 150 Jahren schon Viollet-le-Duc angespornt, dessen – vernichteter – Dachreiter von Notre-Dame in Paris bei Calatravas Entwurf Pate gestanden haben mag.
Nicht alle Bauten des Ingenieurs sind vom Glück begleitet. Das Olympiastadion in Athen, dessen an zwei Bögen aufgehängtes Dach im Jahr 2004 in einer heroischen Anstrengung gerade rechtzeitig fertiggestellt wurde, rottet seit dem Ende der Spiele vor sich hin. Die vergleichsweise bescheidene Brücke über die Spree im Berliner Regierungsviertel musste, kaum fertiggestellt, mit plumpen Stahlpollern gegen die Gefahr kollidierender Schiffe gesichert werden. Die schwerelos wirkende „Vierte Brücke“ über den Canal Grande in Venedig krankt daran, nicht barrierefrei ausgerüstet zu sein. Davon berichtet die Ausstellung in Neapel nichts. Sie huldigt der Schönheit der reinen Form und einer Formen­sprache, die Calatrava erstaunlich früh entwickelt und perfektioniert hat.

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