Das Wohnhochhaus als Stadtbaustein – eine Wettbewerbskritik

Der hybride Baublock behauptet sich in Deutschland nach wie vor als erfolgreichster und beliebig kopierbarer Stadtbaustein der städtebaulichen Wettbewerbe, so der Autor in einer Analyse wich­tiger Entscheidungen der letzten drei Jahre. Allerdings steht das Wohnhochhaus vor einem erstaunlichen Comeback.

Text: Schenk, Leonhard, Konstanz

    Ehemalige Bayernkaserne München, 2014, 1. Preis
    Abb.: Architekten

    Ehemalige Bayernkaserne München, 2014, 1. Preis

    Abb.: Architekten

    Ehemalige Bayernkaserne, 2. Preis
    Abb.: Architekten

    Ehemalige Bayernkaserne, 2. Preis

    Abb.: Architekten

    Ehemalige Bayernkaserne, 6. Preis (alle nach Überarbeitung)
    Abb.: Architekten

    Ehemalige Bayernkaserne, 6. Preis (alle nach Überarbeitung)

    Abb.: Architekten

    Projekt Grand Tower, Frankfurt
    Abb.: Architekten

    Projekt Grand Tower, Frankfurt

    Abb.: Architekten

    Wohnsiedlung Ludlstraße, München, 2013, 1.Preis
    Abb.: Architekten

    Wohnsiedlung Ludlstraße, München, 2013, 1.Preis

    Abb.: Architekten

    Wohnquartier Ratoldstraße, 2016, 1. Preis
    Abb.: Architekten

    Wohnquartier Ratoldstraße, 2016, 1. Preis

    Abb.: Architekten

    Nieuw Bergen, 2017, 1. Preis
    Abb.: Architekten

    Nieuw Bergen, 2017, 1. Preis

    Abb.: Architekten

    Berliner Typenwohnhochhaus, 2017, 1. Preis, Schemaskizze
    Abb.: Architekten

    Berliner Typenwohnhochhaus, 2017, 1. Preis, Schemaskizze

    Abb.: Architekten

Das Wohnhochhaus als Stadtbaustein – eine Wettbewerbskritik

Der hybride Baublock behauptet sich in Deutschland nach wie vor als erfolgreichster und beliebig kopierbarer Stadtbaustein der städtebaulichen Wettbewerbe, so der Autor in einer Analyse wich­tiger Entscheidungen der letzten drei Jahre. Allerdings steht das Wohnhochhaus vor einem erstaunlichen Comeback.

Text: Schenk, Leonhard, Konstanz

So wie aus Tonfolgen immer wieder neue Musikstücke komponiert werden, so lassen sich Stadtbausteine (auch Stadtbautypologien genannt) stets aufs Neue zu Gebäudegruppen, Quartieren oder ganzen Städten zusammen­fügen oder auch zur Nachverdichtung vorhandener Stadtstrukturen verwenden. Die unterschiedlichen Stadtbausteine, die uns im zeit­genössischen Städtebau zur Verfügung stehen, haben sich über einen sehr langen Zeitraum, manche über tausende, wie die unterschiedlichen Formen des Baublocks, andere erst in den letzten hundert Jahren entwickelt, wie etwa die Zeile. Grundsätzlich unterscheiden sich Stadtbausteine in ihrer Baustruktur, im Erschließungssystem, der Freiraumzuordnung, ihrer inneren Nutzungsstruktur – und in ihrer Fähigkeit Stadträume zu bilden. Meistens, aber nicht immer, kann man Gebäudestrukturen eindeutig einer Stadtbaustein­typologie zuordnen. Manchmal gibt es Mischformen und Hybride, die die jewei­ligen Eigenschaften kombinieren. Angesichts der erlebten Vielfalt einer Stadt gibt es erstaunlich wenige Grundformen an Stadtbausteinen.
Nicht zuletzt spiegeln sich gesellschaftliche Entwicklungen in der Auswahl des Repertoires wieder. Stadtbausteine, die in Deutschland Jahrzehnte lang kaum Relevanz hatten, werden neu entdeckt und als attraktiv empfunden, wie derzeit die Typologie des Wohnhochhauses. In der langfristigen Betrachtung, so der Hinweis aus der Planungstheorie1, geht es aber nicht um Bild und Form einer Stadtbautypologie, sondern um das, was diese für die Gesellschaft zu leisten vermag.
Momentaufnahme der jüngsten Wettbewerbsbeiträge
Wenn nun einige Tendenzen im Städtebaulichen Entwurf anhand von Wettbewerbsbeiträgen aus den letzten Jahren unter die Lupe kommen, mag man sich fragen, warum anhand von Wettbewerbsentwürfen und nicht anhand der gebauten Realität? Städtebauliche Entwürfe werden bisweilen in der Umsetzung bis zur Unkenntlichkeit optimiert. Wettbewerbe sind dagegen ein klares Statement, eine zunächst von außen unbeeinflusste, abstrakte Interpretation der Aufgabenstellung. Möglicherweise bleiben manche Entwürfe Idealvorstellungen, die aber Erwartungen und Kräfte wecken können, die weit in die Planungspraxis ausgreifen.
Die zentrale Frage der Momentaufnahme ist, wie sich die bekannten Stadtbausteine in Entwürfen der letzten Jahre weiterentwickelt haben. Wo folgen die Planer den bekannten Mustern, und wo und wie versuchen sie sich davon zu befreien und neue Wege zu gehen?
Betrachtet man das aktuelle Wettbewerbswesen, so fällt auf:
1. Der Baublock2 in all seinen Facetten ist der dominante Stadtbaustein der letzten Jahre, zumindest im städtischen Umfeld. Viele Entwerfer setzen ihn konsequent und eloquent ein. Dass sich damit auch die städtebaulichen Strukturen und das Raumgefüge insgesamt annähern, ist kein Zufall.3
2. Zugleich gibt es Bestrebungen, der Monotonie der sich immer wiederholenden Blockmuster
zu entfliehen. Die Geometrie und Parzellierung der Blöcke wird vielfältiger, Straßenräume werden zunehmend ausdifferenziert und haben bisweilen platzartigen Charakter.
3. Um die Flächeneffizienz zu steigern, scheinen hybride Kombinationen von Stadtbausteinen an Bedeutung zu gewinnen.
4. Wohnhochhäuser werden wieder zunehmend als Sonder- wie auch als Regelbaustein interessant.
5. Mit zunehmender Boden- und Wohnraumknappheit werden Areale und Restgrundstücke überplant, die z.B. aufgrund von Lärmproblematik bislang nicht als attraktiv eingeschätzt wurden. Hier sind interessante Hybridmodelle zu entdecken, die das „Beste aus mehreren Welten“ zu kombinieren versuchen.
6. Durch das Collagieren und Transformieren bekannter Stadtbausteine lässt sich die Baudichte erheblich steigern.
Modulation des Baublocks
Eines der stadtbautypologisch interessantesten Wettbewerbsverfahren der letzten Jahre war die Konversion der ehemaligen Bayernkaserne (2014) im Münchner Stadtbezirk Schwabing-Freimann, die zugleich eine der letzten großen Flächenreserven im Eigentum der Landeshauptstadt München darstellt. Als Ziel der Auslobung wurde die Entwicklung eines innovativen und urbanen Stadtquartiers mit vielfältiger Nutzungsmischung, guter Durchgrünung, mit hoher Wohn- und Aufenthaltsqualität sowie mit hohem Iden­tifikationspotenzial für die künftigen Bewoh­nerinnen und Bewohner genannt. Themen, die regelmäßig auf der Agenda von Wettbewerben stehen. Interessant ist, wie die Teilnehmer die Vorgaben interpretierten. Einige der o.g. Trends werden in drei ausgewählten Arbeiten ersichtlich: Der nach der Überarbeitung mit dem ersten Rang ausgezeichnete Beitrag von Max Dudler, Hilmer & Sattler und Albrecht und Adelheid Schönborn setzt ganz auf einen prototypischen, im Grid fest verankerten orthogonalen Baublock. Abgesehen von einer bewusst eingefügten diagonalen Störung, die an den Quartierseingängen typologische Sonderbausteine erzeugt, zeigen die Verfasser vielfältige Variationen des traditionellen Blocks.
Auch die mit dem zweiten Rang ausgezeichnete Arbeit von Ammann Albers StadtWerke und Studio Vulkan Landschaftsarchitektur bedient sich des Baublocks. Dieser taucht aber nie in seiner ganz reinen Form auf: Die Baublöcke werden teils geknickt, eingedrückt, zerlegt, seriell gestückelt oder durch senkrechte, zur Straße eingefügte Bauteile variiert. Das Ergebnis ist ­eine große Vielfalt an unterschiedlichen Wohnsituationen und an öffentlichen Räumen. Trotz aller Raumverschiebungen und Varianz im Stadtbaustein bleiben die Stadtbautypologie und das räumliche Strukturmodell deutlich erkennbar.
Auf einem ebenfalls klaren, partiell leicht verschobenen Raster baut der sechste Rang von COBE Berlin und Man Made Land auf. Noch stärker als bei der zweitgenannten Arbeit wird hier der Baublock aufgelöst, fragmentiert und mäandriert. Die Baustrukturen entwickeln sich dabei zunehmend vertikal. Während beim ersten Rang die Kombinationen aus Hochhaus und Block den zentralen Platz stadtkronenhaft markieren, werden die Vertikalen bei COBE und Man Made Land zum stadtbildprägenden Regelbaustein in weiten Teilen des Entwurfs.
Comeback des Wohnhochhauses
Nach der Studie Marktreport Wohnhochhaus 2016 4 des Immobilienberaters Bulwiengesa entstehen bis 2018 in den größten deutschen Städten über 9000 Wohneinheiten in Wohnhochhäusern. Neben Berlin ist Frankfurt am Main die Stadt mit den meisten geplanten Wohnhochhäusern. Der „Grand Tower“ der Architekten Magnus Kaminiarz & Cie. wird dabei mit 48 Stockwerken auf 172 Metern das höchste, auch für Wohnen genutzte Gebäude Deutschlands. Vom selben Büro stammt auch die Planung für drei 44, 56 und 84 Meter hohe Wohntürme an der Stiftsstraße in der Frankfurter Innenstadt. Beide Projekte stehen für zwei mögliche städtische Einbindungen in den Kontext.
Während der „Grand Tower“ – trotz rückwärtigem Anbau an den Bestand – stadtbautypologisch als solitäres Punkthochhaus mit umlaufendem Stadtraum gesehen werden kann, sind die Wohnhochhäuser in der Stiftstraße in einen Blockrand integriert und mit niedrigeren Zwischenbauten verbunden. Die Höhenentwicklung und Fassadengestaltung erweckt den Eindruck eines gewachsenen städtischen Ensembles. Betrachtet man jedoch den Blockinnenhof, so schrumpft die Freifläche auf ein Minimum zusammen. Es stellt sich die Frage, ob derartige Verdichtungen mit den Zielen einer „doppelten Innenentwicklung“ in Einklang gebracht werden können, nämlich „Flächenreserven baulich sinnvoll zu nutzen, gleichzeitig aber auch die Freiraumversorgung und -nutzbarkeit zu erhalten und die innerstädtischen Freiflächen zu entwickeln“ 5.
Den Versuch, den Stadtbaustein Wohnhochhaus auf eine breitere gesellschaftliche Basis zu stellen, hat die Berliner Wohnungsbaugesellschaft HOWOGE im Wettbewerb Typenhochhaus 2.0 unternommen. In dem Anfang 2017 ausgelobten Wettbewerb waren Hochhäuser gefragt, die Wohnungsmixe anbieten, preiswert zu mieten sind und in unterschiedlichen Situationen 12 bis 21 Geschosse aufweisen können. Im Gegensatz zu den spektakulären Beispielen im Luxussegment entwarfen alle Preisträger kompakte, quaderförmige, auf einem mehr oder weniger quadratischen Grundriss aufgebaute Baukörper (1. Preis, LIN Architekten und Urbanisten, Berlin). Da der Wettbewerb ortsungebunden war und die Teilnehmer das Gebäude meist in einen fiktiven Grün- oder Stadtraum eingefügt hatten, bleibt abzuwarten, wie sich der neue alte Stadtbaustein Punkthochhaus bewähren wird.
Das Beste aus mehreren Welten
Lagen an Autobahnen, Schnellstraßen oder Bahntrassen gelten aufgrund der Emissions- und Schallschutzproblematik als wenig attraktiv. Zwei Entwürfe zeigen ungewöhnliche Lösungen im Detail: Lorber + Paul Architekten mit club L94 Landschaftsarchitekten ummanteln ihren direkt an der Bundesautobahn im Münchner Stadtteil Hadern gelegener Ersatzwohnungsbau, bestehend aus polygonal geformten Punkthäusern, mit einer langgezogenen, blockrandähnlichen Schallschutzbebauung (1. Preis, 2013). Bemerkenswert ist wie die Bebauung im Detail ausgebildet ist. Im Rand verschmelzen die im Binnenraum gesetzten, polygonalen Bausteine mit der Blockrandbebauung, so dass Rand und Füllung – trotz unterschiedlicher Zielgruppen und Wertigkeiten – korrespondieren.
Beim Entwurf von 03 Architekten und ver.de Landschaftsarchitektur für das Wohnquartier an der Ratoldstraße in München (1. Preis, 2016) sind die verwendeten Stadtbausteine nicht eindeutig identifizierbar. Gemäß dem Entwurfsmotto „die offene Form“ addieren sich Reihen, Punkte und stark aufgelöste Baublöcke zu mehrfach interpretierbaren Figuren, die einerseits Lärmschutz und städtebaulichen Halt geben, andererseits einen parkähnlichen Binnenraum im Planungs-areal aufspannen.
Ausloten der Dichte
Die mit der Novellierung des Deutschen Baurechts eingeführte neue Baugebietskategorie „Urbane Gebiete“ beflügelt derzeit nicht nur die Fantasie der Investoren, sondern auch die der Architekten. Mit einem höheren zulässigen Tageslärmpegel, einer Dichte von max. 3,0 und einer GRZ von max. 0,8 sollen den Kommunen „Neue Spielräume für den Wohnungsbau“6 an die Hand gegeben werden. Derartige Gebiete sind nichts Neues. In der Praxis erreichen lassen sich ähnliche Dichten schon mit einem mehr oder weniger geschlossenen, gemischt genutzten Baublock, wobei weder die Maßstäblichkeit gesprengt noch die Gesundheit der Bewohner gefährdet wird.7 GRZ- und GFZ-Überschreitungen sind als Ausnahmen in städtischen Lagen längst schon zur Regel geworden.8
Dennoch stellt sich die Frage, ob der neue Gebietstyp Veränderungen an den Stadtbausteinen impliziert. Für künftige städtebauliche Entwürfe wird es spannend, wenn ein transformatorischer Prozess zu einer neuen Variante eines bekannten Stadtbausteins oder gar zu einem neuen Stadtbaustein führt.
Die stets im Prototyping engagierten Planer des Niederländischen Büros MVRDV haben dazu analoge und digitale Werkzeuge und Methoden für die Nachverdichtung entwickelt. Über Belichtungs- und Verschattungsstudien wird das Bauvolumen sowie das Solarenergiepotenzial optimiert, so auch im Projekt Nieuw Bergen in Eindhoven (1. Preis, 2017). Denkt man sich die Dachbegrünung, Wintergärten und Schrägen in den Volumina einmal weg, so besteht das in einen größeren Baublock neu eingefügte Ensemble aus einer Collage aus Punkt-, Punkthochhäusern und zweier Bausteine großer Tiefe. Diese Verdichtungsstrategien scheinen stadtbautypologisch aus der Transformation geknickter Zeilen hervorgegangen zu sein. Zusammengefasst sind also derzeit grundsätzliche Neuerungen bei den Stadtbausteinen nicht erkennbar, dafür aber interessante Verfeinerungen, Variationen und Neuauflagen.
1 Hoffmann-Axthelm, Dieter: Stadtblock auf der Wiese, in: Bauwelt 38/1998, S. 2160 ff
2 Dissertation von Markus Florian Weißenmayer: Der Stadtblock - Untersuchung der Entstehung und Bedeutung einer urbanen Typologie, Kaiserslautern 2016, verschafft einen guten Überblick über die Entwicklung desstädtischen Baublocks bis heute. Abrufbar unter: https://kluedo.ub.uni-kl.de/files/4431/Der+Stadtblock_MWeissenmayer.pdf3 Vgl. die folgenden Wettbewerbsergebnisse: Hindenburgkaserne in Ulm (2015), Bahnhofsareal in Schwäbisch Hall (2015), Schumacher-Quartier, Berlin (2016)
4 www.bulwiengesa.de/de/publikationen/studien/marktreport-wohnhochhaus-20165 www.bfn.de/21316.html, abgerufen am 10.08.2017
6 www.bundesregierung.de/Content/DE/Artikel/2016/11/2016-11-30-urbane-gebiete.html, abgerufen am 26.07.2017
7 Nach eigenen, überschlägigen Berechnungen wurden in der Südstadt Tübingen bei parzellierten Baublöcken Dichten von bis zu 2,8 GFZ erzielt, bezogen auf das Nettobaulanddes jeweiligen Baublocks.
8 Walter, Jörn: Bau und Überbau – Kommentar zur Ergänzung der BauNVO, in: Stadtbauwelt 211, 35.2016, S. 33

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