Wir berühren Dinge, um uns der Wirklichkeit zu vergewissern
In Bern zieht das vielfältige Œuvre von Anni Albers Besucher in den Bann
Text: Meyer-Clason, Paula, Zürich
Wir berühren Dinge, um uns der Wirklichkeit zu vergewissern
In Bern zieht das vielfältige Œuvre von Anni Albers Besucher in den Bann
Text: Meyer-Clason, Paula, Zürich
Leuchtende Farben, funkelnde Garne und spannungsvolle Kompositionen prägen die Werkschau Anni Albers. Constructing Textiles im Zentrum Paul Klee in Bern. Beim Betreten des wellenförmigen Ausstellungshauses von Renzo Piano eröffnet sich ein weitläufiger Raum mit hoher Decke. Gedimmtes Licht und Wandflächen in dunklem Lila mit orangefarbenen Akzenten schaffen eine energetische, Neugier erweckende Atmosphäre. Ähnlich kräftige Farben finden sich in den Arbeiten von Anni Albers (1899–1994) wieder, deren langes Wirken an der Schnittstelle von Architektur, Kunst und Theorie verlief.
Schwarz-Weiß-Porträts dokumentieren die elegant gekleidete Gestalterin in verschiedenen Lebensphasen. In den 20ern brachte die gebürtige Berlinerin als erste Weberin am Bauhaus Innovationen hervor, wie beispielsweise schalldämpfende, lichtreflektierende Wandbehänge für eine von Hannes Meyer entworfene Schule in Bernau. Anni und ihr Mann Josef Albers folgten 1933 Philip Johnsons Einladung nach Amerika, wo sie ihr weiteres Leben verbrachten.
Die in Zusammenarbeit mit der Josef and Anni Albers Foundation (Bethany, Connecticut) und dem Belvedere Museum (Wien) entstandene Ausstellung gliedert sich in sechs Kapitel, die zentrale Aspekte von Anni Albers Schaffen herausarbeiten: ihre Ausbildung am Bauhaus, die Auseinandersetzung mit der Arbeit präkolumbischer Webkunst, die Bedeutung der Geometrie, Expe-rimente mit neuen Materialien, das Design funktionaler Textilien sowie die Beziehung zwischen Weben und Schreiben. Sieben ausgewählte Projekte bündeln diese Linien exemplarisch und verdeutlichen eindrucksvoll, wie Albers Textilien nicht nur als künstlerisches Medium, sondern als integralen Bestandteil von Räumen verstand. Dabei machte sie das Material zum Ausgangspunkt ihres Entwerfens: „Wir berühren Dinge, um uns der Wirklichkeit zu vergewissern. Wir berühren die Gegenstände, die wir lieben. Wir berühren die Dinge, die wir gestalten. Unsere taktilen Erfahrungen sind elementar.“
Von Raumteilern und Teppichentwürfen bis hin zu bildnerischen Webarbeiten, die wie Gemälde präsentiert werden, entfalten sich Albers’ Kompositionen in einer geometrischen Bildwelt und zeichnen sich durch eine Einfachheit aus, die sich bei näherer Betrachtung als hochkomplex in Ausführung und Wirkung erweist. Symmetrien werden durch clever eingebaute Unregelmäßigkeiten aufgebrochen, die die Arbeit am Webstuhl als vorgegebenes Raster hinterfragen. Experimentelle Materialien, etwa metallisiertes Lurex-Garn, erzeugen den Eindruck, als habe Albers Licht in ihre Textilien eingewoben.
Geprägt von Paul Klees Unterricht am Bauhaus entwirft Anni Albers neben bildnerischen Webarbeiten Textilien, die zu „nützlichen Objekten“ der architektonischen Gestaltung werden. Ihre 1957 in Dallas entstandene Auftragsarbeit im Temple Emanu-El bezeugt dieses Verständnis von Textil als funktionales und zugleich ästhetisches Raumelement par excellence. Schimmernde Materialproben und eine deckenhohe Stoffbahn lassen gemeinsam mit einer großen Innenaufnahme über die Dimension und die prachtvollen Farben der neuen Synagoge staunen. Anstelle von traditionellen Vorhängen entwarf Albers acht fünf Meter hohe Schiebetüren, bespannt mit maschinell gewebtem Stoff in Gold, Grün, Blau und Silber. Die versetzte Anordnung der Farbblöcke und die Spiegelung der mittleren Paneele erzeugen eine dynamische, modulare Komposition, die auf die vorzufindenen Buntglasfenster Bezug nimmt.
Anni Albers‘ Werk ist aktuell. Sie verfolgte ressourcensensible Ansätze, die zu technologischen und ökologischen Fragen von heute passen. Zeitgenössische Positionen aus Kunst und Design, die mithilfe generativen Codes algorithmische Textilien entwickeln oder in Installationen mit UV-sensiblen Garnen arbeiten, lassen sich als konsequente Weiterführung jener Denkweise verstehen, die Albers früh etablierte.







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