Originell original

Einzigartigkeit sollte beim Bauhaus, das der industriellen Fertigung eine adäquate Gestaltung geben wollte, kein Thema sein. Doch nicht allein das Serielle, auch die Replik, sogar das Plagiat prägen die Schule und ihren Nachhall, wie die Schau des Bauhaus-Archivs in der Berlinischen Galerie zeigt.

Text: Kasiske, Michael, Berlin

    Carl (Casca) Schlemmers originalgetreue Kopie des Gemäldes von Oskar Schlemmer, welches die Bauhaustreppe zeigt, 1958, Öl auf Leinwand.
    Abb.: Markus Hawlik

    Carl (Casca) Schlemmers originalgetreue Kopie des Gemäldes von Oskar Schlemmer, welches die Bauhaustreppe zeigt, 1958, Öl auf Leinwand.

    Abb.: Markus Hawlik

    Die Fotografie von Tobias Zielony mit dem Titel „School“, 2013
    © Tobi­as Zielony und KOW, Berlin

    Die Fotografie von Tobias Zielony mit dem Titel „School“, 2013

    © Tobi­as Zielony und KOW, Berlin

    Das Haus Am Horn in Weimar, Architekt: Georg Muche
    Foto: Atelier Hüttich-Oemler, 1923, Bauhaus-Archiv Berlin

    Das Haus Am Horn in Weimar, Architekt: Georg Muche

    Foto: Atelier Hüttich-Oemler, 1923, Bauhaus-Archiv Berlin

    Die Installation von Renate Buser in der Ausstellung „original bauhaus“.
    Foto: Catrin Schmitt

    Die Installation von Renate Buser in der Ausstellung „original bauhaus“.

    Foto: Catrin Schmitt

Originell original

Einzigartigkeit sollte beim Bauhaus, das der industriellen Fertigung eine adäquate Gestaltung geben wollte, kein Thema sein. Doch nicht allein das Serielle, auch die Replik, sogar das Plagiat prägen die Schule und ihren Nachhall, wie die Schau des Bauhaus-Archivs in der Berlinischen Galerie zeigt.

Text: Kasiske, Michael, Berlin

Im letzten Quartal des Jubiläumsjahres präsentiert nun die dritte Bauhaus-Institution Deutschlands ihre Sicht auf die Schule, deren Andenken sie gewidmet ist. Anders als in Weimar und Dessau kann das Bauhaus-Archiv Museum für Gestaltung zurzeit nicht im eigenen Haus glänzen, doch mit der Berlinischen Galerie wurde ein Partner gefunden, dessen Sammlungsspektrum Moderne Kunst, Fotografie und Architektur kongenial mit den „Produkten“ des Bauhauses korrespondiert.
Das Bauhaus-Archiv erlaubt sich einen ungezwungenen Blick. Gegründet 1960 auf Initiative von Walter Gropius, hielt es von Anfang an Kontakt zu den Bauhäuslern in aller Welt und weist deshalb die umfangreichste Sammlung auf. Als Standort setzte Gropius seine Heimatstadt durch, zumal der damalige Westberliner Senat bereit war den von ihm entworfenen Bau zu finanzieren, den er ursprünglich für Darmstadt konzipiert hatte (Bauwelt 10.2019).
Die Reproduktion begann bereits im Bauhaus, wie die Ausstellung zeigt, vor allem in visueller Hinsicht. Zum einen mit Postkarten, auf denen die Schule selbst als auch Studienarbeiten oder Theaterszenen abgebildet sind. Zum anderen mit dem Fundus großformatiger Dias von Gropius, die auf einem großen Tisch ausgebreitet wurden. In Karteikästen unter Rubriken wie „Eigene Bauten“ oder „Gestaltungslehre“ abgelegt, bediente sich der „Wanderprediger der Moderne“ ihrer zur Illustration seiner zahllosen Vorträge.
Hannes Meyer, der zweite Bauhaus-Direktor, setzte mehr auf das Produkt als auf Wort und Bild. Die Wanderschau, die während seines Rektorats an fünf Orten in Deutschland, Polen und der Schweiz gezeigt wurde, ermöglichte den Besuchern die unmittelbare Anschauung von Mobiliar, Tapeten und Stoffen. Die Erzeugnisse der Werkstätten wurden gleichsam als produktives Resultat der schulischen Struktur präsentiert, einschließlich der für jeden Ort eigens entwickelten Werbegrafik.
Die Neuen Zürcher Zeitschrift kommentiert die 1929 dort gastierende Selbstdarstellung wie folgt: „Man trägt natürlich dem Umstande Rechnung, daß wir es hier mit Schülern und nicht mit fertigen Menschen zu tun haben ... daß die Seele der Schule das Experiment ist und daß uns die meisten fertigen Arbeiten eigentlich nur als vereinzelte Sprünge aus dem Laboratorium ins Leben zu gelten haben,“ um dann überschwänglich zu enden: „Hut ab, daß es eine solche Schule gibt.“
Dieses Selbstbewusstsein wohnt den gezeigten Repliken einstiger Studienarbeiten inne. Teilweise sind sie von den ehemaligen Bauhausstudenten noch einmal angefertigt worden, teilweise von Studenten der Ulmer Hochschule für Gestaltung, die in der jungen Bundesrepublik die Bauhaus-Nachfolge antreten wollte. In ihrer Makellosigkeit sind die Exponate jedoch mehr als Ergebnisse des berühmten Unterrichts, es sind eigenständige Skulpturen geworden.
Den zeichnerischen Studien wohnt das von den unterschiedlichen kunstpädagogischen Ansätzen geprägte Suchen der Lernenden deutlicher inne. Die Farbstudien, vergrößerte Bilder von Alltagsgegenständen wie Wollknäuel, typografische Untersuchungen oder Strukturen wie etwa Faltungen schärfen noch heute das Auge für Material und Oberfläche.
Das Fach Architektur, das ohnehin erst unter Meyer und dem dritten Direktor Ludwig Mies van der Rohe am Bauhaus reüssierte, widmet sich der Vervielfältigung auf zwei Ebenen. Zum einen die Verwertung des „Haus am Horn“ in Weimar, das nach der ersten Veröffentlichung als „Musterhaus“ immerhin 39 Interessenten auf den Plan rief. Die Ähnlichkeit mit dem dargestellten Landhaus „Ilse“ im siegerländischen Burbach beruht vornehmlich auf den markanten Grundriss mit dem innen liegenden Zentralraum, der höher ist als die ihn umgebenden Räume und indirekt belichtet wird.
Zum anderen werden Entwurfsarbeiten der Studenten von Mies van der Rohe gezeigt. „Der vorbildliche Architekt“ hieß eine Ausstellung des Bauhaus-Archivs vor über dreißig Jahren, die den seinerzeit studentischen Autor dieser Zeilen verblüffte, weil die Entwürfe der Studenten in Sujet und Grafik denen ihres Lehrers bis hin zu dessen Möbeln glichen. Mies van der Rohe, so ist nachzulesen, hat die vormals demokratisch organisierte Schule, in der bei seinem Antritt eine „sozial-idealistisch aufgeladene Atmosphäre“ herrschte, mit strenger Disziplin und politischer Neutralität in „eine straff geführte Architekturlehrstätte verwandelt.“ Und mit Themen, die ihn beschäftigten, so weit munitionierte, dass der zu diesem Zeitpunkt bereits abgerissene Barcelona-Pavillon als typisches Produkt des Bauhauses angesehen wurde.
Solche Augenmerke, ebenso etwa auf das Verhältnis von Bauhaus und Dada, heben die Ausstellung über die konventionelle museale Präsentation deutlich hinaus. Zwar lassen die präsentierten sieben der acht bekannten „Tee-Extraktkännchen“ von Marianne Brandt eine Leistungsschau vermuten, doch zuvörderst ist es ein Vergnügen, das Bauhaus hier als eine in unterschiedlichste Richtungen ambitionierte Schule zu erkennen.
Original Bauhaus. Die Jubiläumsausstellung
Berlinische Galerie, Alte Jakobstraße 124–128, 10969 Berlin, www.berlinischegalerie.de
Bis 27. Januar
Der Katalog zur Ausstellung kostet 45 Euro.

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