Die Stadt in der Stadt

Berlin: Ein grünes Archipel

Text: Cepl, Jasper, Berlin


Die Stadt in der Stadt

Berlin: Ein grünes Archipel

Text: Cepl, Jasper, Berlin

Die Stadt in der Stadt: diese Vision von Berlin als „Städtearchipel in einer grünen Naturlagune“ gehört ohne Zweifel zu den großen Stadtentwürfen der jüngeren Architekturgeschichte. Verfasst wurde das Konzept 1977 von Oswald Mathias Ungers — und von Rem Koolhaas, dessen Zutun bisher etwas im Dunkeln lag.
Das ändert sich nun mit der von Florian Hertweck und Sébastien Marot vorgelegten „kritischen Ausgabe“, die zugleich auch auf Englisch und Französisch erscheint und den Text erstmals einer weiteren Öffentlichkeit zugänglich macht. Denn in sei­ner Gänze lag er bisher nur in Form eines Typoskripts vor, das seinerzeit in geringer Auflage als Broschüre vervielfältigt worden war. Hertweck und Marot reproduzieren die davon noch in Ungers’ Archiv befindliche Druckvorlage, und dazu weitere Originaldokumente, die sie ebenfalls ganz oder in Auszügen abdrucken.
So ist es beinahe, als könne man an der Entstehung des Konzepts unmittelbar Anteil nehmen. Und das Raue, Handgemachte von handschriftlich überarbeiteten Typoskripten oder ‚analogen‘ Klebemontagen erinnert auch daran, wie anders damals gearbeitet wurde. Zumal die abgebildeten Texte zumeist auf der gleichen Seite noch einmal zu lesen sind, und zwar ‚digital‘ ins Reine gesetzt — und gegebenenfalls in die Sprache der jeweilige Ausgabe übersetzt.
In diesen ‚Reinschriften‘ finden sich auch die Anmerkungen, die jede einzelne Änderung zwischen den Bearbeitungsstufen des Konzepts dokumentieren. Und dank der peniblen Dokumentation der Herausgeber wird auch deutlich, wie das Konzept zu seiner endgültigen Formulierung gelangt. Jeder Schritt der Bearbeitung wird nachvollziehbar: von der ersten, noch von Koolhaas allein verfassten (aber ohne Ungers’ Einfluss trotzdem nicht denkbaren) Skizze, die hier erstmals abgedruckt wird, über das der letzten Fassung zugrunde liegende, von Ungers eigenhändig verfasste Manuskript, bis hin zur endgültigen Ausformulierung in 11 Thesen, denen jeweils eine Erläuterung sowie eine Schlussfolgerung beigegeben ist. Nur in Form dieser „scholastischen Abhandlung“ (Marot) war das Konzept bisher bekannt.
Dass nun endlich die Zusammenarbeit zwischen Ungers und Koolhaas greifbar wird, ist ein Verdienst dieser Veröffentlichung. Ungers habe Koolhaas als „eine Art Alter Ego“ angesehen, schreibt Marot in seinem Vorwort. Koolhaas selbst bezeichnet sich im Gespräch mit den Herausgebern als Ungers’ „Ghostwriter“: „Ich machte nicht meine eigenen Sachen, sondern versuchte, ihn zu seinen eigenen Zwecken neu zu erfinden, beziehungsweise einfach nur seine Stärken zu erklären.“
Wie sich die Wege der Beiden derart gewinnbringend kreuzen konnten, untersucht Marot auch in einem Essay zur Entstehung des Konzepts. Ebenso lesenswert ist Hertwecks Beitrag, der es in der langen Geschichte der Planungen für Berlin sowie in Ungers’ eigener, früherer Beschäftigung mit der Stadt verankert.
Den Abschluss machen eine Reihe von Gesprächen, nicht nur mit Koolhaas, sondern auch Arthur Ovaska und Hans Kollhoff, die während der berühmten Berliner Sommerakademie, in deren Rahmen das Konzept entsteht, Ungers’ Studenten betreuten, und mit Peter Riemann, der Ungers bei der Ausarbeitung des Konzepts zur Hand ging und auch die Zeichnungen dazu anfertigte. Auch diese Berichte von Ungers’ engsten Mitarbeitern tragen erheblich zur Aufklärung bei. Und sie machen die Atmosphäre, in der das Konzept entsteht, lebendig. Alles in allem eine sehr gelungenes, längst überfälliges Buch, das nur zu empfehlen ist.
Fakten
Autor / Herausgeber Ungers, Oswald Mathias; Koolhaas, Rem; Hertwig, Florian und Marot, Sébastien (Hrsg.)
Verlag Lars Müller Publishers, Zürich, 2013
Zum Verlag
aus Bauwelt 46.2013
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