Tempelhofer Freiheit

Volksentscheid in Berlin

Text: Ballhausen, Nils, Berlin; Geipel, Kaye, Berlin

Foto: Florian Thein

Foto: Florian Thein


Tempelhofer Freiheit

Volksentscheid in Berlin

Text: Ballhausen, Nils, Berlin; Geipel, Kaye, Berlin

Bei dem Volksentscheid in Berlin haben sich 64,5 Prozent der Wähler dafür ausgesprochen, dass auf dem ehemaligen Flugfeld alles so bleibt, wie es ist. Das bedeutet: keine Randbebauung, keine neue Zentral- und Landesbibliothek. Zwei Kommentare der Bauwelt-Redaktion.
Der totale Baustopp mag verrückt wirken, aber besser „100% Tempelhof“ als gar keine Idee.
2008 habe ich beim Volksentscheid „Tempelhof bleibt Verkehrsflughafen“ mit Nein gestimmt, da ich fast nie von dort geflogen bin. Ich war in der Minderheit, gewann aber trotzdem, weil die Mehrheit nicht das erforderliche Quorum von 25 Prozent der Wahlberechtigten erreichte. Mein erster Sieg in dieser Angelegenheit. Der zweite folgte am 25. Mai 2014, da habe ich mit Ja gestimmt. Seitdem darf das von mir stillgelegte Tempelhofer Flugfeld auch nicht mehr bebaut werden. Ich finde, es läuft gerade alles ganz gut.
Eine Filiale der Zentral- und Landesbibliothek (ZLB) habe ich vermutlich Ende der 1990er Jahre zum letzten Mal betreten. Auf einen ZLB-Neubau auf dem Tempelhofer Feld kann ich folglich verzichten. Eine neue Wohnung benötige ich im Moment auch nicht. Wenn es mir da, wo ich jetzt wohne, eines Tages zu teuer oder zu ungemütlich würde, zöge ich wahrscheinlich dorthin, wo es mir gefällt und ich es mir leisten kann. Das wäre eher nicht die vom Berliner Senat favorisierte Randbebauung. Wenn das keine nachvollziehbaren Gründe für mein Votum sind! Wie bitte, Sie meinen, das sei recht kurzfristig gedacht? Zu egozentrisch? Zu unpolitisch? Irrtum! Ich denke, ich habe damit vielen Menschen eine Menge Ärger erspart. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und seine Planer müssen sich nicht wöchentlich von der Lokalpresse die aktuellen Preissteigerungen des Neubaus vorrechnen lassen. Die siegreichen Architekten des ZLB-Wettbewerbs müssen sich nicht von der Bauverwaltung und den Projektsteuerern aufreiben lassen. Dafür kann nun zum Beispiel in aller Gründlichkeit das sanierungsbedürftige ICC hergerichtet und der Umzug der Bücher dorthin organisiert werden. Meinetwegen auch in das alte Flughafengebäude. Die landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften wissen seit dem Volksentscheid endlich, wo sie preiswerten Wohnraum bauen können: auf den noch immer zahlreichen Flächen des landeseigenen Liegenschaftsfonds. Letzterer hat endlich ein Argument gegen Finanzsenator Nußbaum in der Hand, der zur Sanierung der Landeskasse gern noch die letzten Restflächen an Meistbietende verhökern würde. Der Volksentscheid wirkt, als habe man ein ADHS-Kind mit Zauberhand beruhigt, damit es konzentriert seine Hausaufgaben machen kann.
Und nun zu euch da draußen, die ihr mäkelt und schimpft über die Berliner „Ignoranz“ oder die vermeintliche „Not-in-my-backyard“-Haltung. Dies ist NICHT Düsseldorf, München oder Köln! Stellt euch vor, dass von heute auf morgen Stuttgart an Dresden grenzt, Würzburg an Görlitz, Rostock an Hamburg. Da entstünden zwangsläufig eigenartige Orte, die nicht sofort einleuchten, die offen und undefiniert sind und es vielleicht noch eine Zeit lang bleiben werden. Wir kommen damit gedanklich klar, finden das oft sogar inspirierend. Ehrlich gesagt: Wegen dieser Dinge sind wir ja hier.  NB
Die Bebauung der Ränder wäre mehr als sinnvoll gewesen – und die Berliner Planung duckt sich weg.
Die krachende Niederlage für die offizielle Tempelhof-Planung war so vorhersehbar wie der Zusammensturz eines Hauses, das ohne Fundament und ohne Mörtel zusammengeschustert wurde. Dabei hätte sich, eine sinnvolle Gesamtidee vorausgesetzt, kaum etwas so gut begründen lassen wie die Bebauung der Ränder um das Flugfeld als Großstadtpark. Berlin wächst um 40.000 Einwohner pro Jahr, und viele Zuwanderer, die in die Stadt drängen, finden keine bezahlbaren Wohnungen. Die Stadt hat kürzlich einen Armutsbericht veröffentlicht, der belegt, wie Einwohner mit geringen Einkommen aus der Stadt gedrängt werden. Und sie hat ein phantastisches Wiesenfeld, an dessen Rändern sie mit 4500 Wohnungen exemplarisch hätte vormachen können, wie man solch eine Aufgabe anpackt. Wo, wenn nicht hier, würde sich beweisen lassen, dass man innovativen sozialen Wohnungsbau jenseits von privaten De-Luxe-Enklaven hinkriegen kann? Auch der öffentliche Raum des Wiesenfelds sollte profitieren: Erst die Gestaltung der Ränder sorgt für die Durchlässigkeit der angrenzenden Quartiere. Momentan werden 360 Hektar Wiesenfläche von einem 3 Meter hohen Zaun abgeschirmt, in dem es nur wenige Eingänge gibt – der Park wirkt räumlich so abgeriegelt wie der Kaiserpalast in Tokios Zentrum.
Dabei wird es jetzt bleiben: Nach dem Volksentscheid darf nichts verändert und nichts Baubares mehr aufs Feld gebracht werden. Kein Gartenlokal ist möglich, selbst kein festes Parkmobiliar. Auch die Umsetzung des 2011 preisgekrönten Landschaftsentwurf von Gross.Max: perdu! Einzig erlaubt: das Aufstellen mobiler Toilettenhäuschen. Die Initiative „100% Tempelhof“ hat es geschafft, die Bevölkerung davon zu überzeugen, dass solch baulicher Stillstand sinnvoller ist als der Senatsvorschlag der Randbebauung. Vorhersehbar war die Niederlage im Volksentscheid, weil die Senatspolitik seit Jahren Fehler auf Fehler getürmt hat. Es gab einen Parkwettbewerb mit einem respektablen Ergebnis, den niemand politisch vertreten hat. Es gab eine Fülle von Bewohnerbeteiligungen für die prozesshafte Umgestaltung des Parks, aus denen keine Schlussfolgerungen gezogen wurden. Es gab einen kleinmütigen Masterplan für die Randbebauung, der in der Öffentlichkeit nie als dreidimensionales Stadtmodell präsentiert worden ist. Es gab eine von der Senatsbaudirektorin ursprünglich für das Flugfeld initiierte Internationale Bauaustellung, die abgeschmettert wurde. Es gibt eine vor sich hin werkelnde Entwicklungsgesellschaft, die mit dem Flughafen von Ernst Sagebiel das zweitgrößte Gebäude Europas verwaltet und bisher keine zusammenhängende Idee für eine langfristige innovative Nutzung vorgelegt hat – warum etwa die geplante Zentralbibliothek hier nicht einziehen kann, wurde nie schlüssig begründet. Berlin hat, nach Schönefeld, ein zweites Flughafendrama. Der Volksentscheid sagt vor allem eins: Die aktuelle Planung kann es nicht. KG

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