Sher Maker sucht das Besondere nicht im besonderen Material. Das Büro aus Chiang Mai entwickelt seine Architektur aus dem Verfügbaren. Dabei spielt Handwerk eine ebenso wichtige Rolle wie industriell Gefertigtes.
Der Außenbereich funktioniert ebenso als Arbeitsplatz der Werkstatt wie als informeller Aufenthalts- und Essbereich des Teams.
Foto: Moritz Henning
Der Außenbereich funktioniert ebenso als Arbeitsplatz der Werkstatt wie als informeller Aufenthalts- und Essbereich des Teams.
Foto: Moritz Henning
Das weit auskragende Dach vereint Werkstatt, Büro und Freiraum.
Foto: Moritz Henning
Das weit auskragende Dach vereint Werkstatt, Büro und Freiraum.
Foto: Moritz Henning
Sher Maker bauten sich ihr 200 Quadratmeter großes Studio im Jahr 2020.
Foto: Moritz Henning
Sher Maker bauten sich ihr 200 Quadratmeter großes Studio im Jahr 2020.
Foto: Moritz Henning
Etwas irritiert sind wir schon, als der Taxifahrer uns aussteigen lässt. Vor uns ein schuppenartiges Gebäude, eigentlich nur ein riesiges Dach, davor eine Blechhütte für Mopeds, ein paar Stühle – hier soll eines der interessantesten jungen thailändischen Architekturbüros arbeiten? Doch ein winziges Schild weist uns den Weg: Sher Maker Studio. Wir sind also richtig. Unvermittelt stehen wir in einer Art großer Halle, die mehr nach Werkstatt aussieht als nach Architekturbüro.
Verabredet sind wir mit Patcharada Inplang, die Sher Maker 2018 zusammen mit Thongchai Chansamak gründete. Die Werkstatt, Teil des Gebäudes, das Sher Maker 2020 für sich gebaut haben, sei wesentlicher Bestandteil ihres Arbeitsprozesses, erklärt sie uns, und erfülle drei Funktionen: als Labor, in dem Materialien getestet, Farben erprobt und Konstruktionsprinzipien durchgespielt werden, bevor sie ins Projekt einfließen. Als Ausbildungsort – für die eigenen Mitarbeiter, aber auch für die Architekturcommunity Chiang Mais, die regelmäßig zu offenen Workshops eingeladen wird. Und schließlich als gemeinsamer Arbeitsraum mit den Bauteams: Handwerker kommen hierher, um Elemente vorzubereiten, Verbindungen zu testen, Detaillösungen zu entwickeln – mit den Händen, am Material, und nicht nur am Bildschirm.
Mit dieser Herangehensweise sind Sher Maker nicht allein. In Chiang Mai, erklärt Patcharada Inplang, hätten sich mehrere Studios entwickelt, die ähnlich arbeiten, mit eigener Werkstatt und engem Verhältnis zu Materialien und Handwerk. Manche sind obsessive Holzspezialisten – wie z.B. Yangnar Studio –, andere erforschen die Wiederverwendung von Abfallmaterial. Sie alle gehörten zu einer Generation, die, so sagt sie, bewusst nicht nach Bangkok gegangen sei, um Karriere zu machen, sondern im Norden des Landes auf etwas aufbauen kann, was in der Hauptstadt undenkbar ist: günstig verfügbare Flächen, eine Community, die Wissen teilt, statt Konkurrenz zu kultivieren, und insgesamt niedrige Kosten – eine Konstellation, die Raum zum Experimentieren lässt.
Auch wenn das Büro gerne und viel mit Holz baut, ist es nicht darauf festgelegt, obwohl schon der Name eine enge Verbindung nahelegt: „‚Sher‘ bedeutet Baum,“ erklärt Patcharada: „Die Idee kam sehr spontan. Wir brauchten etwas, das unsere Persönlichkeit widerspiegelt – keine Design- und Architekturklischees. ‚Maker‘ musste sein. Und wir suchten ein einziges Wort davor, das sich auf Thai und Englisch aussprechen lässt und auf Thai eine Bedeutung hat. So kamen wir auf ‚Sher‘.“
Handwerker kommen hierher, um Elemente vorzubereiten, Verbindungen zu testen, Detaillösungen zu entwickeln – mit den Händen, am Material, und nicht nur am Bildschirm.
Tatsächlich ist Holz heute lange nicht mehr so erschwinglich und leicht verfügbar wie noch vor 30 Jahren und wird deshalb vom Büro gezielt eingesetzt: dort, wo es trägt, wo es sichtbar ist, wo die Investition einen Mehrwert erzeugt und das notwendige Budget vorhanden ist. Ansonsten setzt man auf Materialien, die man im Sinne eines „Urban Vernacular“ liest – aus der Industrie kommend, aber längst tief in der Alltagspraxis des Bauens verankert: Aluminiumprofile, Polycarbonat oder Faserzement. Eine Kompromisslösung ist das für das Büro nicht, sondern eher eine eigene Haltung, die sich an der Alltagstauglichkeit orientiert: leicht verfügbar, leicht zu ersetzen, leicht zu warten.
Diese Logik prägt auch die Formen. Immer wieder werden die gängigen Abmessungen von Materialien zu Parametern für den Entwurf: die Produktionsgrößen von Metallprofilen, Kunststofftafeln oder Gussteilen, die typischen Formate von Holzbauteilen. Nicht die Wunschvorstellung einer Form bestimmt den Entwurf, sondern die vorgegebenen Maße der Industrie – nicht als Einschränkung, sondern als bewusste Entscheidung für Effizienz, Ehrlichkeit und einen sparsamen Umgang mit Ressourcen. Was auf den ersten Blick wie ein Zwang wirkt, wird so zum Prinzip: Architektur, die sich an den komplexen Realitäten des Bauens orientiert und dadurch unmittelbar, authentisch und kontextuell wird. Doch eine gewisse Ambivalenz bleibt, denn nicht ignorieren lässt sich die Frage, was mit solchen Materialien am Ende ihres meist überschaubaren Lebenszyklus geschieht.
Der Werkkatalog des Büros umfasst mittlerweile eine breite Palette von Projekten, von künstlerischen Installationen und temporären Pavillons über Cafés, Privathäuser bis hin zum ersten thailändischen Signature Store der australischen Kosmetikmarke Aesop. Aktuell arbeiten acht Leute bei Sher Maker, und das soll auch so bleiben, erklärt uns Patcharada: „Wir wollen die Zahl der Stunden und Projekte begrenzen und keine großen Projekte um des Wachstums willen übernehmen. Wir wollen im kleinen bis mittleren Maßstab arbeiten, wo wir die Details kontrollieren und selbst entscheiden können, wie gebaut wird. Ein Einkaufszentrum von Grund auf neu zu bauen ist nicht unser Ziel – das kostet zu viel, und die Arbeit ist nicht interessant.“ Eine konsequente Haltung, die ihnen den Ruf eingebracht hat, zu den innovativsten jungen Büros Thailands zu gehören – und einen Platz im thailändischen Beitrag zur Architekturbiennale in Venedig 2025.
Fakten Architekten
Sher Maker, Chiang Mai
Adresse
QX83+68 Chiang Mai, Amphoe Mueang Chiang Mai, Chiang Mai, Thailand
0 Kommentare