Bauwelt

Krone der Emscher-Rettung


Der „Sprung über die Emscher“ in Castrop-Rauxel verbindet nicht nur die Ufer des renaturierten Flusses. Die geschwungene Brücke führt vor Augen, wie grundlegend sich die Region verändert hat.


Text: Ulrich Brinkmann


  • Mit rund 108 Metern ist die Überbrückung des Rhein-Herne-Kanals die längste Abspannung der Brücke.

    Mit rund 108 Metern ist die Überbrückung des Rhein-Herne-Kanals die längste Abspannung der Brücke. Foto: Aron Jungermann © DKFS I Jungermann, FOTOGRAFIEIMRAUM

    Mit rund 108 Metern ist die Überbrückung des Rhein-Herne-Kanals die längste Abspannung der Brücke.

    Foto: Aron Jungermann © DKFS I Jungermann, FOTOGRAFIEIMRAUM

  • Ihre beiden Hauptfelder werden mit Zügelgurten von einem zwölf Meter hohen Pylon getragen.

    Ihre beiden Hauptfelder werden mit Zügelgurten von einem zwölf Meter hohen Pylon getragen. Foto: Aron Jungermann © DKFS I Jungermann, FOTOGRAFIEIMRAUM

    Ihre beiden Hauptfelder werden mit Zügelgurten von einem zwölf Meter hohen Pylon getragen.

    Foto: Aron Jungermann © DKFS I Jungermann, FOTOGRAFIEIMRAUM

  • Das Wasserkreuz Castrop-Rauxel von oben. Nicht im Bild der neue Abwasserkanal Emscher, kurz AKE. Rund 25 Meter unter der Erdoberfläche gelegen, ist er die Voraussetzung für die Renaturierung der Emscher.

    Das Wasserkreuz Castrop-Rauxel von oben. Nicht im Bild der neue Abwasserkanal Emscher, kurz AKE. Rund 25 Meter unter der Erdoberfläche gelegen, ist er die Voraussetzung für die Renaturierung der Emscher. Foto: Aron Jungermann © DKFS I Jungermann, FOTOGRAFIEIMRAUM

    Das Wasserkreuz Castrop-Rauxel von oben. Nicht im Bild der neue Abwasserkanal Emscher, kurz AKE. Rund 25 Meter unter der Erdoberfläche gelegen, ist er die Voraussetzung für die Renaturierung der Emscher.

    Foto: Aron Jungermann © DKFS I Jungermann, FOTOGRAFIEIMRAUM

  • Mit einer Gesamtlänge von rund 412 Metern und einem Gewicht von 900 Tonnen bietet der „Sprung über die Emscher“ zahlreiche Aussichtspunkte über dem Wasserkreuz.

    Mit einer Gesamtlänge von rund 412 Metern und einem Gewicht von 900 Tonnen bietet der „Sprung über die Emscher“ zahlreiche Aussichtspunkte über dem Wasserkreuz. Foto: Aron Jungermann © DKFS I Jungermann, FOTOGRAFIEIMRAUM

    Mit einer Gesamtlänge von rund 412 Metern und einem Gewicht von 900 Tonnen bietet der „Sprung über die Emscher“ zahlreiche Aussichtspunkte über dem Wasserkreuz.

    Foto: Aron Jungermann © DKFS I Jungermann, FOTOGRAFIEIMRAUM

  • Inklusive des Natur- und Wasser-Erlebnis-Parks, der Renaturierung der Emscher und des Suderwicher Bachs, der Emscher-Promenade sowie der im Umfeld der Brücke neu entstandenen Freianlagen hat die Emschergenossenschaft im Bereich des Wasserkreuzes rund 45 Millionen Euro in die Aufwertung des einstigen „Meideraums“ investiert.

    Inklusive des Natur- und Wasser-Erlebnis-Parks, der Renaturierung der Emscher und des Suderwicher Bachs, der Emscher-Promenade sowie der im Umfeld der Brücke neu entstandenen Freianlagen hat die Emschergenossenschaft im Bereich des Wasserkreuzes rund 45 Millionen Euro in die Aufwertung des einstigen „Meideraums“ investiert. Foto: Aron Jungermann © DKFS I Jungermann, FOTOGRAFIEIMRAUM

    Inklusive des Natur- und Wasser-Erlebnis-Parks, der Renaturierung der Emscher und des Suderwicher Bachs, der Emscher-Promenade sowie der im Umfeld der Brücke neu entstandenen Freianlagen hat die Emschergenossenschaft im Bereich des Wasserkreuzes rund 45 Millionen Euro in die Aufwertung des einstigen „Meideraums“ investiert.

    Foto: Aron Jungermann © DKFS I Jungermann, FOTOGRAFIEIMRAUM

Kloake des Ruhrgebiets – das war die Emscher über einen sehr langen Zeitraum. Da aufgrund des Bergbaus eine unterirdische Kanalisation nicht angelegt werden konnte, leiteten die industrialisierten Städte und Dörfer ihre Abwässer in die kanalisierte Emscher. Der Zustand dieses Gewässers war in den 1980er Jahren dermaßen erschreckend, dass sich die Internationale Bauausstellung Emscherpark schon im Namen auf den Fluss bezog. Auch wenn sie es während ihrer Laufzeit von 1989 bis 1999 nicht ganz schaffte, das ruinierte Ökosystem zu heilen, setzte die IBA die Verwandlung des nördlichen Ruhrgebiets nach dem Ende der Schwerindustrie aufs Gleis und realisierte Projekte, die international Aufmerksamkeit hervorriefen.
Bis die Emscher frei von Abwässern wurde, vergingen freilich noch mehr als zwei Jahrzehnte: Das Setzen eines Rebstocks am Kreuz von Emscher und Rhein-Herne-Kanal an der Grenze von Castrop-Rauxel und Recklinghausen war im September 2022 der symbolische Abschluss dieses Generationenprojekts. Die eigentliche Krönung erfolgte nun daselbst mit dem „Sprung über die Emscher“: einer im Grundriss S-förmigen Rad- und Fußgängerbrücke, über die man sanft über den hier renaturierten Lauf der Emscher und den Kanal gleiten kann und die das neu angelegte Rad- und Spazierwegenetz entlang des Flusses verknüpft.
„Ihre Gestalt entwickelt sich unmittelbar aus Konstruktion, Kraftverlauf und Programmatik“, erläutern die Planer: „Der asymmetrische Torsionskasten reagiert auf Grundrisskrümmung, Biegung und Torsion; variable Vouten entwickeln sich über den großen Spannweiten von 108 und 89 Metern zu einer fließenden Form, die einen Zügelgurt ausbildet. Tragwerk und Architektur bilden eine entlang der Längsachse kontinuierlich ausdifferenzierte und intuitiv ablesbare tektonische Figur. Der 15 Meter hohe Pylon markiert den räumlichen Höhepunkt, während der silberne Überbau die kontinuierliche, dem Kräfteverlauf folgende Geometrie betont.“
Über vierhundert Meter misst der Weg über die Brücke, und dass er sich zweimal biegt, generiert nicht nur eine ikonische Form für die Brücke und die Möglichkeit, die umgestaltete Landschaft darunter mit unterschiedlichen Blicken und Ruheorten zu inszenieren, sondern folgt auch rein funktionalen Überlegungen. Mit der Überbrückung der Emscher nördlich des Kanals etwa werden der „Erlebnispark Emscherland“ auf der einen und der Aussichtspunkt „Weinberg Emscherland“ auf der anderen Seite verbunden – eine im Grundriss dreieckige Treppe fungiert hier auch als Sitzgelegenheit. Der folgende Abschnitt überspannt den Kanal und ist ein geeigneter Ort, um den regen Schiffsverkehr zu beobachten, der nicht nur Lastkähne, sondern auch Ausflugsboote und private Yachten kennt.
Mit der daran anschließenden Krümmung schließlich wird die Emscher zum zweiten Mal überbrückt, der Weg peilt etwa den Kirchturm des ehemaligen Dorfs und heutigen Stadtteils von Castrop-Rauxel Henrichenburg an. Abermals laden Sitzstufen zum Sichniederlassen ein, und wer glaubt, dass ein Verweilen sich nicht lohnt, der irrt: An einem warmen Spätsommertag etwa kann man in einer halben Stunde durchaus unterschiedliche Tierarten entdecken, die sich von den naturnah gestalteten Emscherufern angelockt fühlen, und natürlich auch feststellen, dass die Brücke und die Ufer mehr Menschen zu Aktivitäten einladen, als die im Grunde wenig urbane Umgebung vermuten lässt – man steht hier nicht auf dem Tempelhofer Feld. Dann schließt man für einen Moment die Augen und erinnert sich an die Emscher der 1990er Jahre. Und wenn man sie wieder öffnet, liegt er einem tatsächlich zu Füßen, der einst von Karl Ganser und Christoph Zöpel halluzinierte Emscherpark.



Fakten
Architekten DKFS, London/Aachen; Schüßer-Plan, Düsseldorf
Adresse Wartburgstraße 261, 44581 Castrop-Rauxel


aus Bauwelt 18.2026

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