Bauwelt

Ein Dorf für die Stadt


Mit einer Fassade aus Wasserstrichziegeln fügten Irlenbusch von Hantelmann Architekten das SOS-Kinderdorf in den rauen Leipziger Süden ein.


Text: Josepha Landes


  • Lückenschluss in der Straßenrandbebauung

    Lückenschluss in der Straßenrandbebauung Foto: Johannes Ernst

    Lückenschluss in der Straßenrandbebauung

    Foto: Johannes Ernst

  • Das Vorderhaus vermittelt zwischen verschiedenen Höhen, privat und öffentlich, Streetlife und Schlafzimmer.

    Das Vorderhaus vermittelt zwischen verschiedenen Höhen, privat und öffentlich, Streetlife und Schlafzimmer. Foto: Johannes Ernst

    Das Vorderhaus vermittelt zwischen verschiedenen Höhen, privat und öffentlich, Streetlife und Schlafzimmer.

    Foto: Johannes Ernst

  • Lageplan

    Lageplan Zeichnung: Architekten

    Lageplan

    Zeichnung: Architekten

  • Der sägezahnförmige Grundriss der Kita im Hof ...

    Der sägezahnförmige Grundriss der Kita im Hof ... Foto: Johannes Ernst

    Der sägezahnförmige Grundriss der Kita im Hof ...

    Foto: Johannes Ernst

  • ... sorgt für reichlich Tageslicht und Ausblick.

    ... sorgt für reichlich Tageslicht und Ausblick. Foto: Johannes Ernst

    ... sorgt für reichlich Tageslicht und Ausblick.

    Foto: Johannes Ernst

  • Grundrisse Kita Erd- ...

    Grundrisse Kita Erd- ... Zeichnung: Architekten

    Grundrisse Kita Erd- ...

    Zeichnung: Architekten

  • ... und Obergeschoss ...

    ... und Obergeschoss ... Zeichnung: Architekten

    ... und Obergeschoss ...

    Zeichnung: Architekten

  • ... sowie Schnitt

    ... sowie Schnitt Zeichnung: Architekten

    ... sowie Schnitt

    Zeichnung: Architekten

  • Grundrisse Vorderhaus Erdgeschoss, ...

    Grundrisse Vorderhaus Erdgeschoss, ... Zeichnung: Architekten

    Grundrisse Vorderhaus Erdgeschoss, ...

    Zeichnung: Architekten

  • ... 1. Obergeschoss ...

    ... 1. Obergeschoss ... Zeichnung: Architekten

    ... 1. Obergeschoss ...

    Zeichnung: Architekten

  • ... und 2. Obergeschoss ...

    ... und 2. Obergeschoss ... Zeichnung: Architekten

    ... und 2. Obergeschoss ...

    Zeichnung: Architekten

  • ... sowie Schnitt

    ... sowie Schnitt Schnitt: Architekten

    ... sowie Schnitt

    Schnitt: Architekten

  • Über zwei einläufige Treppen gelangen die Kita-Kinder direkt aus den Gruppenräumen hinab in den Garten.

    Über zwei einläufige Treppen gelangen die Kita-Kinder direkt aus den Gruppenräumen hinab in den Garten. Foto: Johannes Ernst

    Über zwei einläufige Treppen gelangen die Kita-Kinder direkt aus den Gruppenräumen hinab in den Garten.

    Foto: Johannes Ernst

Auch Connewitz war einst ein Dorf. Wie so viele Städte wuchs Leipzig auch durch die Eingemeindung umliegender ländlicher Ortschaften. Nun ist im ruppigen Süden der Stadt ein neues Dorf entstanden: ein SOS-Kinderdorf. Der vor siebzig Jahren am Ammersee gegründete Sozialträger hat in direkter Nachbarschaft zum Kulturzentrum Werk II ein Kinder- und Familienzentrum errichten lassen. Hier leben unter anderem Kinder und Jugendliche, die nicht bei ihren Eltern aufwachsen können. Zugleich richtet sich das Zentrum mit seinen Angeboten ausdrücklich an die Nachbarschaft.
Irlenbusch von Hantelmann Architekten schlossen eine Lücke im Blockrand mit einem fünfgeschossigen Vorderhaus und ergänzten im rückwärtigen Garten einen zweigeschossigen Neubau für die vom Verein getragene städtische Kita. Beide Baukörper sind als Massivbauten ausgeführt und von einer Klinkerfassade umhüllt. Ein breiter Durchgang öffnet den Block zur Straße. Dahinter verzahnen sich die Relikte der früheren Industrie, neue Spielflächen und die Kita zu einem hofartigen Patchwork.
Das Vorderhaus bündelt sämtliche Funktionen des sächsischen SOS-Kinderdorfs: Es umfasst offene Begegnungsflächen, Beratungsräume, zwei Wohngruppen sowie Büros. Von der Straße sind ein Café und ein angeschlossener Secondhandladen unmittelbar zugänglich. Von dort windet sich eine breite Stahltreppe nach oben. Eine Ebene mit Beratungsräumen und Büros bildet den Puffer zwischen den öffentlichen Bereichen im Erdgeschoss und den darüberliegenden Wohngruppen für bis zu acht Kinder. Die Treppenhäuser bleiben für Unbefugte verschlossen.
Dass das Ensemble mit Klinkerfassade ausgeführt werden konnte, erforderte argumentatives Geschick gegenüber der Denkmalpflege. Die angrenzenden Gründerzeitbauten sind sämtlich verputzt. Nur einen Steinwurf entfernt finden sich jedoch Wohnhäuser aus den Dreißigerjahren sowie Fabrikgebäude, jeweils aus Backstein. Indem die Architekten den größeren Zusammenhang in den Blick nahmen, konnten sie mit dem Potenzial des gebrannten Materials arbeiten.
Irlenbusch von Hantelmann setzen dabei auf wenige, präzise abgestimmte Mittel. Ein sanfter Farbkanon prägt Fassade und Innenräume gleichermaßen. Die grünen Fensterrahmen und Laibungen korrespondieren mit den Klinkerfronten aus rötlichen und hellbeigen Wasserstrichziegeln, die als Vormauerschale mit Fingerspalt ausgeführt wurden. Die Verlegung erfolgte im Fugenglattstrich. Als Verlegemuster wählten die Architekten einen wilden Verband. So konnten sie die Fassadenöffnungen aus der jeweiligen Nutzung entwickeln, statt sie einem strengen Raster unterzuordnen. Selbst die Dehnungsfugen auf den großen, thermisch stark beanspruchten Wandflächen treten als Mäanderfugen beinahe unsichtbar zurück. In die oberen Fassadenbereiche sind darüber hinaus Nistkästen bündig in das Verblendmauerwerk integriert. Während sie an der Kita Spatzen geschützte Brutplätze bieten, finden am Vorderhaus Mauersegler und Fledermäuse Quartier. Die Vormauerschale übernimmt somit nicht nur konstruktive und gestalterische Aufgaben, sondern wird zum Lebensraum.
Um die Massivität des Vorderhauses aufzubrechen, verspringt dessen Kubatur mehrfach. Ein leichter Rücksprung vermittelt zwischen Gehweg und Eingang. Zudem tritt das Café zum Hof hin leicht aus dem Gebäude hervor, sodass es sich deutlich auf die Kita bezieht. Schmale Farbstreifen und eine vor den Treppenhausfenstern liegende Lochfassade im Verblendmauerwerk verleihen den großen Wandflächen zusätzlich Struktur. Auch am Kita-Gebäude erzeugen die Kombination aus Baukörper und Fassadengestaltung sowie die differenzierte Setzung der Öffnungen eine angenehme Leichtigkeit.
Den Hof prägt ein Geländeversprung, der vor Baubeginn mithilfe einer neuen Spundwand gesichert wurde. Darüber erhebt sich die alte Halle des Werk II. Die dem SOS-Kinderdorf zugekehrte Wand ist vollständig mit Graffiti überzogen und dient der lokalen Szene als „Wall of Fame“. Zusammen mit dem üppigen Bewuchs der Nachbargärten und der langsam heranwachsenden Bepflanzung der Freianlagen entsteht eine lebendige Kulisse. Die zweigeschossige Kita platzierten die Architekten so im Garten, dass zackige Rücksprünge die Freiflächen gliedern und wechselnde Ausblicke in die Nachbarschaft erzeugen. Im Obergeschoss umläuft ein offener Laubengang das Haus, er dient als Rettungsweg und Sonnenschutz im Erdgeschoss.
Sowohl Kita als auch Vorderhaus schließen nach oben mit einem gestreiften Fries ab. Beim Vorderhaus antwortet darauf ein Sockel aus dem gleichen Wechsel heller und roter Steine. Dort, wo die Gebäudeversprünge aufeinandertreffen, verweben sich Fries- und Sockelmuster zu einem grafisch-räumlichen Gefüge.
Die Gestaltungsmittel des Projekts sind im Grunde einfach: holzvertäfelte Trennwände, wenige, aufeinander abgestimmte Farben und robuster Stein, das alles in einer ruhigen, sorgfältigen Ausführung und kombiniert mit individuellen Einbaumöbeln. Diese Architektur fügt das neue Dorf selbstverständlich in den abwechslungsreichen, stellenweise herausfordernden Stadtteil ein. Sie vermittelt zwischen öffentlichem Leben und geschütztem Rückzugsort, zwischen industrieller Vergangenheit und nachbarschaftlichem Alltag.



Fakten
Architekten Irlenbusch von Hantelmann, Leipzig
Adresse Windscheidstraße 43, 04277 Leipzig


aus Bauwelt 18.2026

0 Kommentare


loading
x

17.2026

Das aktuelle Heft

Bauwelt Newsletter

Das Wichtigste der Woche. Dazu: aktuelle Jobangebote, Auslobungen und Termine. Immer freitags – kostenlos und jederzeit wieder kündbar.