Plattform Office in Amersfoort


In Amersfoort toppten die Architekten von Space Encounters ein altes Zahnpasta-Werk mit zwei Büro-Etagen, gewandet in fein ge­riffelte, glänzende Fliesen. Ein Erweiterungsbau, der nicht nur durch die Reminiszenz an die Vergangenheit des Ortes mit Kon­tinuität aufwartet.


Text: Astbury, Jon, London


    Die Südfassade des Plattform Office, ein 80 cm großer Spalt trennt Alt- und Neubau.
    Foto: Lorenzo Zandri

    Die Südfassade des Plattform Office, ein 80 cm großer Spalt trennt Alt- und Neubau.

    Foto: Lorenzo Zandri

    Fachwerkträger durchkreuzen die gesamte Höhe der aufgesetzten Plattform. Die „Bürohalle“ ist Bestand eines Projektgebiets nördlich des Stadtzentrums.
    Foto: Lorenzo Zandri

    Fachwerkträger durchkreuzen die gesamte Höhe der aufgesetzten Plattform. Die „Bürohalle“ ist Bestand eines Projektgebiets nördlich des Stadtzentrums.

    Foto: Lorenzo Zandri

    Aufgang über eine Treppe im Norden, die Büros orientieren sich auch zu einem holzgetäfelten Innenhof.
    Foto: Lorenzo Zandri

    Aufgang über eine Treppe im Norden, die Büros orientieren sich auch zu einem holzgetäfelten Innenhof.

    Foto: Lorenzo Zandri

    Auf dem Balkon der Nordfassade: zartrosa Brüstungen und Holzfenster ...
    Foto: Lorenzo Zandri

    Auf dem Balkon der Nordfassade: zartrosa Brüstungen und Holzfenster ...

    Foto: Lorenzo Zandri

    ... brechen mit der Strenge der allumspannenden Fliesen.
    Foto: Lorenzo Zandri

    ... brechen mit der Strenge der allumspannenden Fliesen.

    Foto: Lorenzo Zandri

    Aufgang über eine Treppe im Norden, ...
    Foto: Lorenzo Zandri

    Aufgang über eine Treppe im Norden, ...

    Foto: Lorenzo Zandri

    ... die Büros orientieren sich auch zu einem holzgetäfelten Innenhof.
    Foto: Lorenzo Zandri

    ... die Büros orientieren sich auch zu einem holzgetäfelten Innenhof.

    Foto: Lorenzo Zandri

    Foto: Lorenzo Zandri

    Foto: Lorenzo Zandri

Vor allem seine glänzend weiße Fliesenfassade, die eher an die Innenausstattung von Industrie­gebäuden erinnert, hat das 2019 fertiggestellte „Plattform Office“ im niederländischen Amersfoort zum Stadtgespräch gemacht. Das strahlende Weiß des Neubaus, der auf ein altes Lagerhaus des Zahnpastaherstellers Prodent gesetzt wurde, fordert das Wortspiel geradezu heraus – „,Es strahlt so weiß wie Ihre Zähne‘, wenn die Leute in dieser Form über dein Werk wit-zeln, dann bedeutet das, dass es im Gedächtnis bleibt“, so Gijs Baks, Gründungspartner des für den Neubau verantwortlich zeichnenden Amsterdamer Architekturbüros Space Encounters.
Das Bürogebäude „Plattform“ hat zwei Geschosse mit insgesamt 5270 Quadratmetern Nutzfläche. Es ist das neuste Bauwerk im Amersfoorter Oliemolenkwartier (Öl-Mühlen-Viertel) des niederländischen Entwicklers Schipper Bosch. Unter dem reichlich kühnen Namen „De nieuwe Stad“ (die neue Stadt) soll auf dem einstigen Industriegebiet ein Quartier für Kreativwirtschaft und Start-ups entstehen – ein Trend, der sich in ganz Europa abzeichnet, hier jedoch bewusst langsam angegangen wurde.

Insel in der wachsenden Stadt

Prodent war das erste Unternehmen, das in den 1930er Jahren das bis dato ländliche Gebiet nordöstlich des Bahnhofes von Amersfoort am Flüsschen Eem mit Fabriken und Lagerhäusern bebaute. In den 1940ern wuchs die Firma, erweiterte ihr Spektrum um Schuhcremes, Shampoos und Deodorants. Bald schon war das Industrieareal allerdings nur noch eine Insel, die leicht fehl am Platz wirkte, in einem Meer der Moderne – in den 1970ern wurde Amersfoort als Teil einer nationalen Stadtplanungsstrategie zur „City for growth“ erklärt. So wie andere niederländische Städte auch zeigt die kompakte Bauweise Amersfoorts heute ein gedrängtes Nebeneinander Realität gewordener Architekturmoden, auch der jüngeren Vergangenheit. Das direkt an das Oliemolenkwartier angrenzende Eemplein wurde komplett saniert und bis 2014 in einen kulturellen Hotspot mit Wohnungen und dem Kulturzentrum Eemhuis verwandelt. Es ist ein Ort, an dem sich Architektenprominenz wie Neutelings Riedijk, Mecca­noo und Dick Gameren tummelt. Inmitten dieses Transformationsprozesses in der Nachbarschaft verlagerte Prodent seine Produktion nach Frankreich und während Eemplein zu voller Blüte reifte, wurde das Oliemolenkwartier zunehmend vernachlässigt. Wie es Baks beschreibt: „Es war ein unnützes Asphaltfeld. Wenn du dein Auto verkaufen wolltest, dann brachtest du es hierher mit einem Zettel an der Windschutzscheibe.“ Auf direktem Weg zu den Stadtumbauflächen gelegen, war das Viertel also selbst reif für eine Sanierung.
Auch heute noch gibt es auf dem Gelände Platz für Autos, nur dass sie jetzt von Elektromotoren betrieben über die runde Plaza sausen, auf die das Plattform-Office nun schaut. Den Masterplan für das Entwicklungsgebiet haben Zones Urbaines Sensibles (ZUS) aus Rotterdam entworfen. Seine Kernidee ist eine „permanente Temporalität“. Es soll im Oliemolenkwartier keine Tabula Rasa wie beim Eemplein geben, vielmehr eine schrittweise Entwicklung stattfinden. 2017 wurde Space Encounters eingeladen, einen Plan vorzulegen, wie neue Gebäude in dieses Konzept integriert werden können – sie sollten eine Art „Work in Progress“-Schablone entwickeln, auch als Grundlage für nachfolgende Architekten. „Es mag nicht der effizienteste Weg zur Projektentwicklung sein“ erklärt Baks, „aber ein sehr engagierter, gründlicher und kreativer. Und man kann so in einem bestimmten Zeitraum, wenn Energie und Politik stimmen, Dinge ins Rollen bringen“.
In diesem Sinne ist das Plattform Office ein wahres Energiebündel. Schipper Boschs eigenes Kreativteam hatte bereits Ideen skizziert, wonach der Weiterbau mit Aufbauten oder Durchdringungen des Bestands denkbar sein sollte. 2018 war die Firma selbst Pioniernutzer auf dem Are­al. Sie bezog eine Serie von Metallpavillons, die ursprünglich von Robbrecht en Daem für die Documenta IX angefertigt worden waren und von De Kort Van Schaik neu ausgestaltet wurden – ein Indiz für die Architekturbegeisterung des Bauherrn.

Offener Raum

Als Space Encounters mit der Erweiterung des Prodent Lagerhaus’ beauftragt wurden, befanden sich in dem Gebäude ein Musikclub und das Lager eines Versandhändlers. Beide sollten in ihrer Arbeit praktisch nicht gestört werden. Die Architekten begegneten der Herausforderung mit einem Prinzip, das Baks „konzeptuelle Klarheit“ nennt: das Neue direkt auf das Alte zu setzen.
Die Plattform sitzt als zweigeschossige rote Stahlkonstruktion mit dem Abstand von nur 80 Zentimetern auf dem existierenden Lagerhaus. Wie eine Tischplatte lagert sie auf Säulen in den vier Ecken des Altbaus, sieben 34 Meter lange Fachwerkträger spannen über die alte Halle. Durch die Forderung, nicht mit Frischbeton zu arbeiten und theoretisch rückbaubar zu sein, nimmt die Konstruktion die im Masterplan definierte Gleichzeitigkeit von temporär und permanent vorweg, ist eine mutige zeitgenössische Ergänzung, die das Alte nahezu unberührt lässt.
Die 80 Zentimeter-Lücke ist neben ihrer konzeptionellen Ästhetik praktisches Erfordernis, um den Installationen Raum zu geben. Eigentlich sollte die Lücke offenbleiben, um hindurch sehen zu können, aber um keine Brutstätte für Tauben und Ratten daraus zu machen, wurde sie doch verschlossen und schwarz verkleidet. Über der nördlichen Front ragt das Gebäude drei Me­ter über den Altbau hervor. So ergibt sich eine Arkade auf Erdgeschossniveau und darüber ein überdachter Balkon für die Mitarbeiter, der als erhöhter Außenraum im Dialog mit dem Platz steht. Die Gestaltung des Balkons mit zart rosa Geländer und, dem gegenüberliegend, Fensterrahmen aus Fraké-Holz mindern die Strenge der Keramikfassade.
Dank der Fachwerkträger bietet das Innere einen maximal offenen und flexiblen Raum. Er ist dreigeteilt: Neben den Büroflächen einer Consultingfirma gibt es einen Abschnitt mit einzeln anmietbaren Arbeitsplätzen und ein weiteres Büro, das derzeit noch ausgestattet wird. Diese sogenannten „No-Nonsense“-Räume sind mittels einer Aneinanderreihung von beweglichen akus­tischen Trennwänden und farblich kodierten Teppichen organisiert, was einfache Umbauten erleichtert. Das Raumnutzungs-Konzept wurde in Workshops mit den Mietern entwickelt. Baks spricht von einer „aktiven Plattform“, die sich als sehr effektiv erweisen könnte und bislang gut angenommen wird.

Super Studio

Den Kontrast, in dem die fliesenverkleideten Stützen des neuen und die ähnlich stringent geordnete Betonfassade des alten Gebäudeteils rhythmisch miteinander spielen, haben Space Encounters bewusst formuliert. Die Architekten zitieren die italienische Sixties-Architekturgrup­-pe „Superstudio“ – nicht nur mit ästhetischer Anleihe bei deren berühmten Gitternetz, das sich im geflieste Außen wiederfindet, sondern auch inhaltlich, indem sich Baks der Betrachtung von Architektur als „urbanes Phänomen“ anschließt. Durch diese Brille gesehen erscheint das Plattform Office wie Superstudios berühmte Continu­ous Monument-Collage, verkleinert zu einer leicht surrealen neuen Struktur, die sich nicht über den Globus, sondern über ein einzelnes Lagerhaus spannt.
Entscheidend für Baks ist es, die leicht unerwarteten Verwandlungen „innerhalb der Grenzen des täglichen Lebens“ möglich zu machen. Dieses Anliegen des Büros zeigt sich etwa in ihrem Ansatz der „Boring Furniture“, subtil verfeinerten Standardelementen, die auch bei der Ausstattung der Plattform zum Einsatz kamen. Ein Beispiel dafür ist die drei Meter breite Betontreppe, die vom Oliemolenhofs zu den Büros hinaufführt. Wie so vieles entsprang ihre Form einem Zusammentreffen von kontextueller Suche (vie­le der umgebenden Gebäude gehen mit der Fläche in ähnlicher Weise um) und konzeptueller Forschung. Vereint unter den Vorzeichen außerordentlichen Pragmatismus’ fußen ihre steile Steigung und die schräge Stellung zum Gebäude auch auf der Berücksichtigung nötiger Rettungswege und Standflächen auf dem Platz.
Der Charme des Plattform Office liegt in eben dieser fein akzentuierten Unaufdringlichkeit der Details. Was Baks „banal“ nennt sind Gesten, die geschickt das Gewöhnliche und das Besondere verbinden und so eine Vorlage schaffen für das Gesicht der „Neue Stadt“.
Aus dem Englischen von Ursula Karpowitsch



Fakten
Architekten Space Encounters, Amsterdam
Adresse Amersfoort


aus Bauwelt 11.2020
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