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Weiterbauen an der Welt

Biberach an der Riß ehrt Hugo Häring als Sohn der Stadt

Text: Stock, Wolfgang Jean, München

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Blick in die Schau.
Foto: Museum Biberach

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Blick in die Schau.

Foto: Museum Biberach


Weiterbauen an der Welt

Biberach an der Riß ehrt Hugo Häring als Sohn der Stadt

Text: Stock, Wolfgang Jean, München

Vor genau fünfzig Jahren schärfte Julius Posener dem Autor dieser Zeilen ein, dass die moderne Architektur „nicht auf einer Einbahnstraße vorangeschritten“ sei. Bei einem Gespräch in Berlin über den seinerzeit heftig diskutierten Funktionalismus betonte er die Entwicklung in parallelen Strömungen. Wichtig war Posener auch das organische Bauen, das zugleich ein Bauen mit sozialem Anspruch war – und er nannte Hugo Häring. Dessen Name war damals über Fachkreise hinaus nicht sehr geläufig, obwohl Häring neben Hans Scharoun als bedeutendster deutscher Vertreter der organischen Architektur gilt.
Hugo Häring, 1882 im oberschwäbischen Biberach geboren und 1958 in Göppingen gestorben, zählt zu den gar nicht wenigen Baumeistern, die aus der tiefsten Provinz heraus eine beachtliche, oft internationale Karriere machen konnten. Man denke nur an Joseph Maria Olbrich und Josef Hoffmann, an zwei Protagonisten des Wiener Jugendstils mit ihrer Herkunft aus kleinen Orten in Mähren. So versteht man den Stolz, mit dem Biberach seinem großen Sohn Hugo Häring eine Ausstellung eingerichtet hat, die den poetischen Titel „Die Welt ist noch nicht ganz fertig“ trägt. Häring traf immer wieder richtige Entscheidungen. Er studierte an der TH Stuttgart bei Theodor Fischer und ging anschließend nach Hamburg, wo er 1906 sein eigenes Büro eröffnete. Eine wichtige Zäsur war 1921 seine Übersiedlung nach Berlin. Dort bewegte er sich in Kreisen der Avantgarde von Architektur und Kunst, als Sekretär der Architektenvereinigung „Der Ring“ wie auch als Freund von El Lissitzky und Kasimir Malewitsch. Die Jahre bis 1933 waren seine produktivste Zeit, was nicht zuletzt seine Teilnahme an der Wiener Werkbundsiedlung bezeugt.
Das überschaubare Lebenswerk präsentieren die Kuratoren Judith Bihr und Matthias Schirren in einer anregenden Ausstellung, deren Gestalt dem Geist von Häring entspricht: Die Architekturform solle sich organisch aus der Funktion ergeben. Gebogene und geschwungene Wände aus dunklem Holz tragen Digitalisate des Archivmaterials und historische sowie zartfarbige neue Fotos. Die acht Kapitel werden durch ausführliche Texte eingeleitet, die auch für Laien gut lesbar sind. Außerdem gibt es beeindruckende Modelle, überwiegend in den 1990er Jahren unter Leitung des Architekturhistorikers Peter Blundell Jones an der Universität Sheffield in England gebaut. Alle Elemente der Ausstellung dienen somit ihrer Funktion als Wanderschau – weitere Stationen sind bereits im Gespräch.
Die Ausstellung, zu der ein Katalog erschienen ist, zeigt nicht nur Hauptwerke wie das Gut Garkau in Ostholstein (1928), das noch saniert wird, oder die Wohnbauten in der Berliner Siemensstadt (1930). Man lernt auch ein spätes Werk kennen, die beiden Wohnhäuser für die Fabrikanten Schmitz aus dem Jahr 1950 in Biberach, wohin Hugo Häring schon während des Zweiten Weltkriegs zurückgekehrt war. Ein Haus hat die Stadt erworben – und man kann es bei Führungen besichtigen. Dass die Ausstellung somit über ein Exponat im Maßstab 1:1 verfügt, ist ein Trumpf. Ein Besuch lohnt sich, weil hier Härings Ideen zu erleben sind: Raumbildung, Bauen mit Licht, Materialien und Farbigkeit.
Fakten
Architekten Häring, Hugo (1882–1958)

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