„Ich möchte die Kommunikation forcieren“

Fritz Matzinger im Gespräch mit Reinhard Seiß über die gesellschaftspolitische Verantwortung der Architekten und die Uni­versalität guter Bauten

Text: Seiß, Reinhard, Wien

    Fritz Matzinger geboren am 11.7.1941 in Michaelnbach, Oberösterreich; 1960-65 Studium der Architektur an der TU Wien, seit 1971 eigenes Büro in Linz, seit 1974 Entwicklung und Realisierung von Atriumhäusern als Modell nachbarschaftlichen Wohnens; Vorträge und Ausstellungsbeteiligungen in Österreich, Deutschland, der Schweiz und Italien; zahlreiche Wettbewerbssiege, Auszeichnungen und Preise
    Foto: Reinhard Seiß

    Fritz Matzinger geboren am 11.7.1941 in Michaelnbach, Oberösterreich; 1960-65 Studium der Architektur an der TU Wien, seit 1971 eigenes Büro in Linz, seit 1974 Entwicklung und Realisierung von Atriumhäusern als Modell nachbarschaftlichen Wohnens; Vorträge und Ausstellungsbeteiligungen in Österreich, Deutschland, der Schweiz und Italien; zahlreiche Wettbewerbssiege, Auszeichnungen und Preise

    Foto: Reinhard Seiß

    Fritz Matzinger in den 70er Jahren
    Foto: Johann Klinger

    Fritz Matzinger in den 70er Jahren

    Foto: Johann Klinger

    1974 Alltagsleben im Atrium West in Matzigners erster Wohnanlage, kurz nach Fertigstellung
    Foto: Archiv Fritz Matzinger

    1974 Alltagsleben im Atrium West in Matzigners erster Wohnanlage, kurz nach Fertigstellung

    Foto: Archiv Fritz Matzinger

    Großer Abstimmungsbedarf, gewiss, aber die vielköpfigen Hausgemeinschaften bieten auch viele Erleichterungen ...
    Foto: Archiv Fritz Matzinger

    Großer Abstimmungsbedarf, gewiss, aber die vielköpfigen Hausgemeinschaften bieten auch viele Erleichterungen ...

    Foto: Archiv Fritz Matzinger

    ... in der Organisation des Wohnens, Feierns, Kinderaufziehens
    Foto: Archiv Fritz Matzinger

    ... in der Organisation des Wohnens, Feierns, Kinderaufziehens

    Foto: Archiv Fritz Matzinger

    1983 Die Hausgemeinschaft der ersten „Les Palestuviers“-Anlage in Linz
    Foto: Archiv Fritz Matzinger

    1983 Die Hausgemeinschaft der ersten „Les Palestuviers“-Anlage in Linz

    Foto: Archiv Fritz Matzinger

    1992 Atrium und Schwimmbad der fünfzehnten „Les Palestuviers“-Wohnanlage in Leonding-Gaumberg, 1992–94 realisiert
    Foto: Reinhard Seiß

    1992 Atrium und Schwimmbad der fünfzehnten „Les Palestuviers“-Wohnanlage in Leonding-Gaumberg, 1992–94 realisiert

    Foto: Reinhard Seiß

    Foto: Archiv Fritz Matzinger

    Foto: Archiv Fritz Matzinger

„Ich möchte die Kommunikation forcieren“

Fritz Matzinger im Gespräch mit Reinhard Seiß über die gesellschaftspolitische Verantwortung der Architekten und die Uni­versalität guter Bauten

Text: Seiß, Reinhard, Wien

Was sagt es über uns aus, wenn ein vierzig Jahre altes Gebäude wie Ihr erstes Atriumhaus nach wie vor modellhaft ist?
Das bedeutet, dass sich unser Wohnbau seit Jahrzehnten nicht substanziell weiterentwickelt hat. Oder umgekehrt, dass wir seit Jahrzehnten hartnäckig gegen Grundprinzipien eines ganzheitlichen Wohnens verstoßen.
Welche Prinzipien wären das?
Zum einen sind es Qualitäten, die wir den Bewohnern schuldig sind, nennen wir sie einmal die sozialen Aspekte des Wohnbaus. Und zum anderen müssen wir zunehmend die ökologischen Aspekte berücksichtigen, was wir den nachfolgenden Generationen schuldig sind. Bei den sozialen Belangen stehen für mich an erster Stelle die Kinder, denn die haben keine Stimme – das beginnt schon bei der Wohnentscheidung durch die Eltern. Dabei werden sie am meisten durch ihr Wohnumfeld geprägt, sprich, in ihrer Entwicklung gefördert oder eben limitiert. Anstelle eines Energieausweises oder meinetwegen auch zusätzlich zum Energieausweis für Gebäude müsste es eigentlich einen Ausweis für die Kindergerechtigkeit eines Hauses geben. Denn es ist ein Verbrechen, das man an den Kindern begeht, wenn man auf ihre Bedürfnisse keine Rücksicht nimmt, wenn man sie an ihrer Entfaltung hindert. Aber da gibt es so gut wie keine Normen oder Verordnungen. Lediglich die Stadt Köln unternahm einmal etwas in dieser Richtung, als sie einen Anwalt für Kindergerechtigkeit eingesetzt hat. Bei der Energie geht es um technische Innovationen, da wird investiert und Geld verdient – darum gibt es hier einen beständigen Fortschritt. Aber bei sozialen Aspekten ist das nicht so, die lassen sich nicht in Euro bewerten – und daher werden sie missachtet.
Mit dem Thema Energie wären wir bereits bei den ökologischen Prinzipien des Wohnbaus, die Sie ansprachen.
Da ziehe ich gern den Vergleich mit der Natur. Die kleinen Küken rücken, wenn die Henne nicht da ist, auf ein Knäuel zusammen. Dadurch können sie sich schützen und sich gegenseitig wärmen. Und das sollten wir auch machen – in so­zialer wie energetischer Hinsicht. Aber wir verpassen den Einfamilienhäusern, die übers ganze Land verstreut entstehen, lieber allen einen eigenen Pelzmantel, statt dass wir die jahrhundertelang erprobten Bau- und Siedlungsformen aufgreifen. In meinen Atriumhäusern ist der Energieverbrauch allein schon deshalb gering, weil die Außenfläche der Gebäude minimal ist. Beim Projekt Guglmugl Ende der neunziger Jahre haben wir aus heutiger Sicht noch keinen so großen thermischen Aufwand an der Fassade betrieben. Auf eine Wohnung mit 125 Quadratmetern entfallen dort Jahresheizkosten von 184 Euro. Das ist nicht so schlecht.
Und da reden wir lediglich von den privaten Ersparnissen durch verdichtete Bauformen.
Richtig! Der Allgemeinheit kommt das Ganze noch viel teurer. Die Umweltzerstörung kann man monetär ja leider schlecht bemessen, aber es wundert mich, dass die energiepolitischen, die verkehrspolitischen und raumordnungspolitischen Aspekte unserer Siedlungsentwicklung die Regierungen nicht schon längst wachgerüttelt haben. Allein wie kostspielig die ausgedehnten Einfamilienhaussiedlungen mit ihrem Bedarf an Straßen, Wasser und Kanalisation sind, mit wie viel Steuergeld diese Verschwendung gefördert wird – und wie unnötig lang all diese Erschließungen sind, die letztendlich nur unsere Landschaft zerstören! Ganz zu schweigen davon, was diese Strukturen erst kosten, wenn die Bewohner älter sind und alleine wohnen, oft noch betreut werden müssen, Essen auf Rädern oder mobile Krankenpflege brauchen! Das ist eine volkswirtschaftliche Zeitbombe. Und wir Architekten sind mit Schuld daran. Denn wenn wir attraktive Wohnbauten planten, gäbe es die meisten dieser Siedlungen nicht.
Sind neben Politikern und Planern nicht auch die Bürger gefragt, ihre Wohnentscheidungen reflektierter zu treffen?
Die breite Bevölkerung kann nur aus den Wohnformen wählen, die sie kennt. Wenn achtzig Prozent der Österreicher sagen – und ich denke, das ist in Deutschland und der Schweiz nicht viel anders –, sie träumen vom freistehenden Einfamilienhaus, dann tun sie das, weil sie nicht wissen, dass es neben dem Häuschen im Grünen und dem klassischen Wohnblock noch etwas anderes gibt. Ich vergleiche das immer so: In meiner Jugend hat es keine Bananen geben. Wenn man mich gefragt hätte, was ich lieber habe, einen Apfel oder eine Banane, hätte ich mich immer für den Apfel entschieden, weil ich Bananen gar nicht kannte. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass Menschen mit guten Beispielen in ihrem Wohnverhalten beeinflussbar sind. Deshalb sind Modellprojekte ja so wichtig, um sich Alternativen anschauen zu können, ihre Quali­täten 1:1 erleben zu können. Ich mache mit Baugruppen, die sich noch nicht ganz sicher sind, ob sie sich für ein Atriumhaus entscheiden sollen, gern Exkursionen zu bestehenden Wohnanlagen. In Baden-Württemberg habe ich einmal eine Gruppe skeptischer Gemeinderäte aus dem Bauausschuss einer Stadt in einen Autobus gesetzt und bin mit ihnen nach Österreich gefahren, um ihnen meine Siedlungen zu zeigen – wo­rauf wir ihre Zustimmung für unser Projekt bekommen haben.
Die Politik scheint sich aber weniger an Best Practices oder den Empfehlungen von Experten zu orientieren, als an den tagesaktuellen Ergebnissen von Meinungsforschern.
Ich halte zumindest zum Thema Wohnwünsche überhaupt nichts von Meinungsumfragen. Wenn mich meine Frau jeden Tag fragt, was ich essen will, wünsche ich mir jeden Tag Palatschinken, weil ich die gern mag. Das wäre allerdings ungesund. Und wenn Politik und Bauwirtschaft immer nur die Menschen fragen, wie sie gern wohnen würden, dann wünschen sich die meisten eben Einfamilienhäuser. Und auch das ist ungesund. Dann bräuchten wir im Grunde auch gar keine Politiker mehr – dann reichen die Meinungsforschungsinstitute, und die Verwaltung macht das, was die Umfragen ergeben. Das ist aber nicht meine Vorstellung von Politik.
Wie halten Sie es denn mit den Wohnwünschen Ihrer Baugruppen?
Die Wohnungen in den Atriumhäusern sind alle maßgeschneidert, ganz den persönlichen Wünschen der Bewohner entsprechend. Natürlich müssen sie ins Gesamtkonzept der Anlage passen, aber da gab es bisher immer genügend Spielraum. Man darf als Architekt halt sich und sein Werk nicht wichtiger nehmen als die Wohnzufriedenheit der Menschen. Und die Vielfalt der Bedürfnisse bringt dann auch Vielfalt in die Architektur. Bei mir sieht kein Haus aus wie das andere. Jeder Abschnitt der Fassade ist ein Spiegelbild der Menschen, die dahinter wohnen. Das ist wie bei den historischen Stadtplätzen. Da steht ein Haus neben dem anderen, jedes ganz individuell ausgeformt, eines schön, das andere weniger schön – aber das Entscheidende und von uns Wahrgenommene ist die Gesamtwirkung.
Ich denke, viele Ihrer Kollegen hätten ein Problem damit, ihr Gestaltungsmonopol auf­zu­geben. Wer sich als Baukünstler begreift …
Die eigentliche Kunst besteht, frei nach Adolf Loos, genau darin, eben nicht der Verlockung zu erliegen, Architektur als Kunst zu verstehen. Daraus resultiert nämlich die offenkundige Phobie vieler Kollegen vor Partizipation, die einen fruchtbaren Dialog mit den künftigen Nutzern verhindert. Fast bei jedem meiner Projekte haben die Bauherren sinnvolle, lebensnahe Beiträge in die Planung mit eingebracht. Ich verstehe nicht, wie man sich dagegen wehren kann. Das verbessert doch die Entwurfsarbeit, ohne dass man die Lorbeeren dafür mit einem Kollegen teilen müsste. Gerade der Wohnbau darf nicht irgendwelchen Eitelkeiten unterworfen werden, das haben die Bewohner nicht verdient. Anstatt Geld für unnötigen Fassadenklamauk auszu­geben, sollte man es lieber für Gemeinschaftsräume einsetzen. Da ist es nachhaltiger investiert. Fassaden werden früher oder später unmodern, Gemeinschaftsräume behalten ihren Wert.
Aber trotzdem gibt es Zwangspunkte in Ihrem Konzept, an denen Sie festhalten.
Ich möchte in meinen Häusern die Kommunika­tion unter den Bewohnern forcieren, auf eine ganz niederschwellige Art. Und darum schaffe ich Orte der zufälligen Begegnung, wo sich von selbst ein kurzer Plausch ergibt, der die Basis ist für gemeinsame Aktivitäten oder Feste, aber auch für Nachbarschaftshilfe oder gegenseitigen Beistand bei Problemen – also für all diese Dinge, die früher ganz natürlich waren, die im modernen Wohnbau aber unterbunden wurden und werden. Und zu diesen Orten gehören für mich neben dem Atrium ganz zentral auch das Schwimmbad und die Sauna, weil hier das Auf-einander-Zugehen am zwanglosesten möglich ist. Dort hat man in der Regel Zeit, ist entspannt und plaudert gern. Allerdings ist nicht allen Bewohnern von vornherein bewusst, wie wichtig das Schwimmbad für die Hausgemeinschaft ist. Und da es bei manchen Baugruppen sehr knapp herging, dass ich das Schwimmbad durchsetzen konnte, weil viele es als Luxus angesehen haben und hohe Betriebskosten befürchteten, plane ich es inzwischen immer von Anfang an mit ein. Dadurch brauche ich dann im Diskussionsprozess keine Mehrheit mehr für das Schwimmbad, sondern die Gegner brauchen eine Mehrheit, um es aus dem Projekt zu kippen. Und ich kann sagen: Wenn das Bad dann einmal in Betrieb ist, möchte es niemand mehr missen.
Welchen Einfluss haben Sie als Planer auf die Nutzung der Atrien?
Im Grunde keinen. Ich stelle mit diesem Freiraum nur die Hardware her, für die Software sind die Bewohner verantwortlich. Aber es ist für mich immer wieder überraschend, was sich alles an gemeinschaftlichen Nutzungen ergibt. Eine Hausgemeinschaft macht im Innenhof regelmäßig ihr eigenes Kino, eine andere wiederum nutzt ihr Atrium quasi als Sporthalle und hat darin einen Billardtisch, Fitnessgeräte und einen Basketballkorb. Fast jeder, der Kinder hat, kennt das: Irgendwann bilden sich die Kleinen ein, unbedingt ein Aquarium zu brauchen. Haben die Eltern dann endlich nachgegeben, verlieren die Fische aber schon bald ihren Reiz. Wenn nun zwölf Familien zusammenwohnen und beschließen, ein gemeinsames und dafür großes Aquarium im Atrium aufzustellen, ist es einmal für diese und einmal für jene Kinder interessant. Und das Füttern und Putzen lässt sich auch gut untereinander aufteilen.
In der Regel kommen Ihre Projekte ohne einen Bauträger aus – Sie entwickeln und realisieren sie in Eigenregie mit Ihren Baugruppen. Wer aber trägt die Risiken? Wie sehen die rechtliche Organisation und die Finanzierung aus?
Das hat sich über die Jahre entwickelt. Beim ersten Projekt musste ich den Bewohnern eine Fixpreisgarantie bieten, sonst hätte sich niemand auf dieses Experiment eingelassen. Ich war ja noch ein junger Architekt und hatte keinerlei Referenzen vorzuweisen. Das finanzielle Risiko lag somit allein bei mir. Dann kooperierte ich offiziell mit gemeinnützigen Bauträgern, um an die staatliche Wohnbauförderung zu kommen. Aber natürlich verlangten die alles andere als gemeinnützig gesinnten Gesellschaften auch fürs Nichts-Tun ordentlich Geld. Als die Fördermittel dann mehr und mehr zurückgefahren wurden, machte das unterm Strich keinen Sinn mehr. Seither gründen die Mitglieder einer Baugruppe für ihr Projekt eine eigene Gesellschaft, die das Haus errichtet – und jeder Bewohner ist antei­liger Eigentümer daran. Das ist eigentlich auch die korrektere Art einer Genossenschaft, das entspricht der ursprünglichen Idee. Am Anfang eines Projekts steht heute entweder eine Baugruppe, die sich an mich wendet, oder ein passendes Grundstück, das ich finde – und für das ich dann nach Interessierten suche, die mit mir bauen wollen.
Es braucht also einen Architekten, der auch Projektentwickler, Consulter, Moderator und noch vieles mehr ist.
Na ja, meine Art des Wohnbaus ist natürlich ziemlich zeitaufwendig. Du musst dich mit den Menschen beschäftigen und auf ihre Wünsche eingehen, und du musst das auch durchhalten. Denn es bedeutet, mit 20, 30 Bewohnern über einen langen Zeitraum in Kommunikation zu treten – individuell und in der Gruppe.
Wäre so ein Planungsprozess von der Wohnbauwirtschaft überhaupt leistbar, oder geht das nur mit Überzeugungstätern wie Ihnen?
Die üblichen Wohnbauträger, egal ob gewerblich oder gemeinnützig, sind im Prinzip alle kapital­orientiert. Sie machen ihre Geschäfte mit Blick auf die Jahresbilanz, aber nicht mit dem Ziel, Qualität zu schaffen, Neues zu entwickeln oder für ihre Klienten zu bauen. Sie produzieren Quadratmeter, sie stellen Wohnfläche her, aber die endet an der Wohnungstür. Alles abseits der verkaufbaren oder vermietbaren Flächen beschränkt sich auf technische Notwendigkeiten wie Stiegenhäuser, Aufzüge, Fahrradräume und Garagen. Es besteht keine Intention, ein entsprechendes Wohnumfeld zu schaffen, schon gar nicht, Räume für soziale Kontakte unter den Bewohnern bereitzustellen. Insofern ist bei ihren Häusern keine Rede von „sozialem Wohnbau“. Ich sehe da seit dem Roten Wien der zwanziger und dreißiger Jahre keine wirkliche Verbesserung mehr, im Gegenteil, eher Rückschritte. Und das tut schon weh, wenn man bedenkt, welche Volumina seither gebaut worden sind.
Der enorme Anstieg der Wohnungspreise in den letzten Jahren ist Wasser auf die Mühlen jener, die wieder dem klassischen Massenwohnbau das Wort reden und jedwede Experimente für nicht mehr leistbar befinden.
Es ist immer die Frage, was man in die Kosten-Nutzen-Rechnung mit einbezieht. Man kann die Wohnzufriedenheit der Bevölkerung sehr wohl auch als volkswirtschaftlichen Faktor sehen. Ich hatte als ganz junger Architekt einmal ein Gespräch mit einem Psychologen über Effizienz im Wohnbau und fragte ihn, ob dieser Sektor nicht genauso wie die Autoindustrie funktionieren könnte. Er erklärte mir, dass eine Wohnung kein gewöhnlicher Konsumartikel ist, sondern sehr viel mehr sein könnte und müsste als beispielsweise ein Fahrzeug. Die Wohnung ist sozusagen die dritte Haut des Menschen, zu der man einen Bezug entwickelt und die auf einen wirkt. Das hat mir zu denken gegeben.
Erfuhr der Kritiker Fritz Matzinger auch selbst Kritik – für das, was er baute?
Kritik kam vor allem von Seiten der Kollegenschaft. Von Laienseite war es eher Skepsis. Beides hat jedoch stark nachgelassen. Anfangs meinten etliche Architekten, das Atrium würde einen Zwang zur Begegnung schaffen. Aber ich kann Ihnen versichern, meine Bewohner empfinden das nicht so. Dann gab es die Prophezeiung, dass die Atriumhäuser höhere Scheidungsraten nach sich ziehen, da das Zusammenleben Tür an Tür, insbesondere aber die direkte Laubengangverbindung zwischen den Schlafräumen im Obergeschoss eine ständige Versuchung zum Seitensprung darstellen. Auch dafür gibt es keine Belege. Und die Politik hat uns jahrelang ihre Unterstützung verwehrt, teils mit absurden Argumenten. Für die Genehmigung der Atriumhäuser in Raaba bei Graz Ende der siebziger Jahre mussten wir nachweisen, dass das Projekt keinen kommunistischen Hintergrund hat. Zum Glück war in der Baugruppe ein Beamter der steiermärkischen Landesregierung, der das amtsintern mit einem entsprechenden Gutachten regeln konnte.
Dem gegenüber steht ein beeindruckendes Echo all jener, die sich ein wenig eingehender mit Ihrem Wohnmodell auseinandergesetzt haben.
Ich fand es sehr schön, dass ein Lehrer, der bei uns im Haus wohnt, einmal sagte: „Die eigentlichen Gewinner dieser Projekte sind die Kinder.“ Er hat gesehen, wie sie gemeinsam aufwachsen, nicht nach Jahrgängen getrennt, wie im Kindergarten oder in der Schule – und wie die Älteren auf die Jüngeren aufpassen, wie die Kleinen von den Großen die sozialen Strukturen und den Umgang miteinander lernen. Diese gegenseitige soziale Erziehung geschieht wie von selbst, da brauchen sich die Eltern nicht zu bemühen, ihren Sprösslingen zu erklären, dass sie teilen müssen und all diese Dinge. Wenn Kinder dagegen alleine aufwachsen, wie es in vielen Einfamilienhäusern, aber auch in den meisten städtischen Wohnbauten der Fall ist, ist das für ihre soziale Entwicklung schlecht. Und die Gesellschaft kriegt die Rechnung dann ein paar Jahre später serviert. Das möchte ich mit meinen Gebäuden eben vermeiden.
Gab es je den Vorwurf, Ihr Wohnbau würde zu sehr auf Familien mit Kindern abzielen und nicht für alle Bevölkerungsgruppen gleich tauglich sein?
Ich muss sagen, ich war selbst überrascht, als eines Tages eine Gruppe von Senioren, mehrheitlich ältere Damen, zu einer Hausbesichtigung kamen. Bis dahin hatten vor allem junge, bauwillige Menschen meine Gebäude besichtigt. Jedenfalls waren die betagten Leute so begeistert von der Wohnqualität hier, dass sie mir sogar spontan ein Grundstück anboten, auf dem ich für sie so ein Haus verwirklichen sollte. Erst da ist mir ein Licht aufgegangen, wie altengerecht das nachbarschaftliche Wohnen eigentlich ist. Denn im Prinzip geht es bei alten Menschen um dasselbe Thema wie bei den Kindern: Wer viel daheim und nicht sehr mobil ist, möchte deswegen nicht allein bleiben, sondern in seinem Umfeld Freunde haben, mit denen er reden, spielen oder sonst wie gemeinsam Zeit verbringen kann. Am besten ist es natürlich, wenn Jung und Alt dabei durchmischt sind. Daher bin ich sehr froh, dass wir in den älteren Atriumhäusern doch eine gewisse gesunde Fluktuation an Bewohnern haben. Manche wohnen dort seit 40 Jahren, manche haben die Wohnung an ihre Kinder übergeben und sind weggezogen – und andere wieder haben ihre Wohnung nach beruflichen oder privaten Veränderungen an junge Menschen weiterverkauft. So sind aus den Familienidyllen der siebziger Jahre keine Seniorenresidenzen geworden.
Die gerade boomenden Mehrgenerationen-Wohnprojekte bemühen sich ja genau um eine solche Durchmischung.
Ja, aber das sind Sonderwohnformen, dadurch erfolgt noch keine Neuausrichtung der Wohnbaupolitik. Ich bin der festen Überzeugung, dass eine funktionierende Gesellschaft mit einem guten Wohnbau ebenso wenig Altersheime bräuchte, wie sie Kindergärten bräuchte. Die Politik wird irgendwann einmal draufkommen, dass die ganzen Kinderbetreuungsstätten und Seniorenresidenzen nicht mehr leistbar sind – und im Wohnbau ein völlig falscher Weg beschritten wurde. Da müssen wir neue, andere Lösungen finden. Aber das geht nicht in herkömmlichen Wohnhäusern, das geht nur mit Konzepten, die den sozialen Aspekt mit berücksichtigen.
Schon Lucius Burckhardt kritisierte, dass wir jedem Problem mit einem entsprechenden Bau begegnen – und meinen, es damit aus der Welt zu schaffen. Wir werden unsere Probleme aber nur gesellschaftlich lösen. Und dazu muss die Gesellschaft wieder an einem Ort zusammenkommen können, anstatt auf Schülerhorte, Altenheime, Flüchtlingsheime und noch weitere Nischenbauten aufgeteilt zu werden.
Das Atriumhaus ist genau ein solcher Ort im Kleinen. Und es bietet nicht nur sogenannten Nischengruppen, sondern jeder Gruppierung unserer Gesellschaft Annehmlichkeiten. In Zeiten, da die Großeltern nicht mehr im Haus oder ums Eck wohnen und immer mehr Eltern Alleinerzieher sind, ist die Wohngruppe rund um das gemeinsame Atrium eine enorme Erleichterung im Alltag. Es ist immer jemand Älterer da, der bei Bedarf auf die Kinder schaut, wenn man schnell etwas einkaufen gehen muss. Es braucht keinen elterlichen Hol- und Bringdienst, wenn Halbwüchsige mit Freunden spielen wollen – denn das können sie daheim. Und es ist auch eine Qualität, jederzeit ohne vorherige Verabredung mit einem Bekannten einen Kaffee trinken zu können.
Inwieweit lässt der gesellschaftliche Wandel darauf hoffen, dass künftig mehr Menschen solche Qualitäten über die tradierten Wohnvorstellungen und Wohnformen stellen?
Ich beobachte an den neuen Bewohnern älterer Atriumhäuser, also an jenen, die nicht zur ursprünglichen Baugruppe gehören, sondern ganz einfach eine freigewordene Wohnung hier kauften, dass auch Menschen, die nicht zur klassischen Wohnprojekt-Klientel zählen, das Einfamilienhaus mittlerweile in Frage stellen. Und zwar aus der Erfahrung heraus, ein solches Haus schon einmal bewohnt zu haben. Sie erzählen mir von der vielen Arbeit, die der große Garten gemacht hat, oder vom kleinen Swimmingpool, dessen Instandhaltung eine Menge Zeit und Geld gekostet hat. In unserer Wohngruppe übernimmt jeder eine Aufgabe für die Allgemeinheit, die ihm Spaß macht, und wenn jemand gerne Hecken schneidet, braucht kein anderer mehr zu einer Heckenschere zu greifen. Es ist ein Luxus, sich im Grunde nur um die eigene Terrasse kümmern zu müssen, und trotzdem den weitläufigen gemeinschaftlichen Grünraum zur Verfügung zu haben – oder das große Schwimmbad zu nutzen, ohne sich zwingend an der Pflege und Wartung zu beteiligen. Die Kinder spielen auf der Wiese und im Wasser ohne jeden Gedanken daran, wem nun was eigentumsrechtlich gehört – und immer mehr Eltern ist das auch zunehmend egal. Sie kommen drauf, wie absurd es ist, wenn jeder Häuselbauer auf seinem Grundstück eine Rutsche, eine Schaukel und eine Sandkiste aufstellt, wenn jeder einen eigenen Rasenmäher und einen eigenen Griller besitzt. Das Leben in der Gemeinschaft ist nicht nur der günstigere, sondern vor allem auch der einfachere Weg.

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