Eine Stadt, getrennte Welten?
Befragungen und Studien belegen, dass die Möglichkeiten zur sozialen Teilhabe von Kindern in deutschen Städten je nach Wohlstand ihres Wohnviertels variieren. Welche Rolle spielt bei diesen Nachteilen die gebaute Umwelt, wo konzentrieren sich Lärm, Schnellstraßen, Parks oder kulturelle Angebote? Ein Querschnitt durch sieben Städte
Text: Salomo, Katja, Kassel; Helbig, Marcel, Bamberg
Eine Stadt, getrennte Welten?
Befragungen und Studien belegen, dass die Möglichkeiten zur sozialen Teilhabe von Kindern in deutschen Städten je nach Wohlstand ihres Wohnviertels variieren. Welche Rolle spielt bei diesen Nachteilen die gebaute Umwelt, wo konzentrieren sich Lärm, Schnellstraßen, Parks oder kulturelle Angebote? Ein Querschnitt durch sieben Städte
Text: Salomo, Katja, Kassel; Helbig, Marcel, Bamberg
Für viele deutsche Städte zeigen Studien, dass sich Chancen auf soziale Teilhabe ungleich über Stadtteile verteilen: In Quartieren mit höherem Anteil an Transferleistungsbeziehungen sind Kita-Betreuungsquoten, schulische Kompetenzen und Gymnasialübergänge geringer, Karies und Übergewicht häufiger, Vorsorgeuntersuchungen seltener und der Bezug von Sozialleistungen verbreiteter. Kinder in ärmeren Stadtteilen spielen seltener ein Instrument, besuchen seltener Museen, Theater, Musikschulen oder Sportvereine und sind weniger zufrieden mit ihrem Wohnumfeld. Unklar bleibt, ob diese Unterschiede auf Angebots- oder Nachfrageunterschiede zurückzuführen sind. Fehlen in armen Stadtteilen Einrichtungen wie Bibliotheken, Schwimmbäder oder Schulen mit Oberstufe – oder werden solche Angebote dort seltener genutzt? Ziel der Studie war es, für sieben deutsche Großstädte zu prüfen, ob Kinder in sozial benachteiligten Quartieren strukturell schlechtere Rahmenbedingungen für Teilhabe vorfinden. Datengrundlage ist der Anteil der Kinder in Haushalten die Bürgergeld beziehen.
Je ärmer, desto lauter?
Die untersuchte These lautete, dass sich in Stadtteilen mit hoher Kinderarmut infrastrukturelle Benachteiligungen ballen. In Zusammenhang mit Kinderarmut wurden Faktoren wie Lärmbelastung, beispielsweise durch Straßen oder Industrie, der Anteil der Industrieflächen im Stadtteil, Verkehrssicherheit, also Tempo-30-Zonen und Spielstraßen, Angebote für Naherholung und Sport, Spielplätze, Hallen- und Freibäder, Eislaufhallen, kulturelle Einrichtungen wie Bibliotheken, Musikschulen, Kindertheater, Konzerthäuser, das Angebot an Schulen mit gymnasialer Oberstufe und die kinderärztliche und -psychotherapeutische Versorgung untersucht. Unterschiede in Qualität, Größe oder Erreichbarkeit der Einrichtungen, zum Beispiel mit öffentlichen Verkehrsmitteln, wurden nicht berücksichtigt. Teil der Untersuchungen waren Berlin, Hamburg, Leipzig, Nürnberg, Dortmund, Erfurt und Saarbrücken für den Zeitraum 2017 bis 2019. All diese Städte verfügen über hohe soziale Segregation und deutliche Armutscluster. Diese Auswahl gewährleistet regionale und größenmäßige Vielfalt, sodass die Ergebnisse auch für andere Städte übertragbar sind. Die Auswertungen waren kleinräumig: In Berlin wurden 447 Stadtteile analysiert, während es in Saarbrücken 57 waren.
Trotz der Unterschiede zwischen den Städten lassen sich gemeinsame Muster erkennen – zunächst in Geschichte, Bebauung und Umweltbelastung: In westdeutschen Städten und West-Berlin konzentriert sich Kinderarmut oft in alten Arbeiterquartieren mit Industrie- und Gewerbeflächen sowie höherer Lärmbelastung. In ostdeutschen Städten dagegen liegt Kinderarmut eher in Plattenbaugebieten ohne erhöhte Umweltbelastung. Unterschiede bei Tempo-30-Zonen oder Spielstraßen bestehen nicht.
Für Sport-, Erholungs- und Spielflächen ergab die Studie für Berlin, Dortmund, Erfurt, Hamburg, Leipzig und Nürnberg mehr Erholungsfläche pro Kind in privilegierten Stadtteilen. Dies zeigt sich auch bei den Spielplatzflächen, die in Erfurt, Saarbrücken sowie tendenziell in Berlin und Leipzig in reicheren Vierteln einen größeren Anteil einnehmen als in Quartieren mit durchschnittlicher oder hoher Kinderarmut.
Bezüglich Kultureller Angebote und Schulen ergab die Studie, dass weder Bibliotheken, noch Musikschulen, Theater, Hallen- und Freibäder oder Schulen mit Oberstufe oder Ganztagsangebot in sozial benachteiligten Gebieten seltener vertreten sind. Teilweise ist die kulturelle Ausstattung in wohlhabenderen Quartieren sogar geringer. Schulen mit gymnasialer Oberstufe liegen häufig näher an ärmeren Stadtteilen. Benachteiligt beim Zugang zu all diesen Einrichtungen sind eher jene Stadtteile, die sich weiter vom Zentrum entfernt befinden.
Was medizinische Versorgung angeht, sind Kinderärztinnen in allen untersuchten Städten einigermaßen gleichmäßig verteilt; in Berlin, Nürnberg und Saarbrücken sogar dichter in benachteiligten Gebieten. Die Kinderpsychotherapeuten sind in den untersuchten Städten deutlich ungleicher verteilt: Sie konzentrieren sich häufig in den Innenstädten und teilweise in sozial privilegierten Stadtteilen.
Insgesamt zeigt sich trotz verbreiteter Annahmen über „soziale Brennpunkte“ keine systematische infrastrukturelle Benachteiligung ärmerer Quartiere bei den untersuchten Aspekten. Eine Benachteiligung zeigt sich lediglich bei der Versorgung mit Psychotherapie-Praxen für Kinder und Jugendliche. Weitere Unterschiede bestehen vor allem in der Wohnqualität: In Vierteln mit hoher Kinderarmut schneiden Bebauung, Umweltbelastung und Attraktivität schlechter ab – mit mehr Industrieflächen und Lärm im Westen, Plattenbauten im Osten und insgesamt weniger Erholungs-, Sport- und Spielflächen als in wohlhabenderen Stadtteilen. Diese Muster spiegeln Marktprozesse wider: Niedrigere Mieten in unattraktiven oder belasteten Lagen führen zur räumlichen Konzentration von Armut. Im Westen haben ehemalige Arbeiterquartiere durch Deindustrialisierung den „Fahrstuhl nach unten“ genommen, während sich in Erfurt, Leipzig und Ost-Berlin Kinderarmut in überalterten Plattenbaugebieten konzentriert.
Die Studie legt nahe, dass geringere Teilhabechancen armer Kinder weniger auf fehlende Infrastruktur, sondern auf soziale und kulturelle Unterschiede zurückgehen, zum Beispiel finanzielle Hürden oder eingeschränkte Mobilität. Zugleich zeigen die Ergebnisse, dass in westdeutschen Städten Umweltbelastungen wie Lärm und Industrieanteile in armen Quartieren höher sind – ein potenzielles Risiko für die Gesundheit der dort lebenden Kinder.
Basierend auf den Ergebnissen der Studie ist eine interaktive Karte entstanden, auf der für alle sieben Städte die verschiedenen Untersuchungskriterien auswählbar sind. Sie ist abrufbar unter:
shiny2.wzb.eu/konrad/salomo_helbig_dashboard/
Basierend auf den Ergebnissen der Studie ist eine interaktive Karte entstanden, auf der für alle sieben Städte die verschiedenen Untersuchungskriterien auswählbar sind. Sie ist abrufbar unter:
shiny2.wzb.eu/konrad/salomo_helbig_dashboard/







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