Denken und Tun

Das Deutsche Architekturmuseum gibt Einblick in die Arbeitsweise des indischen Studio Mumbai

Text: Hoetzel, Dagmar, Berlin

    Schwerlastregale mit Dosen voller Farbpigmente, Möbelentwürfen und Materialproben – Blick in die
    Ausstellung im Erdgeschoss des DAM.
    Foto: Uwe Dettmar

    Schwerlastregale mit Dosen voller Farbpigmente, Möbelentwürfen und Materialproben – Blick in die
    Ausstellung im Erdgeschoss des DAM.

    Foto: Uwe Dettmar

    Haus Palmyra in Nandgaon, Maharashtra (Indien), 2007
    Foto: Studio Mumbai

    Haus Palmyra in Nandgaon, Maharashtra (Indien), 2007

    Foto: Studio Mumbai

Denken und Tun

Das Deutsche Architekturmuseum gibt Einblick in die Arbeitsweise des indischen Studio Mumbai

Text: Hoetzel, Dagmar, Berlin

Materialfülle: Gleich am Anfang, wenn man die Studio-Mumbai-Ausstellung im Erdgeschoss des Deutschen Architekturmuseums betritt, steht das fast raumhohe Modell eines Kenotaphs aus Bambusstöcken, mit Baumwollschnüren und Lehm fixiert, daneben sind 15.000 Mini-Backsteine aufgeschichtet; Schwerlastregale sind gefüllt mit Dosen voller Farbpigmente, mit Entwürfen für Möbel, mit Werkzeugen und Prototypen. Modelle von Häusern oder Bauteilen aus Holz, Stein und Metall in unterschiedlichen Maßstäben sowie Teergussmodelle säumen den Weg durch die Schau, ebenso wie Bücher und Videos, nur Zeichnungen nicht – aber Klebebandskizzen: mit Klebeband im Maßstab 1:1 auf Schichtholzplatten aufgebrachte Konstruktionsdetails zur Ausführung auf der Baustelle.
Bijoy Jain, der Begründer des Studio Mumbai, sagt in einem Interview mit der Bauwelt (Heft 31.2014), dass der Dialog zwischen Denken und Tun für ihn entscheidend sei. Nach dem Studium und erster Berufstätigkeit in den USA ging Jain zurück in sein Heimatland Indien, forschte nach alten indischen Handwerkstraditionen und scharte eine Reihe von Tischlern, Maurern, Zimmerleuten, Blechschmieden, Steinmetzen und Architekten um sich. Er sei der „Dirigent“, sagt er, oder derjenige, der einen Tanz beginnt und dann andere Tänzer antreibt. Erste Skizzen werden von den Handwerkern in Modelle umgesetzt, überprüft, besprochen, geändert. Von allen Gebäuden werden zig Modelle gebaut – das letzte, endgültige wird dann in Bronze gegossen –, der Entwurf im Austausch, im Dialog immer weiter entwickelt. Heraus kommen Häuser, die sich durch eine gewisse Modernität und Ab­straktheit auszeichnen sowie durch eine Besonderheit, die durch unkonventionelle Verwendung und tradi­tionell handwerklich geprägte Behandlung von Materialien entsteht.
In der Ausstellung werden neun realisierte Häuser gezeigt – sie treten jedoch in den Hintergrund, werden nur als Diashows auf nicht allzu großen Bildschirmen präsentiert. Vielmehr sucht die Inszenierung im Deutschen Architekturmuseum (kuratiert wurde die Ausstellung im Arc en rêve centre d’architecture Bordeaux) die Atmosphäre und Arbeitsweise des Studios in der ländlichen Umgebung im Südwesten Mumbais zu vermitteln. Der Titel „Between the Sun and the Moon“ zielt auf die unterschiedlichen Herangehensweisen im Planungsprozess zwischen westlicher Genauigkeit und der Unschärfe im Mondlicht auf dem indischen Subkontinent.
In Zeiten von parametrischem Entwerfen, Building Information Modeling und der Optimierung von Produktionsprozessen scheint die Arbeitsweise des Studio Mumbai, bei der Schnelligkeit und Effizienz nicht die entscheidenden Kriterien sind, wie aus einer anderen Zeit und erinnert aber doch daran, dass das Experimentieren, Ausprobieren, Forschen, Überprüfen, der Zufall, die Intuition und eine gewisse Zeitverlorenheit – eben das Denken und Tun – von jeher und auch heute noch essenzieller Bestandteil der Tätigkeit von Architekten sind. Dagmar Hoetzel

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