Wir müssen den Wettbewerb neu denken
Ist der Architekturwettbewerb noch zeitgemäß? Was macht seinen Reiz aus, was gefährdet ihn? Wir sprechen mit Büros, der Interessenvertretung, der Nachwuchsförderung, einem Wettbewerbsbetreuer und einer öffentlichen Auftraggeberin.
Text:
Marie Bruun Yde, Boris Schade-Bünsow
Wie sähe der ideale Wettbewerb aus?
Lina Lahiri Wir sind froh, dass es in Deutschland vergleichsweise noch viele Wettbewerbe gibt. In Frankreich etwa ist der Zugang schwieriger, dafür werden die meist höchstens sechs teilnehmenden Teams angemessen honoriert. Für kleine Büros ist das eine hohe Hürde; für uns als größeres Büro erhöht die Begrenzung die Gewinnchance. Schließlich investieren Büros bis zu 150.000 Euro in einen Wettbewerb. Auch offene Verfahren sind wertvoll, solange sie nicht zu viel Leistung verlangen. Wenn hundert Büros Entwürfe im Maßstab 1:200 ausarbeiten, liegt eine enorme Summe auf dem Tisch.
Petra Wesseler Aus Sicht der Auftraggeberin – sowohl in der Kommune als auch beim Bund – ist der ideale Wettbewerb offen und anonym. Nur so können junge Büros ohne umfangreiche Referenzen teilnehmen.
Lina Lahiri Bei großen offenen Wettbewerben gewinnen aber nur selten kleine Büros, weil sie nicht über dieselben Mittel verfügen wie die großen. Häufig wird nicht allein die Kernidee bewertet, sondern auch die Qualität der Renderings und die gesamte Ausarbeitung. Dadurch entsteht eine neue Form der Ungleichheit. Beim Wettbewerb für das Guggenheim-Museum in Helsinki musste nur ein Konzept eingereicht werden. Bei über 1700 guten Entwürfen stellt sich allerdings die Frage, wie eine Jury noch zum Kern der einzelnen Beiträge vordringen kann. Deshalb finde ich eine Mischung verschiedener Formate sinnvoll. Beim Wettbewerb für die Komische Oper etwa wurden 50 Büros zur Teilnahme ausgewählt – auch das ist eine enorme Zahl.
Alexander Pötzsch Wir müssen den Wettbewerb neu denken und dabei auch über alltäglichere Aufgaben als Museen und Kulturbauten sprechen. Warum suchen wir nicht in reduzierten Gestaltungswettbewerben zunächst nach der besten Idee, statt bereits eine Leistungsphase 2 zu verlangen? Gerade bei Sanierungen und Umbauten geschieht das noch zu selten. Wir sprechen von Baukultur als Prozesskultur, erwarten nach acht oder zwölf Wochen aber ein fertiges Ergebnis. Viele Kommunen fürchten, davon überrollt und anschließend mit Kostensteigerungen und offenen Fragen allein gelassen zu werden.
Petra Wesseler Es gilt zu unterscheiden: Städtebauliche Wettbewerbe behandeln Strukturen, Baumassen und öffentliche Räume, Realisierungswettbewerbe konkrete Bauvorhaben. Letztere sind für mich immer Gestaltungswettbewerbe. Gestaltung lässt sich jedoch nicht von funktionalen und technischen Anforderungen trennen. Ein Mindestmaß an technischer Konzeption muss deshalb mitgedacht werden.
Luis Lange Warum veranstalten wir eigentlich Wettbewerbe? Anders als bei der direkten Beauftragung eines Büros soll dabei etwas Neues entstehen, das vorher nicht absehbar war. Der Prozess kann sogar die Sicht der Bauherrschaft auf das eigene Projekt verändern – unabhängig davon, wie ausführlich ihr Pflichtenheft ist. Aus der jungen Architektenschaft kommt der Vorschlag, nur noch offene Verfahren anzubieten. Dann könne sich der Andrang auf mehr Wettbewerbe verteilen. Ich bezweifle allerdings, dass dieser Ausgleich schnell einträte.
Was wäre ein sinnvoller Ansatz?
Luis Lange Sympathisch finde ich zweistufige Verfahren, bei denen der Leistungsumfang allmählich wächst, sowie Modelle, die Qualitätsauswahl und Losverfahren verbinden. So erhalten neue Ideen eine Chance, während die Bauherrschaft eine gewisse Sicherheit behält. Zugleich müssen wir prüfen, ob die Verfahren noch zu unserer Arbeitswelt passen. Der Rückgang der Wettbewerbe wird beinahe ritualisiert beklagt, die Ursachen aber selten selbstkritisch untersucht. Kammern und Fachverbände sollten fragen, warum Wettbewerbe als bürokratisch, teuer und unsicher gelten. Manche Vorbehalte lassen sich durch bessere Kommunikation ausräumen, andere sind berechtigt – und hier müssen Veränderungen stattfinden.
Andrijana Ivanda Trotzdem wünsche ich mir mehr offene, gern zweistufige Wettbewerbe. Hilfreich wäre, bereits vorab sehen zu können, wie viele Büros sich angemeldet haben. Dann kann jedes selbst entscheiden, ob sich eine Teilnahme noch lohnt. Entscheidender ist jedoch, dass Auslobende bereit sind, sich überraschen zu lassen. Wenn Aufgabenstellung und Jurybesetzung das gewünschte Ergebnis bereits vorzeichnen, verliert der Wettbewerb seinen Sinn. Auch braucht es mehr Transparenz: Ergebnisse und Juryprotokolle sollten zentral und frei zugänglich sein – nicht nur auf kostenpflichtigen privaten Plattformen.
Vesta Nele Zareh Ein guter Wettbewerb ist sorgfältig vorbereitet und während des gesamten Verfahrens nachvollziehbar – bis zur Ausstellung und Veröffentlichung der Protokolle. Im besten Fall wird auch das Ergebnis gut kommuniziert. Für Europan sind Wettbewerbe kein Selbstzweck, sondern ein Instrument, um Nachwuchs zu fördern und Innovation in die Kommunen zu bringen. Junge Büros brauchen Gelegenheiten, Wettbewerbe zu lernen; zugleich bieten diese ihnen einen der wenigen Zugänge zu öffentlichen Aufträgen. Viele Kommunen würden gern Wettbewerbe durchführen, doch den Bauämtern fehlen Leitung und Fachkräfte im Hochbau. Gestern war ich in einer Kommune, die seit 15 Jahren keinen Wettbewerb mehr ausgelobt hat. An den letzten erinnert man sich gern – für einen neuen fehlt schlicht das Personal.
Wie können sich personell überlastete Kommunen überhaupt bei Europan engagieren?
Vesta Nele Zareh Ideenwettbewerbe sind für Kommunen attraktiv, weil Städtebauförderungsmittel eingesetzt werden können, und wir als Verein Aufgaben übernehmen, die sonst bei den Bauverwaltungen lägen. Dadurch lassen sich die Verfahren vergleichsweise kostengünstig durchführen.
Woran erkennen Sie, dass ein Wettbewerb schlecht vorbereitet ist – und welche Konsequenzen ziehen Sie daraus?
Lina Lahiri Wir haben von wettbewerbsbetreuenden Büros gehört, dass in Deutschland im Grunde jeder aus dem Fach Wettbewerbe betreuen darf und dass trotzdem restriktive Wünsche der Bauherrschaft manchmal einfach übernommen werden, obwohl die Anforderungen eigentlich viel zu hoch sind. Selbst große Büros scheitern an Teilnahmeanforderungen wie etwa drei innerhalb von fünf Jahren realisierten Holzbauschulen. An erkennbar schlecht vorbereiteten Verfahren nehmen wir inzwischen nicht mehr teil. Als großes Büro tragen wir die Verantwortung zu sagen: So nicht.
Darf wirklich jeder, der abends davon träumt, Wettbewerbsbetreuer zu werden, am nächsten Morgen damit anfangen?
Luis Lange Es gibt die gelebte Realität und die Vorgaben der RPW. Nach der RPW soll die Verfahrensbetreuung fachlich der Disziplin des Wettbewerbs entsprechen. Ein Stadtplaner kann jedoch auch einen freiraumplanerischen oder hochbaulichen Wettbewerb betreuen, genauso wie ein Architekt einen städtebaulichen oder freiraumplanerischen Wettbewerb betreuen kann. Bei völlig fachfremden Personen, etwa Juristen, wird es allerdings problematisch.
Petra Wesseler Eigentlich werden Wettbewerbe von den Architektenkammern registriert. Die Auslobungsunterlagen gehen an die jeweiligen Wettbewerbsausschüsse. Wenn eine Auslobung nicht professionell ist, müssten diese Ausschüsse eingreifen.
Wettbewerbe sind von detaillierten Vorgaben geprägt. Manche Rahmenbedingungen sind unveränderlich: Budget, Grundstück oder funktionale Anforderungen. Andere greifen unmittelbar in die Gestaltung ein, etwa Baukörper, Grundriss oder Fassade. Welche Entscheidungen müssten offenbleiben, damit Architekturbüros nicht nur das Finish liefern?
Petra Wesseler Kürzlich mussten wir einen Bauherrn erst vom Mehrwert eines Wettbewerbs überzeugen. Eine Machbarkeits- und Baumassenstudie lag bereits vor, zeitweise war sogar von einem „Fassadenwettbewerb“ die Rede. Doch eine Fassade lässt sich nicht ohne die dahinterliegenden Räume entwerfen. Statt sechs ähnlicher Beiträge erhielten wir unterschiedliche Lösungen; einige stellten sogar die Machbarkeitsstudie infrage. Selbst unter engen Bedingungen kann ein Wettbewerb Ideen hervorbringen, an die vorher niemand gedacht hat. Problematisch sind „verbindliche Vorgaben“: Weicht ein überzeugender Entwurf davon ab, müsste er formal ausgeschlossen werden. Deshalb formulieren wir Vorgaben möglichst als Orientierungen, die unerwartete Lösungen zulassen.
Lina Lahiri Vorgaben sind sinnvoll. Schwierig ist, wenn es keine gibt, und man zunächst selbst das Raumprogramm entwickeln muss. Architekturbüros können klare Vorgaben durchaus produktiv wenden. Wenn selbst die Fassade festgelegt ist, wird der Spielraum jedoch zu eng.
Alexander Pötzsch Entscheidend ist die Qualität der Auslobung. Große, erfahrene Auftraggeber können sich eine professionelle Betreuung leisten. Kleinere Kommunen führen dagegen häufig offene Vergabeverfahren durch, ohne einen Wettbewerb überhaupt in Betracht zu ziehen. Für ein Rathaus würden sie vielleicht einen ausloben, für ein Feuerwehrgerätehaus nicht. Gerade solche überschaubaren Aufgaben könnten jungen Büros aber den Marktzugang eröffnen. Dafür müssen kleine Wettbewerbe so angelegt sein, dass Kommunen sie sich leisten können und junge Büros daran wachsen.
Luis Lange Verbindliche Vorgaben vermeiden wir weitgehend, weil sie überraschende, aber überzeugende Vorschläge formal ausschließen können. Bei einem zweiphasigen Wettbewerb verlangte der Auslober einen Neubau. Ein Büro schlug dennoch den Bestandserhalt vor. Fach- und Sachpreisgericht entschieden, diesen Ansatz weiterzuverfolgen; die zweite Phase entfiel, die Preisgelder wurden vollständig ausgeschüttet. Auch ein standardisiertes RPW-Verfahren braucht Flexibilität und Dialog.
Petra Wesseler Gerade bei Sanierungen und neuen Vertragsmodellen ist die Frage, wie Planende und Bauausführende früh zusammenarbeiten können. Wettbewerbe wurden bei IPA-Verfahren und Mehrparteienverträgen zunächst häufig ausgeschlossen. Dabei lässt sich beides verbinden: Der Wettbewerb ermittelt die beste gestalterische und konzeptionelle Idee, anschließend steigt das ausgewählte Planungsteam in die Kooperation mit den Ausführenden ein. Beim Luisenblock mussten sich die teilnehmenden Büros von Anfang an dazu bereit erklären. So lassen sich Entwurfsqualität und kooperative Realisierung verbinden. Verfahrensfragen darf man nicht schwarz-weiß betrachten.
Luis Lange Der Wunsch, ausführungsbezogenes Know-how früher einzubeziehen, ist berechtigt. Im Rahmen des Hamburg-Standards diskutieren wir Bauteams, in denen Planer und Bauunternehmen frühzeitig auf Augenhöhe zusammenarbeiten – möglicherweise bereits im Wettbewerb.
Andrijana Ivanda Das Kostenthema ist inzwischen so dominant, dass es auch die Bewertung der Ergebnisse prägt. Die Entscheidung fällt auf ein einfaches Bauwerk, das man schon kennt, um auf Nummer sicher zu gehen. Mit Offenheit gegenüber Architektur und Wettbewerb meine ich, sich wirklich auf einen Prozess einzulassen. Wir sollten nicht immer nur überlegen, wie wir uns durch einen Generalunternehmer oder andere Mechanismen noch weiter absichern. Es fehlt die Lust, etwas auszuprobieren und auch einmal ein Risiko einzugehen.
Architektur ist eine schöpferische und intellektuelle Leistung. Dennoch entscheiden Anzahl Referenzen oder Umsätzen zunehmend über den Zugang zu Wettbewerben. Das benachteiligt kleinere und jüngere Büros sowie gefährdet die Vielfalt der Teilnehmenden und Lösungen. Wie lassen sich Zugangsbedingungen so gestalten, dass sie Qualität sichern, ohne etablierte Büros zu bevorzugen?
Petra Wesseler Manche Voraussetzungen sind ausgeufert. Vieles müsste deutlich abgespeckt werden.
Alexander Pötzsch In Deutschland neigen wir dazu, jeden gesetzlichen Rahmen bis zum Rand auszumalen, weil Verwaltungen Angst haben, einen Fehler zu machen.
Petra Wesseler … Oder weil beratende Juristen dazu raten.
Alexander Pötzsch Auch Betreuungsbüros ergänzen immer neue Anforderungen – teilweise ohne selbst aus Architektur oder Stadtplanung zu kommen. Dabei könnte man häufig einfach losen. Eine Kammerzulassung und eine vergleichbare Referenz innerhalb derselben Honorarzone können genügen. Man muss nicht alles schon einmal gemacht haben. Sonst hätte ich auch nicht Präsident des BDA werden dürfen – das war ich vorher schließlich ebenfalls noch nie. Wenn wir Innovation wollen, müssen Menschen an Aufgaben wachsen können. Als junger Architekt bat ich etablierte Büros um Kooperationen. Leidenschaft und Ideen reichten ihnen nicht, weil mir die Referenzen fehlten. Heute biete ich jungen Büros genau solche Kooperationen an, etwa beim Bauen im Bestand. Wir können und müssen mehr Banden bilden – unabhängig von einer RPW-Reform.
Petra Wesseler Überhöhte Teilnahmebedingungen gelten häufig als Vorgaben der RPW. Das sind sie nicht. Bei einem 100-Millionen-Euro-Projekt muss die Referenz nicht dieselbe Größenordnung haben; vielleicht genügen 20 Millionen. Die Anforderungen sollten deutlich unterhalb der neuen Aufgabe liegen.
Andrijana Ivanda Wir kooperieren, weil es anders kaum funktioniert. Das wird gern romantisiert, bedeutet aber viel zusätzliche Arbeit. Inzwischen wissen wir, welche Büros über die benötigten Referenzen verfügen. Doch häufig nehmen sie selbst teil oder sind bereits Teil eines anderen Teams. Gut sind Verfahren, bei denen sich ein erfahrenes Partnerbüro erst nach dem Gewinn hinzunehmen lässt. Wer ein Zehn-Millionen-Euro-Projekt gewonnen hat, findet jemanden für die gemeinsame Realisierung. Auslober sollten deshalb weniger Angst haben und bereit sein, ein gewisses Risiko einzugehen.
Vesta Nele Zareh Bei Europan muss das Team bereits im Wettbewerb feststehen. Ist eine Kommune vom Ergebnis überzeugt, kann sie anschließend ein VgV-Verfahren durchführen, bei dem das Team teilnimmt. Junge Büros ohne realisierte Projekte können sich mit einem erfahrenen, möglichst regionalen Partner zusammenschließen.
Lina Lahiri Wenn das junge Büro den Wettbewerb bereits gewonnen hat, bringt es etwas Eigenes in die Kooperation ein. Die Zusammenarbeit kann dadurch eher auf Augenhöhe stattfinden. Mehr Erfahrung bedeutet schließlich nicht automatisch die bessere Idee.
Petra Wesseler In Sachsen wurde als Referenz eine öffentliche Kita verlangt. Ein Büro hatte eine private Kita und eine öffentliche Schule gebaut – und sollte dennoch ausgeschlossen werden. Eigentlich ging es um Erfahrung mit öffentlichen Auftraggebern und Bildungsbauten. Genau das hätte man abfragen sollen. Anforderungen sollten so allgemein wie möglich formuliert sein. Zu spezifische Kriterien sind oft angstgetrieben und schränken den Teilnehmerkreis unnötig ein.
In Wettbewerben stehen oft viele Teilnehmende einer geringen Vergütung gegenüber – ein Großteil der Arbeit landet allerdings unbezahlt im Papierkorb. Wie lässt sich der Wettbewerbsaufwand reduzieren? Wie viel Abgabeleistung braucht eine Jury, um eine gute Entwurfsidee erkennen und beurteilen zu können?
Lina Lahiri Oft wäre Vereinfachung möglich. Muss man wirklich 16 DIN-A0-Tafeln abgeben? Um einen Entwurf zu beurteilen, muss ich den roten Faden vom Grundriss über die Ansichten bis zum Gesamtbild verstehen. Dafür braucht es nicht immer diese Materialmenge.
Alexander Pötzsch Der ehemalige Brüsseler Bouwmeester Kristiaan Borret stellte beim BDA-Tag einen interessanten Ansatz vor: Die Vergütung richtet sich nach dem Umfang der verlangten Leistung. Jede zusätzliche Tafel kostet den Auslober also mehr. Das zwingt ihn, zu überlegen, was er wirklich braucht: jeden Schnitt, sämtliche Regelgrundrisse, ein Modell und zusätzlich einen Film? Früher übersprang man eine Maßstabsebene, heute werden häufig sämtliche durchdekliniert. Eine Vergütung gekoppelt an den Leistungsumfang könnte diese Überfrachtung begrenzen.
Petra Wesseler Bei unseren Wettbewerben vermeiden wir Materialschlachten. In der Preisrichtervorbesprechung klären wir, welche Unterlagen zur Beurteilung wirklich notwendig sind. Gibt ein Büro mehr ab als verlangt, etwa zusätzliche Renderings, werden diese abgedeckt. Mehrleistungen dürfen keinen Vorteil verschaffen.
Andrijana Ivanda Zum Aufwand gehören inzwischen auch immer mehr Berechnungen. Es werden Angaben zu Bauteilen, Deckenflächen, CO₂ und Kosten verlangt. Einige Themen sind wichtig, aber die Detailtiefe ist teilweise absurd.
Luis Lange Ein Wettbewerbsbeitrag ist in seiner Durcharbeitungstiefe mit der Leistungsphase 2 vergleichbar, sodass zwar eine grobe Kostenschätzung möglich ist, aber keine Kostenberechnung. Die Annahme, dass bereits im Wettbewerb detaillierte Kostenangaben benannt werden können, ist ein Irrglaube. Es empfiehlt sich umso mehr, die Entwürfe durch einen fachkundigen Sachverständigen prüfen zu lassen, der über Bauteile und Baumassen die Kosten überschlägig, aber vergleichbar herleiten kann.
Petra Wesseler Die Bauherrschaft muss aber einschätzen können, ob ein Entwurf grundsätzlich im Budgetrahmen liegt. Gefragt ist deshalb Kostenbewusstsein, niemand braucht eine Kostenberechnung bis auf die dritte Nachkommastelle.
Was bedeutet es für den Nachwuchs, wenn es deutlich weniger kleine Wettbewerbe gibt, die jungen Büros als Einstiegsaufgaben dienen könnten?
Vesta Nele Zareh Junge Architektinnen und Architekten fragen uns vor einer Bürogründung häufig nach ihren Chancen als Selbstständige mit eigenem Büro. Immer öfter stellen wir fest, dass sie entscheiden, zunächst in einem größeren Büro weiterzuarbeiten. Damit entsteht ein Problem für die gesamte Branche und unsere Baukultur. Junge Büros brauchen Möglichkeiten, sich auszuprobieren. Freiwillige Kooperationen mit etablierten Büros sind wichtig, ersetzen aber keine strukturelle Förderung. Wir brauchen Instrumente, die Kommunen bei kleinen Wettbewerben unterstützen und zu deren Auslobung ermutigen.
Petra Wesseler Eine Auslobung zwingt die Bauherrschaft, früh Raumprogramm, Anforderungen und Ziele zu klären. Zugleich erhält sie eine Bandbreite an Lösungen. Diesen Mehrwert müssen wir deutlicher vermitteln.
Luis Lange Dennoch müssen wir die Schwierigkeiten ernst nehmen, die durch die Anwendung der RPW in der Praxis entstehen können. Ein Beispiel ist die Besetzung der Preisgerichte. In vielen kleineren Kommunen ist die politische Landschaft stark zersplittert und die Kluft zwischen den verschiedenen Fraktionen groß, sodass ein zunehmendes Misstrauen herrscht. Dies hat zur Folge, dass jede Fraktion mit eigenem Stimmrecht vertreten sein möchte und sich die Anzahl der Sachpreisrichter erhöht. Bedingt durch die Regularien der RPW wächst auch die Anzahl der Fachpreisrichter im gleichen Maße. So entstehen selbst für kleine Bauvorhaben sehr große Gremien. Das macht Verfahren organisatorisch unnötig aufwendig und die Konsensfindung schwierig. Bei einem VgV-Verfahren mit Lösungsvorschlag entscheiden dagegen womöglich nur drei Personen, sodass die Vorhabenträger auf solche Verfahren ausweichen, obwohl teilweise ein Wettbewerb die bessere Verfahrenswahl gewesen wäre. Insbesondere Bauvorhaben mit einem hohen Anspruch an die gestalterische Qualität sollten durch einen Planungswettbewerb entschieden werden.
Alexander Pötzsch Ein Wettbewerb erzeugt ein Bild, hinter dem sich die Beteiligten versammeln können. Wenn auch Skeptiker früh einbezogen werden, kann das spätere Prozesse beschleunigen. Manche Kommunen meiden Wettbewerbe jedoch aufgrund schlechter Erfahrungen mit Kosten und Anonymität und empfinden VgV-Verfahren als kontrollierbarer. Für kleinere Bauvorhaben brauchen wir deshalb ein kompaktes Qualitätsverfahren, das klar, bezahlbar und einfach anzuwenden ist. Dazu braucht es Aufklärung, Beratung und professionelle Unterstützung.
Petra Wesseler Wir benötigen keine „RPW light“, sondern die RPW in ihrer ursprünglichen, nicht überfrachteten Form.
Ein blinder Fleck im Wettbewerbswesen ist die Besetzung der Preisgerichte. Während Architekturbüros ihre Qualifikation nach transparenten Kriterien belegen müssen, bestimmt der Auslober ohne Begründung, wer über die Entwürfe urteilt. Wie ließe sich die Besetzung nachvollziehbarer gestalten? Und wie heterogen müssten Jurys sein, damit sie unterschiedliche Entwurfshaltungen zulassen, statt bestehende Vorlieben zu reproduzieren?
Lina Lahiri Wir brauchen eine offenere Berufungspraxis. Preisgerichte sind häufig weder altersmäßig noch anderweitig besonders heterogen. Dabei können auch jüngere Architektinnen und Architekten viel zur Diskussion beitragen.
Petra Wesseler Stellvertreterpositionen eignen sich gut, um Nachwuchs einzubeziehen: Bei uns diskutieren Stellvertretende und Stimmberechtigte gleichermaßen mit. Insgesamt achten wir auf eine Mischung aus Frauen und Männern, lokalen und überregionalen, jüngeren und erfahrenen sowie nationalen und internationalen Stimmen.
Vesta Nele Zareh Europan arbeitet mit einer lokalen und einer nationalen Jury. Diese sind nach RPW besetzt. Für die nationale Jury gelten zusätzliche Regeln: Sie muss ausgewogen und dem Thema entsprechend besetzt sein sowie zwei internationale Mitglieder und eine Person des öffentlichen Lebens umfassen. Die Besetzung wird vom Dachverband Europan Europa überprüft und muss begründet werden.
Luis Lange Als Wettbewerbsbetreuer können wir fachlich geeignete Personen vorschlagen. Die endgültige Besetzung wird jedoch zwischen dem Auslober, den zuständigen städtischen Stellen und der Verfahrensbetreuung abgestimmt. Transparenz ist wichtig, doch wir sollten die Jurybesetzung nicht noch mehr verkomplizieren.
Andrijana Ivanda Wir sprechen hier über ambitionierte Formate wie Europan und den besonderen staatlichen Rahmen des BBR. Ein Großteil des Baugeschehens findet jedoch in Kommunen statt, die kaum Wettbewerbe durchführen. Bei kleineren Verfahren, etwa für Feuerwehrhäuser oder Studierendenwohnheime, sind die Jurys oft ganz anders besetzt. Gerade dort muss das Bewusstsein für ausgewogene Preisgerichte ankommen.
Petra Wesseler Eine Jury ist dann gut, wenn die Fachleute die Sachpreisrichter mitnehmen. Deshalb habe ich in Chemnitz gezielt kommunikative Architektinnen und Architekten berufen, die ihr Wissen teilen können. Neben fachlicher Kompetenz zählt die Fähigkeit, offen zu diskutieren und zu vermitteln.
Alexander Pötzsch Die Namen der Jurymitglieder werden veröffentlicht, nicht aber, warum sie berufen wurden und welche Kompetenz sie einbringen. Auslober besitzen bei der Besetzung große Macht und steuern damit auch, in welche Richtung ein Wettbewerb geht. Ich habe Anfragen abgelehnt, wenn andere fachlich geeigneter waren, und entsprechende Kontakte vermittelt.
Andrijana Ivanda Ich wünsche, dass die Kammern stärker in die Jurybesetzung einbezogen werden. Schließlich geht es um öffentliche Gelder und baukulturell relevante Entscheidungen.
Lina Lahiri Wir achten auf eine ordentliche Fachpreisjury. Wenn sie nicht vorhanden ist, nehmen wir nicht teil.
Andrijana Ivanda Diese Wahl haben wir häufig nicht. Wir müssen uns auf das bewerben, was verfügbar ist – unabhängig davon, ob die Jury unseren Vorstellungen entspricht.
Lina Lahiri Architektinnen und Architekten sollten sich in solchen Fällen beschweren. Das muss keine formale Rüge sein. Eine kurze E-Mail kann genügen: „Die Aufgabe ist hervorragend und wir würden gern teilnehmen, aber ohne ein angemessen besetztes Fachpreisgericht tun wir es nicht.“ Solche Hinweise können Veränderungen anstoßen.
Umbau verlangt vertiefte Kenntnisse des Ortes und der vorhandenen Substanz. Wie können Wettbewerbe unter diesen Bedingungen zu belastbaren Ergebnissen führen? Braucht es intensivere Formen der Auseinandersetzung mit dem Bestand?
Petra Wesseler Bestandswettbewerbe verlangen eine andere Aufgabenstellung. Bei der Staatsbibliothek am Kulturforum in Berlin konzentrierte sich der Wettbewerb auf die stark überformte Eingangssituation. Das gesamte Baudenkmal durchzuplanen, wäre weder sinnvoll noch möglich gewesen, da technische Analysen noch ausstanden. An dieser Teilaufgabe ließ sich dennoch erkennen, welches Büro Hans Scharoun versteht und den Bau behutsam weiterentwickeln kann.
Alexander Pötzsch Ähnlich war es bei der Robotron-Kantine in Dresden: Eine begrenzte Aufgabe zeigte, wie das Gebäude repariert und schrittweise weiterentwickelt werden könnte. Gerade im Bestand kann eine präzise Teilaufgabe die Haltung und das Feingefühl eines Büros sichtbar machen.
Petra Wesseler Auch bei gewöhnlichen Gebäuden der 1960er- bis 80er-Jahre kann ein Wettbewerb funktionieren. Die Vorgabe könnte lauten, möglichst viel graue Energie und Gebäudestruktur zu erhalten und zugleich ein neues Raumprogramm unterzubringen. Gute Architektur besteht nicht nur aus der äußeren Hülle, sondern ebenso aus Raumgefügen und -folgen. Oft genügt ein präziser Eingriff, um unerwartete Potenziale im Bestand freizulegen.
Luis Lange Es gibt die Möglichkeit, bei Wettbewerben offenzulassen, ob ein Neubau, ein Bestandserhalt oder eine Mischung beider Ansätze sinnvoll ist. Die teilnehmenden Büros können dies im Rahmen der Aufgabenstellung selbst abwägen und entscheiden. Eine Bestandsuntersuchung bezüglich der Grundstruktur, der technischen Gebäudeausrüstung und der Tragfähigkeit sollte immer vor Beginn des Wettbewerbs vom Auslober erstellt und den teilnehmenden Büros im Wettbewerb bereitgestellt werden. Die teilnehmenden Büros ziehen daraus ihre Schlussfolgerungen und übersetzen diese in ein architektonisches Konzept.
Lina Lahiri Damit sind wir wieder beim Aufwand: Wer zunächst das Gebäude grundlegend analysieren muss, hat kaum noch Zeit für den eigentlichen Entwurf.
Andrijana Ivanda Auch beim Bestand fehlt häufig der Mut zu einem offenen Prozess. Wir haben zwei Wettbewerbe erlebt, bei denen Gebäude zum Abriss freigegeben wurden, ohne dass wir prüfen konnten, ob sie vielleicht doch erhalten werden könnten. Natürlich sind statische und technische Untersuchungen nötig. Zeigt sich später, dass etwa eine Wand nicht erhalten werden kann, muss man dem ausgewählten Büro zutrauen, eine andere überzeugende Lösung zu finden. Der Wettbewerbsentwurf darf sich weiterentwickeln.
Andrijana Ivanda ist Mitgründerin und Partnerin des Bürokollektivs c/o now und lehrte an der TUM, der OTH Regensburg und der TU Berlin. Von 2021 bis 2025 leitete sie als Gastprofessorin den Bereich Urbanistik an der Kunstuniversität Linz.
Lina Lahiri ist Partnerin bei sauerbruch hutton. Seit 2005 verantwortet sie nationale und internationale Wettbewerbe sowie die Realisierung komplexer Projekte, mit Fokus auf städtebaulicher Verdichtung und Nachhaltigkeit.
Luis Lange wurde in Hamburg geboren und wuchs dort auf. Er studierte Stadtplanung an der HafenCity University und ist seit 2013 bei D&K in der Verfahrensbetreuung tätig.
Alexander Pötzsch gründete 2015 Alexander Poetzsch Architekturen mit Schwerpunkt auf Umbau und Denkmalpflege. Seit September 2025 ist er Präsident des Bundes Deutscher Architektinnen und Architekten BDA.
Petra Wesseler studierte Architektur und Stadtplanung. Seit Februar 2015 leitet sie als Präsidentin das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung.
Vesta Nele Zareh studierte Architektur an der TU Berlin. Die Architektin und Urbanistin ist Geschäftsführerin von Europan Deutschland und seit 2020 Professorin für Stadtplanung an der Hochschule Anhalt.
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