Bauwelt

Wie ein Hund, der ständig an der Leine zieht

Mit dem bevorstehenden Umzug der Neuen Architekturschule Siegen (N_AS) in ein ehemaliges Druckhaus der Siegener Zeitung ent­wickelt sich seit einigen Jahren nicht nur das Gebäude, sondern es entwickeln sich auch die Institution, die Lehrformate und das Curriculum weiter. Ein Gespräch mit Hannah Schiefer, Jan Kampshoff und Thorsten Erl

Text: Paulina Minet

  • Getreu ihrer kollektiven Praxis war die Eröffnung der Ausstellung in der Archi­­tekturgalerie am Weissenhof eine gemeinschaf­t­liche Perspektive aller Betei­­lig­­ten – auch unserer Ge­sprächspartnerinnen Hanna Schiefer (2.v.r.), Torsten Erl (3.v.r.) und Jan Kampshoff (2.v.r Wand­projektion).

    Getreu ihrer kollektiven Praxis war die Eröffnung der Ausstellung in der Archi­­tekturgalerie am Weissenhof eine gemeinschaf­t­liche Perspektive aller Betei­­lig­­ten – auch unserer Ge­sprächspartnerinnen Hanna Schiefer (2.v.r.), Torsten Erl (3.v.r.) und Jan Kampshoff (2.v.r Wand­projektion). Foto: Thomas Fütterer

    Getreu ihrer kollektiven Praxis war die Eröffnung der Ausstellung in der Archi­­tekturgalerie am Weissenhof eine gemeinschaf­t­liche Perspektive aller Betei­­lig­­ten – auch unserer Ge­sprächspartnerinnen Hanna Schiefer (2.v.r.), Torsten Erl (3.v.r.) und Jan Kampshoff (2.v.r Wand­projektion).

    Foto: Thomas Fütterer

  • Die Ausstellung ist ein Maschinenraum der N_AS und präsentiert eine Sammlung von Projekten, die durch architektonische Handlungen an Qualität gewinnen.

    Die Ausstellung ist ein Maschinenraum der N_AS und präsentiert eine Sammlung von Projekten, die durch architektonische Handlungen an Qualität gewinnen. Foto: Jan Kampshoff

    Die Ausstellung ist ein Maschinenraum der N_AS und präsentiert eine Sammlung von Projekten, die durch architektonische Handlungen an Qualität gewinnen.

    Foto: Jan Kampshoff

  • In der Summer School „Future Curricula Circuit Training“ wird auch das Curriculum Gegenstand der gemeinsamen Transformation.

    In der Summer School „Future Curricula Circuit Training“ wird auch das Curriculum Gegenstand der gemeinsamen Transformation. Foto: Jan Kampshoff

    In der Summer School „Future Curricula Circuit Training“ wird auch das Curriculum Gegenstand der gemeinsamen Transformation.

    Foto: Jan Kampshoff

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    Foto Plakat: Matthias Walbröl/N_AS

    Foto Plakat: Matthias Walbröl/N_AS

Wie ein Hund, der ständig an der Leine zieht

Mit dem bevorstehenden Umzug der Neuen Architekturschule Siegen (N_AS) in ein ehemaliges Druckhaus der Siegener Zeitung ent­wickelt sich seit einigen Jahren nicht nur das Gebäude, sondern es entwickeln sich auch die Institution, die Lehrformate und das Curriculum weiter. Ein Gespräch mit Hannah Schiefer, Jan Kampshoff und Thorsten Erl

Text: Paulina Minet

Wann wird das Druckhaus zum regulären Studienort?
Thorsten Erl Wir müssen fragen, was wir als „regulär“ bezeichnen. Wir nutzen das Gebäude bereits vollständig. Nicht immer, aber immer öfter. Der Umzug wird sich aufgrund der politischen und ökonomischen Lage der Wissenschaftsministerien vermutlich hinziehen. Ein obsoletes Gebäude dieser Größenordnung fordert auf, etwas damit zu machen. Als Initialzündung ist es von großer Bedeutung. Es inspiriert gerade die junge Generation, händisch zu arbeiten und auszuprobieren. Momentan tun wir das in anderen leerstehenden Räumen in der Innenstadt und verhandeln mit der Universität, wie wir das ehemalige Druckhaus stärker in unsere Lehre integrieren können.
Es gibt aktuell eine Ausstellung über die Neue Architekturschule Siegen in der Architekturgalerie am Weißenhof. Was ist dort zu sehen?
Jan Kampshoff Die Ausstellung zeigt, was wir derzeit machen. Das bezieht sich auf das Gebäude, auf Projekte und auch auf die Ausstellung selbst. Also eine Sammlung von studentischen Projekten, die Orte verändern, von Räumen, die neu kodiert werden und durch architektonische Handlungen an Qualität gewinnen. Gleichzeitig sieht man, wie wir unsere didaktische Arbeitsweise hinterfragen.
Hannah Schiefer Die Neue Architekturschule und die Ausstellung sind nicht das Ergebnis eines linearen Planungsprozesses. Sie entstehen aus der kollektiven Praxis des Aushandelns, sind also kein abgeschlossener Zustand. Die Ausstellung präsentiert deshalb keine fertigen Objekte, sondern Fotografien von räumlichen Interventionen und Zwischenschritten, die in klassischen Ausstellungsformaten häufig unsichtbar bleiben.
Wie ist es euch gelungen diese Puzzleteile zusammenzufügen?
Thorsten Erl Es gab eine grobe Idee, drei großflächige Drucke und einen Fundus aus Material von Projekten aller Kolleginnen und Studierenden. Ich empfand den Aufbau fast wie ein Live-Coding. Wir haben in die Materialsammlung geschaut, entschieden und vor Ort kuratiert. Also wie eine Just-in-Time-Produktion.
Der gesamte Prozess geht mit einer Enthierarchisierung einher
Hannah Schiefer Der gesamte Prozess geht mit einer Enthierarchisierung einher. Wir beziehen alle Statusgruppen ein, vor allem die Studierenden sind in großer Zahl beteiligt. Sie gestalten den Transformationsprozess mit und entwickeln Ideen, wie sie sich Räume aneignen können. Im Druckhaus beispielsweise mit der circular:bar. Diese Arbeitsweise funktioniert nicht top-down, sondern auf Augenhöhe.
Jan Kampshoff Es entsteht eine Form der Selbst­­organisation wie ein Ping-Pong zwischen allen Beteiligten. Das funktioniert nur, wenn man loslässt, räumlich wie hierarchisch. Man könnte sagen: Wir legen die Krücken zur Seite und vertrauen darauf, dass wir getragen werden.
Wie gelingt dieser Prozess in einem System, das nicht darauf ausgelegt ist?
Jan Kampshoff Wir brauchen Veränderung, denn wir gehen von anderen Voraussetzungen aus, von reduzierten Ressourcen und einem sich verändernden Berufsbild. Das kann nicht in einem System funktionieren, das unter anderen Bedingungen geschaffen wurde. Vielleicht ist es hilfreich, dass keine finanziellen Mittel vorhanden sind, um alles umzusetzen. Dadurch sind wir gezwungen, immer wieder zu hinterfragen. Wenn wir uns als Pioniere verstehen, dann sind wir vielleicht wie ein Hund, der ständig an der Leine zieht. Wenn wir nicht ziehen, geschieht keine Veränderung. Das führt aber auch dazu, dass wir manchmal als anstrengend wahrgenommen werden.
Hannah Schiefer Was uns besonders hilft: die Studierenden. Sie entwickeln eine Selbstwirksamkeit und beeindrucken damit auch die Verwaltung. Unsere Kanzlerin betonte, wie beeindruckt sie von den Ideen der Studierenden ist. Diese Energie kann formale Abläufe beflügeln.
Thorsten Erl Siegen hat den Vorteil, dass einige leerstehende Gebäude in der Innenstadt über Entwicklungsgesellschaften an die Universität gebunden sind. Gleichzeitig besteht seitens der Stadt eine Erwartungshaltung an die Universität. In unserer kleinen Welt der Neuen Architekturschule ist das eine Chance. Wir versuchen, unseren Studierenden ein positives Zukunftsbild zu vermitteln. Eines, das zeigt, dass Veränderung möglich ist.
Dieser Prozess findet auf verschiedenen Ebenen statt, wir müssen argumentieren, vermitteln und die nächsten Schritte einfordern. Zu den Hürden gehört beispielsweise das sehr festgelegte Curriculum mit ECTS-Punkten und Modulhandbüchern. In vielen Formaten stellen wir fest, dass diese Strukturen nicht mehr passen. Damit öffnet sich ein neues Kapitel.
Wie muss sich die Architekturausbildung verändern?
Thorsten Erl Wir entwerfen künftig nicht mehr ausschließlich Neubauten. Also kein Produkt, das wir realisieren, übergeben und uns dann zurückziehen. Unsere Entwurfsarbeit wird eher eine Entwicklungs- und Carearbeit sein. Außerdem sind wir in einer Zeit angekommen, in der nutzungsoffene Räume fehlen. Die Frage ist, wie diese funktionieren. Die Curricula der vergangenen Jahrzehnte mit ECTS-Punkten und Modulhandbüchern haben uns unseren Spielraum genommen. Dieser Spielraum ist für eine akademische Ausbildung existenziell. Wir versuchen ihn wieder zu dehnen.
Jan Kampshoff Auch ein Curriculum ist Gegenstand von Transformation. Wir vertrauen darauf, uns in einen gemeinsamen Verhandlungsraum zu begeben, deshalb haben wir die Summer School „Future Curricula Circuit Training“ ins Leben gerufen. Es geht darum, andere Sichtweisen zu verstehen und gemeinsam ein Bild zu entwickeln, wie wir miteinander lernen und uns im Alltag begegnen wollen. Ich benutze dafür gerne den Begriff „Kalibrieren“, etwas wieder scharfstellen und gemeinsam einen Fokus finden.
Hannah Schiefer Die gegenwärtigen Herausforderungen verlangen nach einer Architekturlehre, die Unsicherheit nicht als Defizit versteht, sondern als produktive Bedingung. Das verändert auch die Grenzen zwischen Entwerfen, Forschen und Lehren. Entwerfen richtet sich nicht mehr ausschließlich auf ein Werk, sondern bezieht auch organisatorische, soziale und institutionelle Prozesse ein. Im Zentrum steht die Fähigkeit, unterschiedliche und teils widersprüchliche Parameter fortlaufend neu zu gewichten. Damit verschiebt sich der Blick vom einzelnen schöpferischen Akt hin zum Entwerfen als kollektiver und kontinuierlicher Praxis.

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