Die Europäische Mittelmeerakademie

Hendricus Th. Wijdeveld, Erich Mendelsohn und das Kunst­schulprojekt an der Côte d’Azur

Text: Brosowsky, Bettina Maria, Braunschweig


Die Europäische Mittelmeerakademie

Hendricus Th. Wijdeveld, Erich Mendelsohn und das Kunst­schulprojekt an der Côte d’Azur

Text: Brosowsky, Bettina Maria, Braunschweig

Zum Mythos des Bauhauses gehören auch der internationale Export seiner alltagsreformerischen Ideen und sein Inspirationsquell für neuartige pädagogische Konzepte. Aber nicht jede progressive Kunstschule, die ab 1919 gegründet wurde, darf als geistiger Ableger des Bauhauses gesehen werden, wie etwa die Wanderausstellung „Bauhaus Imaginista“ klarstellt. Da wäre beispielsweise die ebenfalls 1919 gegründete Kunstschule Kala Bhavan im westbengalischen Kolkata, zurückgehend auf eine Initiative des ersten außer-europäischen Literaturnobelpreisträgers und Kulturreformers Rabindranath Tagore. Dort allerdings wurde 1922 die allererste Bauhaus-Ausstellung außerhalb Deutschlands gezeigt, mit 250 Werken von Lehrenden und Studierenden. Auch die Europäische Mittelmeerakademie wird gern als „utopisches Bauhaus“ an der Côte d’Azur bezeichnet. Diese ab Mitte der 1920er Jahre von dem niederländischen Architekten, Bühnendesigner, Grafiker und Publizisten Hendricus Th. Wijdeveld (1885–1987) vorangetriebene paneuropäische Akademie blieb das schlussendlich tragisch gescheiterte Lebenswerk seines Initiators.
Wijdeveld, stilistisch zwischen Amsterdamer Schule und der dynamisierten Hilversumer Spielart eines Willem Marinus Dudok anzusiedeln, war ein begeisterter Jünger Frank Lloyd Wrights. In der von ihm herausgegebenen Zeitschrift „Wendingen“ brachte Wijdeveld ab 1919 mehrfach Beiträge und monografische Hefte zu dem ameri­kanischen Pionierarchitekten. Besonders interessierten ihn Wrights pädagogische Ambitionen, die 1932, allerdings dann ohne die erhoffte leitende Mitwirkung Wijdevelds, als Taliesin Fellowship mit etwa 20 Studenten begannen.
Zu dem Zeitpunkt schien auch die Académie Européenne „Méditerranée“, so der ab 1933 of­fiziell beworbene Titel, in greifbarer Nähe. Ihre Idee fußte auf Wijdevelds Programm für eine „Internationale Arbeitsgemeinschaft“, deren Architekturen er zwischen 1927 und 1931 für ein Wassergrundstück nahe Hilversum, Bootsanleger inklusive, entwickelt und publiziert hatte. Inhaltlich ein Destillat auch aus verschiedenen Phasen des Bauhauses, sah sie gemeinschaftliches Leben mit eigener Landwirtschaft vor, im bildnerischen Fächerkanon die Symbiose aus Kunst und Technik sowie einen Schwerpunkt in den darstellenden Künsten Theater und Film. Mit Erich Mendelsohn und Amédée Ozenfant waren zwei ebenfalls international gesinnte sowie renommierte Vertreter der Disziplinen Architektur und experimenteller Kunst mit dabei, Ozenfant verfügte über die notwendige pädagogische Erfahrung aufgrund seiner Pariser Malklassen. Wij­develd und Mendelsohn kannten sich seit 1919, hatten 1923 eine erste gemeinsame Reise nach Ägypten und Palästina unternommen – hier hatte Mendelsohn Entwürfe für Wasserkraftwerke vorzubereiten – und dabei ihre Liebe zum Mittelmeerraum entdeckt und sich gegenseitig beschworen. Für Mendelsohn, der sich humorvoll „Orientale aus Ostpreußen“ nannte, lag in diesen Sehnsuchtslanden aber nicht nur die Wiege europäischer, ja weltweiter Kultur, sondern auch ein mögliches Exil im politisch aufkommenden Faschismus.
Als Mendelsohn dann 1933 mit seiner Frau fluchtartig Deutschland verlassen musste, sah er, zumindest kurzfristig, eine beflügelnde berufliche Perspektive in der Akademie. Aufgrund der besten internationalen Beziehungen des Gründertrios konnten schnell ein Lehrerkollegium und ein illustres Ehrenkomitee akquiriert werden, zu dem auch Frank Lloyd Wright zählte. Auch die Finanzierung der Akademie sowie der Kauf eines Terrains in südfranzösischen Cavalière verliefen erfolgversprechend. Letztlich sprang aber Mendelsohn ab, der sich für die Bürogründung mit dem charismatischen Serge Chermayeff, einem der avisierten Pädagogen, in London entschied, und auch Ozenfants Interes­-se reduzierte sich schnell auf eventuelle Sommerkurse. So fing Wijdeveld am 1. März 1934 allein mit einer Handvoll Getreuen an, darunter der Berliner Gartenarchitekt Reinhold Lingner und sei­-ne Frau, die Architekturfotografin Alice Lingner-Kerling. Sie nutzten primitive Bestandsbauten ohne Strom und Wasser, Lingner versuchte, die mediterrane Wildnis urbar zu machen. Ein verheerender Brand im August machte alles zunichte, die Lingners widmeten sich noch bis Mitte 1935 der Wiederbegrünung des Geländes zwecks lukrativeren Verkaufs.
Mit beeindruckender Kenntnistiefe breitet Ita Heinze-Greenberg, Titularprofessorin an der ETH Zürich, eine große Materialfülle zu einer gut strukturierten Monografie dieses großen Expe­riments einer europäischen Kunstschule aus, in dem viele der so unendlich enthusiastisch verfolgten intellektuellen, transnationalen, kulturellen und pädagogischen Zukunftsträume der fragilen Zeiten nach 1919 zusammenliefen.
Fakten
Autor / Herausgeber Ita Heinze-Greenberg
Verlag gta Verlag, ETH Zürich 2019
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aus Bauwelt 11.2020
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