Charlotte Perriand
Ihr Leben als moderne und unabhängige Frau
Text: Brosowsky, Bettina Maria, Braunschweig
Charlotte Perriand
Ihr Leben als moderne und unabhängige Frau
Text: Brosowsky, Bettina Maria, Braunschweig
„Un art de vivre“ hieß ein kleiner biografischer Katalog, der 1985 zur gleichnamigen Ausstellung der Architektin, Möbelentwerferin und Künstlerin Charlotte Perriand (1903–1999) in Paris erschien. Das Vorwort vermerkte ein reiches, fruchtbares Leben, das selbst in fortgeschrittenem Alter noch jeden Tag der krea-tiven Arbeit gewidmet sei, aber auch, dass Werk und Person „méconnue“, verkannt, wären. In der Tat war Perriand zu dieser Zeit selbst in Frankreich nur Spezialisten geläufig, ihre Möbel, so hieß es, ließen sich noch zu moderaten Preisen auf dem Flohmarkt finden.
Dass Perriand in den letzten Jahren neu entdeckt und ihrem Œuvre die gebührende Wertschätzung zuteil wurde, verdankt sich mehreren Akteuren: Zuvorderst ihrer Tochter, langjährigen Assistentin und Nachlassarchivarin Pernette Perriand, ihrem Schwiegersohn, dem Filmemacher Jacques Barsac, sowie dem Le Corbusier-Spezialisten Arthur Rüegg. Barsac verantwortete zwischen 2014 und 2019 das komplette Werkverzeichnis in vier opulenten Bänden im Zürcher Verlag Scheidegger und Spiess, zusammen waren sie Teil des wissenschaftlichen Komitees für die große Retrospektive „Le monde nouveau de Charlotte Perriand“, die in der Pariser Fondation Louis Vuitton bis Anfang 2020 auch viele realgroße Rekonstruktionen ihrer Raumkonzepte zeigte.
Nun liegt die deutschsprachige Ausgabe der bewegten Lebensgeschichte Perriands vor, verfasst von der französischen Historikerin und Journalistin Laure Adler. Vorab: Der Band ist kein Fachbuch, das dem Werk Perriands gewidmet ist. In sehr kurzweiligem Lesegenuss lässt die Autorin vor den europäischen und außereuropäischen Zeitumständen des 20. Jahrhunderts ih-re Protagonistin lebendig werden. Im Anschluss an eine Vorbemerkung von Arthur Rüegg werden nach einer Einleitung in drei Kapiteln „Die Gestalterin“, „Die freie Frau“ sowie die „Visionärin“ Perriand vorgestellt. Diese Gliederung, keine Basis für eine chronologische Biografie, zielt durch wechselnde Perspektiven und unvermeidliche, aber angenehme Redundanz auf ein hohes Maß an Vertrautheit mit „Charlotte“, wie sie nur noch genannt wird.
So liest man von Perriands fulminantem Einstieg als Entwerferin, 1927 auf dem Pariser Herbstsalon. Ihre „Bar sous le toit“, eine Bar in Mansardenformat, war Postulat zeitgemäßer, ungezwungener Begegnung, das Gegenmodell zum bürgerlichen Salon. Ausgeführt in innovativen Materialien: Aluminium als Front des Tresens, hochbeinige Barhocker in verchromtem Stahlrohr – das wagte bis dahin nur das Bauhaus! Perriand genoss die Aufmerksamkeit, brachte zur Eröffnung Champagner mit, feierte mit Freunden ihren Erfolg.
Wenig überraschend, dass Le Corbusier sie nach anfänglicher Abweisung mit den verächtlichen Worten „Wir besticken hier keine Kissen“ wenig später doch in sein Atelier holte. Denn er wurde sich seiner eigenen Defizite im Interieur bewusst: Für Ausstattungen oder Musterwohnungen, etwa 1927 in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung, wählte er Bugholzklassiker oder anonymes Inventar. Weit entfernt also von Charlotte Perriands ganzheitlichem Bekenntnis zu einer modernen Lebenskultur. Sie nahm Skizzen des Meisters zu verschiedenen Arten des Sitzens, brachte sie im eigenen Atelier in Einklang mit der menschlichen Physis und mit Handwerkern zur Konstruktionsreife. Die „Chaise longue basculante“ oder der „Fauteuil grand confort“ wurden die ikonischen Möbel dieser erfolgreichen, zehnjährigen Partnerschaft. Sie sind nach wie vor erhältlich, reduzierten aber viel zu lange die Wahrnehmung Perriands auf diesen Werkaspekt.
Laure Adler gibt der politischen Person Per-riand reichlich Platz. Sie reiste, wie so viele europäische Kreative, anfänglich begeistert mehrmals in die frühe UdSSR, trat 1932 der französischen Sektion revolutionärer Künstler und Schriftsteller bei, der auch André Breton, Robert Capa oder André Malraux angehören. Sie setzte ihre schon lange praktizierte Fotografie als politisches Instrument des Agitprop ein, gestaltete 1937, zusammen mit Fernand Léger, den Pavil-lon des französischen Landwirtschaftsministeriums auf der Pariser Weltausstellung durch suggestive, große Fotomontagen.
Der Bruch mit Le Corbusier war wohl unvermeidlich: Sie bewunderte ihn für seine Arbeit, haderte mit dem Menschen, und verzieh ihm nicht, 1937 zwei Vertreter der politisch äußers-ten Rechten ins Komitee der CIAM zu berufen, in dem auch sie sich engagierte. Später wurde sie für Le Corbusier aber wieder tätig, so 1950 für die kleinen, offenen Küchen der Unité d’habi-tation in Marseille.
Für Perriand prägend wurden Aufenthalte in Japan und Indochina. Zuerst, ab 1940, im Auftrag des japanischen Handelsministeriums als Beraterin für die moderne Industrieform. 1959 stattete sie die Filiale der Air France in Tokio aus, 1966 die Residenz des japanischen Botschafters in Paris.
Perriands Opus Magnum wurde das Ski-Resort Les Arcs im Département Savoie, das ab 1967 rund 20 Jahre ihres Lebens beanspruchte. In drei Abschnitten auf 1600, 1800 und 2000 Metern Höhe umfasst es unterschiedliche Angebote, um möglichst vielen Menschen einen Urlaub in den Bergen zu ermöglichen: Klassische Hotels, Ferienhäuser und knappe Studios. Wichtig war Perriand die behutsame Einbettung der über 25.000 Übernachtungsstätten in die Landschaft. Die in Grund- und Aufriss polygonalen Baukörper schmiegen sich in die Bergmassive, Perriand verwendete lokale Ressourcen und vergab Bauleistungen an ortsansässige Handwerker.
Das Buch ist üppig mit persönlichem Fotomaterial bebildert: Reisen, die passionierte Bergsportlerin, grandiose Naturaufnahmen Perriands. Gleichwohl geizt es im Privatem: Vom ersten Ehemann, ein vermögender Brite, erfährt man den vollständigen Namen nur in Bildunterschriften, vom zweiten, immerhin der Vater ihrer Tochter, so gut wie gar nichts. Lediglich Pierre Jeanneret, Partner bei Le Corbusier und lange im Leben, ließ sich wohl nicht unterschlagen. War das die Kehrseite als moderne, unabhängige Frau?







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