Bauwelt

Transformation einer Plattenbauzeile

Text: Matthias Grünzig

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Versetzt angeordnete Balkone, vergrößerte Fenster, eine in warmen Gelb- und Grautönen gestrichene Fassade und kleine Gärten lassen kaum ahnen, dass diese „Neubauten“ Restbestände eines 180 Meter langen Plattenbauriegels sind. Das durchgehende Kellergeschoss blieb erhalten; an die monotone Vergangenheit erinnert lediglich eine kleine Mauer im Osten.
Die acht neuen „Stadtvillen“ von Leinefelde sind voll vermietet.
Foto: Jean-Luc Valentin, Frankfurt am Main

Versetzt angeordnete Balkone, vergrößerte Fenster, eine in warmen Gelb- und Grautönen gestrichene Fassade und kleine Gärten lassen kaum ahnen, dass diese „Neubauten“ Restbestände eines 180 Meter langen Plattenbauriegels sind. Das durchgehende Kellergeschoss blieb erhalten; an die monotone Vergangenheit erinnert lediglich eine kleine Mauer im Osten.
Die acht neuen „Stadtvillen“ von Leinefelde sind voll vermietet.

Foto: Jean-Luc Valentin, Frankfurt am Main


Transformation einer Plattenbauzeile

Text: Matthias Grünzig

Der Umgang mit Bevölkerungsrückgängen in Städten zählt zu den schwierigsten Aufgaben, die Politiker, Stadtplaner und Architekten zu bewältigen haben. Denn dieser erfordert nicht nur städtebauliche, architektonische und infrastrukturelle Strategien, sondern besitzt auch eine nicht zu unterschätzende psychologische Dimension.
Zu den Städten, die schon seit Jahren mit diesem Problem umgehen, zählt die thüringische Kleinstadt Leinefelde. Die Stadt, deren Bausubstanz zu 90 Prozent aus Plattenbauten besteht, sah sich in den 90er Jahren mit enormem Arbeitsplatzabbau und drastischem Einwohnerschwund konfrontiert. Als Alternative zum vielerorts diskutierten Abriss setzte sie auf den Umbau der vorhandenen Bausubstanz, nicht zuletzt, um den Bürgern die Zukunftsfähigkeit ihrer Stadt zu signalisieren (Hefte 17/00, 6/01). Für den Umgang mit seiner Plattenbausubstanz wurde Leinefelde 2003 mit dem Deutschen, und dieses Jahr mit dem Europäischen Städtebaupreis ausgezeichnet.
Auch das im Sommer fertig gestellte, mittlerweile auch schon verschiedentlich ausgezeichnete Projekt hat daran Anteil. Um es gleich vorwegzunehmen: Der Umbau des Plattenbaublocks zu acht einzelnen Wohnhäusern durch das Büro Stefan Forster Architekten, Frankfurt/Main, ist keine generelle Lösung für den Stadtumbau-Ost, an seinem spezifischen Standort aber, auf einer großen Freifläche am Rande der Südstadt, trägt das Projekt erfolgreich zur Aufwertung des Viertels bei.
Ausgangspunkt war ein 180 Meter langer Fünfgeschosser des Typs WBS 70 mit 150 Wohnungen, den typisch beengten Grundrissen und kleinen, fensterlosen Küchen und Bädern. Die Architekten nutzten das Baukastensystem der Plattenbauweise für den Rückbau und entfernten jeden zweiten der 15 Aufgänge samt den zugehörigen Wohnungen sowie das oberste Geschoss. Auf diese Weise entstanden acht viergeschossige kubische Würfel, die jeweils durch einen Ringanker auf den Etagen und eine vertikal durchlaufende Querwand ausgesteift wurden.
Um dem im Wohnungsmarketing mittlerweile inflationär verwendeten Begriff „Stadtvilla“ annähernd entsprechen zu können, vergrößerten die Architekten die Fenster und ergänzten die Kuben um weit auskragende Balkone, deren verkleidete Stahlkonstruktion statisch voll ausgereizt wurde. An den neuen Seitenwänden, den „Schnittstellen“, fügten sie neue Fenster ein, so dass Küchen und Bäder nun ebenfalls natürlich belichtet und belüftet sind.
Mit dem neuen, flächenweise wechselnd in Gelb- und Grautönen gestrichenen Wärmedämmverbundsystem wollten die Architekten „der Dualität von Einzelobjekt und Großform Rechnung tragen“.
Im Inneren entstanden insgesamt 63 Wohnungen; anstatt der ursprünglich geplanten 18 Grundrisstypen wurden allerdings nur fünf realisiert, da das Bedürfnis der Bürger nach individuellen Grundrissen nicht so groß war, wie man erwartet hatte. Die bis zu 100 m² großen Wohnungen im Erdgeschoss erhielten durch Erdaufschüttung jeweils einen eigenen Garten.
Die Kosten für den Wohnungsumbau betrugen 760 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche – rechnet man die für Rückbau und Wohnumfeldgestaltung dazu, ist der Quadratmeter so teuer wie ein vergleichbarer Neubau.
Fakten
Architekten Forster, Stefan, Frankfurt/Main
aus Bauwelt 42.2004

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