Worüber reden wir eigentlich?
Text: Jan Friedrich
Worüber reden wir eigentlich?
Text: Jan Friedrich
Um Architektur ginge es überhaupt nicht mehr, wenn Architektinnen und Architekten miteinander über Architektur debattieren. Wenn Nicht-Architektinnen und -Architekten über Architektur debattierten schon gar nicht. Zu einem Instrument, das alle möglichen Krisen lösen soll, sei die Architektur mutiert – verkommen, sagen manche. Es herrscht Wohnungsnot: Baut schneller und billiger! Der Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre ist zu hoch: Baut so, dass weniger CO2 freigesetzt wird! (Am besten baut ihr gar nicht mehr!) Unsere Städte heizen sich auf: Schafft kühlende Freiräume! Wenn ihr das nicht hinbekommt: Begrünt wenigstens eure Fassaden!
Ganz aus der Luft gegriffen ist das Lamento nicht. Die Fachdebatte wird dominiert von Begriffen – Parolen, sagen manche – wie Bestand vor Neubau, Umbau vor Abriss, Kreislaufwirtschaft, Re-use, Teilhabe. Auf Podien reden wir über den Gebäudetyp E, weniger Haustechnik, robuste Konstruktionen, Abweichungen von Normen. Darf Architektur angesichts all dieser Aufbürdungen noch ein eigenes Erkenntnisinteresse haben, ohne sich verdächtig zu machen? Wo bleiben Atmosphäre, Dauerhaftigkeit und Gestaltung, ja: Schönheit? Die Architektur, so die Klage, hat sich selbst abgeschafft.
Darf Architektur noch ein eigenes Erkenntnisinteresse haben, ohne sich verdächtig zu machen?
Aber stimmt das denn? Ich spreche seit vielen Jahren mit Architektinnen und Architekten über ihre Arbeit. Und an kaum ein Gespräch kann ich mich erinnern, in dem es nicht um Raum ging: seine Proportion, sein Licht, seine Höhe. Warum eine Wand dort steht und nicht einen Meter weiter, wird mir erläutert, warum dieser Stein und kein anderer verwendet wurde. Wir reden über Grundrisse und Schnitte, Fügungen und Schwellen, Material und Farbe. Über Atmosphäre. Manchmal sogar über Schönheit. Ja, über Schönheit. Wir reden über Architektur.
Das Missverständnis liegt vermutlich woanders. Je größer die Bühne, desto größer die Begriffe. Auf dem Podium sprechen wir über die Bauwende, im Architekturbüro über die Tiefe der Laibung. In der Pressemitteilung steht Kreislaufwirtschaft, beim Rundgang diskutieren wir, wie eine Tür in der Wand sitzt. Doch ist das eine vom anderen überhaupt zu trennen? Was bedeutet „Bestand vor Neubau“, sobald tatsächlich entworfen wird? Welche Wand bleibt, welche geht, welche Spuren werden überformt? Schon sind wir bei klassischen Architekturfragen. Aus „Teilhabe“ werden Eingänge und Gemeinschaftsräume. Und die Forderung, beim Bauen weniger Kohlendioxid freizusetzen, wird zu Material, Konstruktion und Fügung.
Es wäre ein kümmerliches Verständnis von Architektur, ihre eigentlichen Fragen dort zu vermuten, wo Wohnungsnot, Klimakrise und Ressourcenknappheit endlich aufhören. Als gäbe es hinter all diesen Zumutungen einen geschützten Raum, in dem wir wieder ungestört über Proportion, Material und Schönheit sprechen dürften.
Die ureigenen Themen der Architektur sind nicht verschwunden – sie haben nur neue Gesellschaft bekommen. Es wäre auch ein ziemlich kümmerliches Verständnis von Architektur, ihre eigentlichen Fragen dort zu vermuten, wo Wohnungsnot, Klimakrise und Ressourcenknappheit endlich aufhören. Als gäbe es hinter all diesen Zumutungen einen geschützten Raum, in dem wir wieder ungestört über Proportion, Material und Schönheit sprechen dürften. Diesen Raum hat es nie gegeben. Architektur wurde immer unter wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Bedingungen geschaffen – interessant wurde sie dort, wo daraus mehr entstand als deren bloße Erfüllung.
Das entbindet uns nicht vom Urteil. Ein Umbau ist nicht deshalb gute Architektur, weil er einen Bestand erhält. Eine wiederverwendete Fassade kann scheußlich sein, ein Lowtech-Gebäude miserable Räume haben, ein partizipativer Planungsprozess zu einem belanglosen Ergebnis führen. Gesellschaftliche Verantwortung ist kein gestalterischer Freifahrtschein. Umgekehrt lässt sich ein räumlich hinreißendes Gebäude heute nicht mehr von der Frage freisprechen, was dafür abgerissen, verbraucht und ausgestoßen wurde.
Worüber reden wir eigentlich, wenn wir über Architektur sprechen? Über Wohnungsnot und Kohlendioxid, Normen und Ressourcen, Teilhabe und Klimaanpassung. Aber eben auch über einen Grundriss, eine Fuge und Lichtreflexe auf einer Wand. Die interessante Frage beginnt ohnehin erst dort, wo das eine im anderen sichtbar wird.






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