Von Flandern lernen
Während Petra Kahlfeldt als Berliner Senatsbaudirektorin in den Ruhestand geht, zeigt das Design Museum Gent, wie zirkuläres Bauen im großen Maßstab gelingt – und was der Bauwende hierzulande fehlt.
Text: Ulrich Brinkmann
Von Flandern lernen
Während Petra Kahlfeldt als Berliner Senatsbaudirektorin in den Ruhestand geht, zeigt das Design Museum Gent, wie zirkuläres Bauen im großen Maßstab gelingt – und was der Bauwende hierzulande fehlt.
Text: Ulrich Brinkmann
Zwei Nachrichten vom 1. Oktober: In Gent wurde nach vier Jahren Bauzeit das Design Museum wiedereröffnet. In Berlin verabschiedete sich Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt nach fünf Jahren im Amt in den Ruhestand. Zwei Nachrichten aus der Bau-Welt, die nichts miteinander zu tun haben. Doch wohnt man der Eröffnungspressekonferenz an der Leie bei und bekommt kurz drauf vom Kollegen die Nachricht von der Spree, kann man durchaus nachdenklich werden. Beginnen wir mit dem Design Museum. Wir werden Ihnen das Gebäude noch vorstellen, doch dies sei schon verraten: Ein Blick auf dessen Erweiterungsbau lohnt aus mehreren Gründen.
Geplant wurde die Erweiterung von einer Arbeitsgemeinschaft aus drei Büros: Carmody Groarke (London), Atama (Gent) und RE-ST (Antwerpen). Mit ihr gewinnt die Institution nicht nur lange vermisste Räume (Auditorium! Museumspädagogik!! Lastenaufzug!!! Toiletten!!!!), sie erhält auch einen neuen, einladenden Eingang und endlich einen richtigen Rundgang um den Hof des historischen „Hotel de Coninck“, das seit 1922 das Museum beherbergt. Das alles ist toll für das Museum und gut für die Stadt. Weit über ihre Grenzen leuchtet das Projekt aber, weil es erstens den State of the Art in nachhaltiger Architektur veranschaulicht und zweitens Prinzipien des zirkulären Bauens anhand eines wichtigen öffentlichen Gebäudes im historischen Zentrum einer viel besuchten Stadt einer großen Öffentlichkeit demonstriert.
Zunächst mal: Das Innere des Erweiterungsbaus besteht vor allem aus Holz, einschließlich Aufzugskern und Treppenhaus; als solches ist das Gebäude der bis dato höchste öffentliche Holzbau in Belgien. Das Äußere dagegen ist eine Hülle aus hellgrauen Ziegeln, ein paar hundert Meter von der Baustelle entfernt kalt gepresst aus lokal angefallenem mineralischem Bauschutt und Müll: Pulverisierter Beton, Splitter von Glas und Porzellan, dazu Schutt der Baustelle selbst wurden mit gelöschtem Kalk zu 82.000 Ziegeln gepresst, deren Kohlenstoffgehalt gegenüber herkömmlichen gebrannten Ziegeln rund Zweidrittel kleiner ist. Bei einem eigens organisierten „Gent Brick Making Festival“ war die ganze Stadt eingeladen, beim Herstellen der Ziegel mitzuhelfen. Aufwendige Prüf- und Genehmigungsverfahren gingen ihrer Produktion und Verarbeitung voraus, doch nun ist der „Gent Waste Brick“ ein EU-weit zertifiziertes Produkt, das auch andernorts zum Einsatz kommen kann: Müll fällt schließlich überall an, Bauschutt in rauen Mengen.
Und damit zurück in die deutsche Hauptstadt und zu der Frage, warum ein derartiges Projekt – das zirkuläre Bauen auf eine neue Stufe zu heben mit Hilfe eines bedeutenden öffentlichen Neubaus im Zentrum einer wichtigen Stadt – so wenig denkbar ist, die viel beschworene Bauwende in akademische Kreise eingesperrt bleibt, praktiziert von ein paar wenigen, vor allem jungen Büros auf kleinen bis klitzekleinen privaten Baustellen. Warum das Gros des Gebauten vor allem das Abarbeiten von Einsparmöglichkeiten und das gleichzeitig bedenkenlose Verschwenden von Ressourcen in Form von immer hypertropherer kurzlebiger Haustechnik in Architektur zur Anschauung bringt. Warum hierzulande so wenig Experimentieren in größerem Maßstab, so wenig Mut zu Innovation, so wenig Bereitschaft zu „Less is more“ besteht. Und warum wir selbst da, wo es nahe läge, an einem Ort wie dem Berliner Molkenmarkt nämlich, die hier und da gewünschte Altstadtidylle nicht ins Morgige gedreht bekommen, nach dem Motto: Ihr wollt eine mittelalterliche Altstadt? Bitte sehr, könnt Ihr haben – indem wir dort eine experimentelle Stadtbauhütte bilden, die so baut wie vor der Moderne üblich: wiederverwendbar, leicht reparierbar, mit mittleren Technologien und geringem Einsatz von Maschinen und fossiler Energie. Statt mit Stahlbeton Rundbögen zu bauen und mit Wärmedämmverbundsystem Fassadenprofile.
So still und leise, wie Petra Kahlfeldt verabschiedet wurde, kann nur appelliert werden an den neuen Senat, die Stelle rasch neu zu besetzen: Die Skalierung von Erkenntnissen, das Ausprobieren und Erproben neuer Materialien und Konstruktionsweisen und ihre Übertragung auf den Weiterbau der Stadt ist ohne fachliche Expertise kaum umzusetzen. Aufbruchsignale aber sind in diesen Tagen hoch willkommen
.






0 Kommentare