Thomas Hines (1936–2026)
Er machte die kalifornische Moderne zum Gegenstand der Architekturgeschichte. Seine Bücher über Richard Neutra, Irving Gill und Los Angeles wurden zu Standardwerken. Ende Juli ist der Historiker Thomas Hines gestorben.
Text: Edward Dimendberg
Thomas Hines (1936–2026)
Er machte die kalifornische Moderne zum Gegenstand der Architekturgeschichte. Seine Bücher über Richard Neutra, Irving Gill und Los Angeles wurden zu Standardwerken. Ende Juli ist der Historiker Thomas Hines gestorben.
Text: Edward Dimendberg
Manche Todesfälle bedeuten das Ende einer Ära. Durch den Tod von Thomas Spight Hines Jr. (1936–2026), der Ende Juli in Santa Monica, Kalifornien, an einer Lungenentzündung verstorben ist, hat die moderne Architektur in Südkalifornien einen ihrer feinsinnigsten und erfolgreichsten wissenschaftlichen Vertreter verloren. Hines wurde in Oxford, Mississippi, geboren und erhielt seinen Doktortitel in Geschichte im Jahr 1971 von der Universität Wisconsin. Er lehrte und betreute Tausende von Studierenden während seiner langen Karriere als Professor der Geschichte, der Architektur und der Städteplanung an der University of California, Los Angeles (UCLA).
Sein erstes Buch, Burnham of Chicago: Architect and Planner, ist nach wie vor ein Standardwerk und weiterhin im Handel erhältlich. Paul Goldberger schrieb 1974 in einer Rezension für die New York Times: „Das Buch in seiner Gesamtheit ist ein Beispiel für ausgewogene Porträts, man ist sich der Bedeutung von Burnham gewiss, aber auch seiner Misserfolge“. Zwei Jahre später erhielt es die John H. Dunning-Auszeichnung der American Historical Association und etablierte Hines als Historiker unter den Historikern, als eleganten Prosastilisten und als unermüdlichen Wissenschaftler mit einem Talent für das Einbetten von Architekten in ihren historischen Kontext. Während seiner gesamten Karriere war er der festen Überzeugung, dass sich Biographien aus der Geschichte der Architektur ziehen lassen.
Das zeigte sich 1982 in Richard Neutra and the Search for Modern Architecture: A Biography and History, die erste Untersuchung in Buchlänge des österreichisch-amerikanischen Architekten, welche ihr Studienobjekt als würdig wissenschaftlicher Untersuchungen erwies und das Feld der Neutra-Studien ins Leben rief. Hines wurde von Arthur Drexler, dem damaligen Leiter der Abteilung für Architektur und Design im Museum der Modernen Künste, eingeladen, eine Ausstellung im selben Jahr gemeinsam zu kuratieren: „Die Architektur von Richard Neutra: Vom internationalen Stil zur kalifornischen Moderne“. Auch wenn Neutras Lovell Health House (1929) in die richtungsweisende „Moderne Architektur: Internationale Ausstellung“ 1932 aufgenommen wurde, welche von Philip Johnson und Henry-Russell Hitchcock kuratiert wurde, hatte kein Architekt, der vorrangig in der Region Los Angeles tätig war, solch eine Anerkennung an solch einem Ort jemals erhalten. Drexler und Hines trugen dazu bei, das Erbe von Neutra im Kanon der modernen Architektur zu verewigen. Die Erfahrung durch die Zusammenarbeit mit Drexler verleitete Hines 2019 dazu, ein letztes Buch zu veröffentlichen, Architecture and Design at the Museum of Modern Art: The Arthur Drexler Years, 1951-1986.
In Irving Gill and the Architecture of Reform: A Study in Modernist Architectural Culture (2000) analysierte Hines das Leben und Schaffen eines großartigen Architekten aus Südkalifornien, der bis dato wenig anerkannt war. Das abschließende Werk seiner Trilogie zur kalifornischen Architektur, das großartige Architecture of the Sun: Los Angeles Modernism 1900-1970, bleibt das Hauptwerk (leider nicht mehr erhältlich) über die Region und bietet ein historisches Grundgerüst für die laufende Wiederentdeckung des Mid-Century Modern. Es schreckt nicht vor Kontroversen zurück und noch heute führt seine Behauptung, Craig Ellwood verfüge über keinerlei Designfertigkeiten und die Architektur, die seinen Namen trägt, sei de facto von Kollegen aus seinem Studio entworfen worden, zu Debatten. Da er viele der Personen, die er studierte, auch kannte, war Hines sozusagen ein Vassari seiner Zeit. Eine weitere Grundlage bildeten Archivforschung und seine Freundschaften mit Pauline Gibling Schindler und Gregory Ain.
Hines war stolz darauf, aus dem Süden zu sein, und kehrte mit William Faulkner and the Tangible Past: The Architecture of Yoknapatawpha (1997) zu seinen Wurzeln zurück. Er erkundet darin das Umfeld seines Lieblingsschriftstellers, mit dem er entfernt verwandt war und dessen Bücher er in übersetzter Form sammelte. Illustriert ist es durch seine eigenen Fotos, so elegant wie sein Schreiben. Kein Geburtstagsgeschenk war jemals so schön wie das Foto, das er mir schenkte – ein Foto einer Palme, reflektiert in einem gerahmten Spiegel, ein Beleg dafür, dass das Feingefühl im Umgang mit Licht und Reflektion in der Architektur, die er untersuchte, sich auch darin zeigte, wie er die Welt um sich herum wahrnahm.
Hines lebte in einer Wohnung voller Bücher, Zeichnungen und Erinnerungsstücke in einem Mehrparteienhaus in Westwood, entworfen durch Neutra. Es war ein wichtiger Pilgerort für alle, die sich in Los Angeles für moderne Architektur interessierten, und seine Großzügigkeit gegenüber Studierenden, besuchenden Architekten und Wissenschaftlern bleibt genauso legendär wie seine Anekdoten und seine Fähigkeiten als Geschichtenerzähler. Sein Archiv befindet sich in der Sammlung des Getty Research Institute, wo man ihn fast täglich im Zeitschriften-Lesesaal auffinden konnte und wo er die deutsche Schriftstellerin Christa Wolfe kennenlernte, als sie dort Gastwissenschaftlerin war. Sie gestaltete später einen Charakter nach ihm in ihrem Roman aus 2010, City of Angels or the Overcoat of Dr. Freud. Auch wenn er gegen Ende seines Lebens viele Auszeichnungen erhalten hatte, war er besonders stolz darauf, in ihrem Buch der Professor aus Los Angeles zu sein.
In der zweiten Dekade des 20. Jahrhunderts erfuhr die Welt von der modernen Architektur aus Los Angeles. Aber lediglich dank der Bücher einer späteren Generation an Kritikern und Wissenschaftlern wurde ihre gesamte Bandbreite integraler Bestandteil der Geschichte dieses Feldes. Mit dem Aufbruch des letzten lebenden Mitglieds des Quintetts aus David Gebhard, Robert Winter, Esther McCoy, Reyner Banham, Thomas Hines ist das Zeitalter der „live jam sessions“ vorbei. Ihr Erbe besteht heute fort in Form einer Sammlung an aufbereiteten Aufnahmen und vollständigen Diskographien. Hines und seine Kollegen hatten wirklich einen Lauf.
Aus dem Englischen übersetzt von Nele Kirstein






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