Bauwelt

Neue Stunde Null

80 Jahre Kollektivplan: In Berlin steht die radikalste Vision, welche die Stadt je hatte, auf Wiedervorlage

Text: Hans Wolfgang Hoffmann, Berlin

  • Ausstellungsansicht Berlin plant. Stunde Null, Neuer Berliner Kunstverein (n.b.k.), 2026<br />
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    Ausstellungsansicht Berlin plant. Stunde Null, Neuer Berliner Kunstverein (n.b.k.), 2026
    Foto: © n.b.k. / Jens Ziehe

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  • Straßenszene in Berlin 1945 fotografiert von Cecil F. S. Newman<br />
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    Straßenszene in Berlin 1945 fotografiert von Cecil F. S. Newman
    Abbildung.: © Stiftung Stadtmuseum Berlin

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    Straßenszene in Berlin 1945 fotografiert von Cecil F. S. Newman

    Abbildung.: © Stiftung Stadtmuseum Berlin

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    Ausstellungsansicht Berlin plant. Stunde Null, Neuer Berliner Kunstverein (n.b.k.), 2026
    Foto: © n.b.k. / Hans Georg Gaul

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    Ausstellungsansicht Berlin plant. Stunde Null, Neuer Berliner Kunstverein (n.b.k.), 2026

    Foto: © n.b.k. / Hans Georg Gaul

Neue Stunde Null

80 Jahre Kollektivplan: In Berlin steht die radikalste Vision, welche die Stadt je hatte, auf Wiedervorlage

Text: Hans Wolfgang Hoffmann, Berlin

Kann ein 80 Jahre altes Zukunftsbild heute noch wegweisend sein? Das jedenfalls behauptet der Neue Berliner Kunstverein (n.b.k.). Mit dem Festival „Berlin plant“ stellt er die namensgleiche Ausstellung auf Wiedervorlage – rechtzeitig um Jubiläum und um neue Argumente ergänzt. Zentrales Schaustück ist, heute wie damals, der sogenannte Kollektivplan.
Was Baustadtrat Hans Scharoun (1893–1972) und sieben seiner Kollegen im Sommer 1946 vorlegten, war nicht nur eines der ersten deutschen Stadtszenarien nach dem Zweiten Weltkrieg – sondern auch das radikalste. Anstatt Berlin wiederaufzubauen, sollte die nationale Kapitale quasi komplett ersetzt werden: durch eine moderne Stadtlandschaft. Exakt nach dem Kollektivplan realisiert wurden zwar nur ein Trümmerberg sowie ein paar Wohnzeilen in Friedrichshain. Doch entwertete das Leitbild die überkommene Stadt über Dekaden. Erst mit deren Wiederentdeckung, die sich von Ende der 60er bis in die 80er Jahre Bahn brach, wanderte der Kollektivplan in den Giftschrank – versehen mit dem Warnhinweis: Freibrief für Stadtzerstörung.
Das n.b.k.-Festival schärft zunächst die Rückschau. Sich der Verheerungen zur Stunde Null zu erinnern, fällt der heute so properen Metropole schwer – zumal „Berlin plant“ nicht wie seinerzeit das Stadtschloss bespielt, sondern die blütenweiße, städtisch bestens eingebundene Vereinsgalerie. Immerhin hängen großformatige Schwarz-Weiß-Fotos zerstörter Straßenzüge an den Wänden. Nebenher werden Trümmerfilme gezeigt. Die Originalschau präsentiert der Künstler und Chefkurator Hansjörg Schneider per 1:4-Modell. Zudem bekamen viele Teildarstellungen eine digitale Auffrischung, wodurch die Legenden des Kollektivplans erstmals wieder lesbar sind.
Den fachlichen Kontext besorgen Schneiders bewanderte Mitkuratoren. Thomas Flierl stellt dem Kollektivplan Albert Speers Projekt zur Welthauptstadt Germania zur Seite, das ihm unmittelbar vorausging und nicht minder brachial war. Simone Hain skizziert die weit verzweigten persönlichen Beziehungen von Scharoun & Co, so dass die Planer nicht mehr als Außenseiter dastehen, sondern als Teil des Modern Movement. Weitere Kapitel widmen sich sektoralen Themen, denen auch das Begleitsymposium nachging. Nach dem Festival werden sämtliche Beiträge zur n.b.k.-Dokumentation gebündelt. Dieses Buch dürfte zum Standardwerk avancieren.
Beim Vergegenwärtigen agiert die Wiedervorlage weniger souverän. Zwei naheliegende Anknüpfungspunkte werden verschenkt. Zum Wohnen am Existenzminimum breitet „Berlin plant“ zwar diverse Vorschläge aus – allerdings ohne hinterherzuschicken, dass an bezahlbaren Behausungen derzeit genauso Mangel herrscht. Vollkommen vergessen wird der Radikalpazifismus des Kollektivplans: Scharoun & Co wollten die deutsche Hauptstadt (welche zwei Weltkriege losgetreten hatte) en gros abrüsten und en detail auf Militärarealen (etwa dem Flughafen Tegel) Selbstversorger-Familien ansiedeln. Solche Friedensrezepte mögen naiv erscheinen. Doch diskutabel sind sie heute, wo sich Europa abermals in Kämpfe verstrickt, allemal.
Derweil betont die n.b.k.-Projektleiterin Susanne Mierzwiak die Vorbildlichkeit von Scharoun & Co hinsichtlich der Ökologie und der Partizipation. Beides sind steile Thesen. Laut Kollektivplan hätte Berlin, um alle Einwohnerinnen und Einwohner unterzubringen, seine Siedlungsfläche auf rund ein Drittel von Brandenburg ausdehnen müssen – für die Umwelt wohl kaum verträglicher als die traditionelle kompakte Stadt. Zudem zeigen aktuelle Senatsstudien, dass Hitzestress in Licht-Luft-Sonne-Kolonien à la Kollektivplan genauso zuhause ist wie in Mietskasernen-Quartieren.
Geradezu absurd ist das Partizipationsargument. Es speist sich aus der Tatsache, dass Scharoun & Co ihrem Arbeitgeber den Kollektivplan unterschoben. Sie taten dies in Eigeninitiative, verbunden mit dem Aufruf, individuelle Wohnwünsche kundzutun, aber bar jeder demokratischen Legitimation. Eine veritable Bürgerbewegung entstand erst im Gefolge der 68er. Hausbesetzer stritten mit Händen und Füßen für eine behutsame Stadterneuerung und gegen die Kahlschlagsanierung, welche der Kollektivplan vorgezeichnet hatte. Davon steht in der Ausstellung kein Wort. Stattdessen wird suggeriert, Scharoun & Co wären am Kalten Krieg, an einzelnen Politikern oder an rückwärtsgewandten Urbanisten gescheitert.
Womöglich werden derlei Streitpunkte schon beim nächsten Kollektivplan-Jubiläum ganz anders diskutiert. Bis dahin ist dieser Wiedervorlage zugutezuhalten, einen Meilenstein der Stadtplanung dem Verdrängen entrissen zu haben.
Berlin plant. Stunde Null
Neuer Berliner Kunstverein (n.b.k.)
Chausseestrasse 128/129
10115 Berlin
Bis 2. August


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