Bauwelt

Wie können Architekten politisch handeln?

Text: Josepha Landes

Wie können Architekten politisch handeln?

Text: Josepha Landes

Im Wahlkampf ums Berliner Abgeordnetenhaus spielten Architektur und Städtebau eine ganz ordentliche Rolle: „Eigentum ermöglichen, statt enteignen“, forderte die FDP. „Den Mietwahnsinn stoppen“, wollte die SPD, „Berlin bezahlbar machen“, die Linke. Volt warb dafür, vieles zu „unf*uck“-en – etwa Wohnungsspekulation, 300-Meter-Wohnungsbesichtigungs-Schlangen, Starkregen oder Müllberge.

Ist Architektur etwa politisch?

Im sachsen-anhaltinischen Rennen um den Landtag hat man überregional vor allem die Themensetzung der AfD wie aus einer Echokammer gehört. Und auch hier glühten die Ohren von Dingen, die uns interessieren dürften: Brisanz verliehen die Rechtsextremen dem Bauhaus und dem Wörtchen „modern“ ganz allgemein. Architektur wird hier politisiert, vereinnahmt, verunglimpft.
Vor ein paar Jahren erreichte uns ein Leserbrief, der um mehr Zurückhaltung hinsichtlich einer politischen Positionierung der Bauwelt bat. Er behauptete, die Bauwelt würde behaupten, „unpolitisch“ zu sein. Das ist weder der Fall, noch wäre es jetzt oder zu irgendeiner Zeit unserem Auftrag angemessen. Die Bauwelt berichtet „politisch unabhängig“, was einen großen Unterschied macht. Und wir müssen heute sogar die Zügel anziehen: Wir müssen uns deutlich politisieren. Nicht parteipolitisch, sondern indem wir uns der politischen Wirkung unserer Arbeit bewusster werden.
Wir, das ist die Bauwelt als Redaktion. Wir, das sind Journalisten und Journalistinnen. Aber die Bauwelt sind auch Sie, Architekten und Architektinnen. Beide Berufsgruppen haben beste Voraussetzungen, politisch zu handeln, denn sie bewegen sich mit jeder ihrer Aktionen in der Öffentlichkeit – dem politischen Raum schlechthin.
Niemand, der Architektur schafft oder thematisiert, handelt im Privaten.
Niemand, der Architektur schafft oder thematisiert, handelt im Privaten. Was wir bauen, beeinflusst die Lebenswelt anderer, worüber wir schreiben, die öffentliche Debatte. Wir setzen Themen, schaffen Sichtbarkeit, schließen ein und aus. Dafür müssen wir nicht Teil von Parteien sein oder in Verbänden agieren. Wir können das tun, das ist löblich, aber bereits der Kern unserer Arbeit ist politisch. Das Bewusstsein dafür müssen wir schärfen.
Geschichte wiederholt sich nicht, aber auf Geschichte gilt es aufzubauen, an Erkenntnisse gilt es anzuknüpfen. Vor hundert Jahren haben Architekten politisch agiert, ob sie sich selbst so verstanden oder nicht. Und wir vergessen es bei einigen viel zu sehr – einige der Männer, die heute als Ikonen gelten, haben ihre Verantwortung nicht als politisch betrachtet, sondern sich hinter der Kunst versteckt oder die vermeintliche Autonomie ihrer Disziplin vorgeschoben. Nein, ich plädiere nicht dafür, Werk und Autor zu vermengen, aber das darf nicht wieder geschehen. Wir müssen zur Not mit unseren Idealen untergehen. Besser jedoch: Wir retten die Welt durch sie. In keinem Fall dürfen wir sie in dem Moment preisgeben, in dem sie unbequem werden.
Journalismus und Architektur formen den Raum, in dem Entscheidungen getroffen werden, in dem Menschen einander begegnen: Sie fassen Demokratie. Sie und wir haben zur Aufgabe, unser Handwerkzeug zu schärfen, damit die Möbel, die aus unseren Werkstätten kommen, einladen, auf ihnen Platz zu nehmen. Wir dürfen nicht mehr so viel für unsere eigenen Hintern produzieren. Wir müssen an kleine und an große Sitzpolster denken – denn Öffentlichkeit ist nicht nur der Raum für diejenigen, deren Haltung, Geschmack und Lebensweise wir teilen. Politisch verantwortlich zu handeln, heißt gerade auch, Platz für andere vorzusehen.
Politisch sein heißt für Architekten und Journalistinnen, ihren Job zu machen. Nicht mehr und nicht weniger. Es gibt kein System, in dem es keine Auswege gäbe. Es gibt kein Morgen, für das es nicht zu kämpfen lohne, keine Sprache, die wir nicht lernen können, um das Gute hochzuhalten, das Schöne, das Freundliche und Helle. Wir bauen und wir schreiben die Räume der Gesellschaft, die uns wichtig ist. Eine demokratische Gesellschaft ist eine, in der nicht nur Platz hat, was uns selbst wichtig erscheint. Trauen wir Architektur, Städtebau und Medien diese politische Kraft zu!

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