Wandler zwischen den Welten
Die Aedes Architekturgalerie in Berlin zeigt mit „Vital Architecture“ das vielschichtige Werk des Architekten Li Xinggang aus Peking, das scheinbar Gegensätzliches zu einem poetischen Ganzen verbindet
Text: Michal, Luis, München
Wandler zwischen den Welten
Die Aedes Architekturgalerie in Berlin zeigt mit „Vital Architecture“ das vielschichtige Werk des Architekten Li Xinggang aus Peking, das scheinbar Gegensätzliches zu einem poetischen Ganzen verbindet
Text: Michal, Luis, München
1976 erlebte Li Xinggang die Gewalt von Naturkräften, als ihn seine Mutter bei einem Erdbeben aus ihrem einstürzenden Zuhause rettete. Später als Architekturstudent in Tianjin, interessierte er sich immer mehr für Peking. Er beschloss, Räume zu schaffen, die Menschen bewegen. Diese zwei Momentaufnahmen aus Li Xinggangs Leben prägen seine Arbeit zwischen der Wirkung von der Natur und dem Artifiziellem, aktuell mit dem Titel „Vital Architecture“ in der Architekturgalerie Aedes zu sehen.
Während sein Atelier Li Xinggang im Ausland eher unbekannt zu sein scheint, steht Li Xinggang in seiner Heimat längst in einer Reihe mit Pritzker-Preisträgern wie Wang Shu & Lu Wenyu (Amateur Architecture Studio, Hangzhou) und Liu Jiakun. Mit ihnen teilt er sein Interesse an Tradition und zeitgenössischer Architektursprache. Sein Atelier agiert hingegen nicht als Teil der jungen freien Bauwirtschaft Chinas. Es ist Teil des 2003 in Peking gegründeten, staatlichen Bauinstituts China Architecture Design & Research Group.
Li Xinggang leitet somit nicht nur sein eigenes, künstlerisch unabhängiges Entwurfsstudio mit rund 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, sondern als einer der Chefarchitekten auch das Institut mit mehr als 3000 Angestellten. Von dieser Komplexität künstlerischer Ambition und administrativer Verantwortung zeugt auch der Untertitel der Ausstellung Between Idealism and Reality.
Seine Doppelrolle ist kein Hindernis für architektonische Innovation. Das beweisen eindrucksvoll die zehn ausgestellten Projekte. Darunter finden sich verdichtete Wohntypologien wie zwei Wohntürme als eine vertikale Stadt, die zeitgenössische Interpretation eines chinesischen Wohnhauses als Micro-Community oder den Umbau eines altes Stahlkraftwerks zum Boutique-Hotel. Eine brutalistisch anmutende Turnhalle seiner Alma Mater Tianjin Universität zeugt von universeller Gestaltungskraft. Kleinere, sensible Eingriffe wie eine Ausstellungsinstallation in einem historischen Tempel lassen den Bestand unangetastet und unterstreichen ihn geschickt.
Zahlreiche Modelle werden in hölzernen Versandkisten ausgestellt. Atmosphärische Videos rahmen Xinggangs fertiggestellte Projekte. Beim Blick auf den Boden offenbart sich das großflächige Tuschegemälde einer Vital City, in der jedes seiner Projekte maßstabsgerecht seinen Platz findet. Ein Wandbild aus Reise- und Landschaftsskizzen des Architekten rahmt elegant die Schau, deren Stärke vor allem in der Überwindung von Gegensätzen und der Verbindung zu einem größeren Ganzen liegt.





