Aus Lehm und Feuer
Neue Grab- und Gedenkstätte für LSBTI* in Berlin-Schöneberg
Text: Krenz, Anna, Berlin
Aus Lehm und Feuer
Neue Grab- und Gedenkstätte für LSBTI* in Berlin-Schöneberg
Text: Krenz, Anna, Berlin
Ein Kuss ist ein Zeichen von Liebe, Fürsorge und Abschied. Am Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transfeindlichkeit, dem 17. Mai 2026, konnten Besucherinnen und Besucher bei der Einweihung der neuen Grab- und Gedenkstätte für LSBTI* auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof ihre Lippenabdrücke auf dem „Kissing Stone“ hinterlassen. Der Kalksteinmonolith des Künstlers Ulrich Vogl nimmt die Pigmente und Fette von Lippenstift auf, sodass die Kussabdrücke über längere Zeit sichtbar bleiben, bevor sie allmählich verblassen. Darin liegt auch eine Hommage an die Gräber von Oscar Wilde und Simone de Beauvoir, an denen Kussabdrücke seit Jahren Teil gelebter Erinnerungskultur sind.
Herzstück der rund 30 Quadratmeter großen Anlage bildet die von dem Architekten Christoph Wagner und dem Künstler Ulrich Vogl entworfene Gedenkmauer entlang der Monumentenstraße. Der gemeinsame Entwurf ging aus einem Wettbewerb hervor, den die Schwulenberatung Berlin 2025 ausgelobt hatte. Nach ihrem Einsturz wurde die rund zehn Meter lange Mauer neu aufgebaut. In Abstimmung mit dem Denkmalschutz fiel die Wahl auf das historische Reichsformat, das auch die übrigen Ziegelbauten des Friedhofs prägt.
„Da Klinker aus Lehm und Feuer entstehen, erschienen sie uns als besonders passendes Material für eine Urnenbegräbnisstätte – im Sinne von ‚Asche zu Asche, Staub zu Staub‘“, erklärt Christoph Wagner. Bewusst verzichteten die Planer auf glasierte Oberflächen und entschieden sich für das rohe Material. Die unterschiedlichen Farbtöne entstehen durch verschiedene Lehmvorkommen und Brennverfahren. Einige der dunklen Steine wurden in rund 150 Jahre alten holzbefeuerten Öfen gebrannt, wodurch auch Asche in den Herstellungsprozess einfließt.
Um die gewünschte Farbpalette zu erreichen, stammen die Ziegel aus Brandenburg, Sachsen, Thüringen, Bayern und aus einer kleinen Ortschaft zwischen Cottbus und Wrocław. Die Materialvielfalt besitzt zugleich eine symbolische Ebene: Viele Menschen, die hier ihre letzte Ruhestätte finden, kamen einst auch aus kleineren Ortschaften und ländlichen Regionen nach Berlin. Die Grab- und Gedenkstätte ist ein Ort der Erinnerung, Würde und Gemeinschaft. Sie bietet Raum für Trauer und Bestattung von Menschen aus der LSBTI*-Community. 120 quer in die Mauer eingelassene Steine markieren die möglichen Grabstellen des Urnenfeldes. Sie ragen leicht aus der Wand hervor und bilden eine feine plastische Struktur. Je nach Lichteinfall beginnen ihre Oberflächen zu flirren. Als architektonische Referenzen nennen die Entwerfer unter anderem Alvar Aaltos Muuratsalo House sowie Mies van der Rohes Revolutionsdenkmal.
Der Alte St.-Matthäus-Kirchhof ist seit langem ein wichtiger Erinnerungsort des queeren Berlins. Mit der neuen Grab- und Gedenkstätte entstand ein wichtiger Gedenkort, dessen Sprache nicht durch Monumentalität bestimmt wird, sondern durch Licht, Material und die Schichten der Erinnerung.





