Wie die Peripherie zum Vorreiter wird
Text: Geipel, Kaye, Berlin
Wie die Peripherie zum Vorreiter wird
Text: Geipel, Kaye, Berlin
Region, Peripherie, Zwischenstadt, Territorium – nüchterne Begriffe, mit denen in den letzten Jahrzehnten in Europa versucht wurde, das „Andere“ der Stadt und seine vielfältigen Formen zu beschreiben und selbst zu einem Innovationsprojekt umzubiegen. Kenneth Frampton, der britisch-amerikanische Architekturhistoriker, der in den 1980er Jahren den Begriff des Kritischen Regionalismus in den westlichen Ländern populär gemacht hat, hat sich in seinem Alterswerk mit Wut und Lust zugleich noch einmal mit der dringlichen Veränderung der Region auseinandergesetzt. Dieses Mal ging es ihm um weit mehr als die Frage einer vorbildlichen regionalen Architektur: „Wenn die Infrastruktur den Raum zerschneidet, wird Architektur als sozialer Raum unmöglich.“ Die messerscharfe Kritik äußerte Frampton bei seiner legendären Liverpool Lecture 2021.
Viele Großstädte reduzieren heute den Radius des PKWs und verändern die Rolle der Straße als reines Transportmittel – Paris unter seiner Bürgermeisterin Anne Hidalgo hat das vorgemacht. Nur sind solche Veränderungen in der Peripherie und im ländlichen Raum viel schwieriger umzusetzen. Das Auto ist in seiner Funktion als verbindender Mobilitätsgarant bis heute unantastbar. Dass damit die traditionellen sozialen Treffpunkte von der Dorfkneipe bis zum Bäcker immer weiter verschwinden – scheinbar unvermeidbar. Die Pendlerpauschale ist auch in Deutschland ein Ausdruck dafür, wie sich die kleinen und größeren Zentren entleert haben und die Einfamilienhausareale zum selbstbezogenen Lebensort wurden.
Dieses Heft zeigt am Beispiel Frankreichs, wie die kontroverse politische Debatte über „elitäre Städte“ und „abgehängte Ränder“ schließlich zu Reformbewegungen geführt hat, die direkt an der Transformation der sozial-ökonomischen, architektonischen und stadtplanerischen Strukturen von „La France périphérique“ arbeiten. Viele kleinere französische Universitäten haben ihre Zielrichtung darauf eingestellt. Angeführt wird die-se Bewegung von engagierten Architektur- und Planungsbüros wie BAST, Gens, Julien Boidot, PNG, Paola Viganò. Simon Teyssou, einer der wichtigsten Vertreter dieser Reformoffensive, der im letzten Jahr mit der höchsten französischen Städtebauauszeichnung, dem Grand Prix de l’urbanisme, ausgezeichnet wurde, kommt in diesem Heft mit seiner vorbildlichen Arbeit in der Region Auvergne zu Wort.
Etwas verspätet, aber immer noch vorbildlich wirkt es, wenn der französische Staat sich selbst an die Spitze dieser Bewegung setzen möchte. Er hat mit dem Gutachterwettbewerb „Quartiers de demain“ zehn über das ganze Land verteilte beispielhafte Quartiere ausfindig gemacht, die für die Bandbreite der Sanierungsbedarfe im nicht-metropolitanen Frankreich stehen. Die Dokumentation dieses großen Wettbewerbs, bei dem den Preisträgern versprochen wurde, dass sie ihre Vorschläge unmittelbar umsetzen können, findet sich in diesem Heft.
Die dazugestellten, fast immer praxistauglichen Beispiele im dritten Teil unserer Ausgabe machen deutlich, dass Innovation im Städtebau heute nicht nur von Ideen profitiert, die aktuell in der Peripherie, den Rändern und den Dörfern ausprobiert werden – sie zeigen, dass die multifunktionalen und häufig mit kaum Verwaltung und minimalen Mitteln umgesetzten Konzepte selbst zum Vorbild für Stadtentwicklung werden können.







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