Tramezzini in den Giardini
Zur 61. Kunstbiennale in Venedig ist der umgebaute Zentralpavillon wieder zugänglich
Text: Kusch, Clemens, Venedig
Tramezzini in den Giardini
Zur 61. Kunstbiennale in Venedig ist der umgebaute Zentralpavillon wieder zugänglich
Text: Kusch, Clemens, Venedig
Die Giardini der Biennale in Venedig bilden ein konzentriertes Kaleidoskop der Architekturgeschichte der letzten 120 Jahre. Seit der Entstehung als Aus-stellungsgelände mit der ersten Kunstausstellung im Jahr 1895 wurden insgesamt 29 Länderpavillons in unterschiedlichsten Stilen realisiert: von den neoklassizistischen Pavillons der Vereinigten Staaten und Englands über den modernistischen Bau der skandinavischen Länder von Sverre Fehn oder den Schweizerischen von Bruno Giacometti bis hin zu den kleinen Meisterwerken von Alvar Aalto (Finnland)und Carlo Scarpa (Brasilien) sowie, in jüngerer Zeit, dem Buchpavillon von James Stirling und dem noch zu realisierenden Pavillon von Katar aus den Händen von Lina Ghotmeh.
Nun wird durch den Umbau des bestehenden Zentralpavillons die Geschichte fortgeschrieben. Tatsächlich handelt es sich um ein neues Kapitel, da das große Ausstellungsgebäude nicht nur funktional verbessert wurde, sondern auch einen deutlich veränderten Charakter erhalten hat. Aus einer bestehenden Pferdehalle entstanden, wurde der Zentralpavillon im Laufe der Jahre mehrfach umgebaut und erweitert. Anfang des 20. Jahrhunderts kam der Kuppelsaal Sala Chini hinzu, und auch die Hauptfassade erfuhr mehrere Umgestaltungen, unter anderem durch Carlo Scarpa, der zudem den Skulpturengarten am westlichen Rand des Gebäudes zeichnete. Zeitweise zog man sogar einen vollständigen Abriss mit anschließendem Neubau in Betracht.
Der entsprechende Wettbewerb zur Biennale 1988, den der römische Architekt Francesco Cellini mit einem eleganten Entwurf gewann, führte ins Leere.
Immer dinglicher wurde in den letzten Jahren eine grundlegende Sanierung, insbesondere wegen undichter Dächer und veralteter haustechnischer Anlagen. Dafür stellte die EU Mittel zur Verfügung und der Staat führte ein öffentliches Verfahren für die Planung und Bauleitung durch. 2023 erhielten die Architekten des Büros Labics aus Rom zusammen mit den Ingenieurinnen von Buromilan den Zuschlag, mit der Auflage die Renovierung zwischen zwei Kunstbiennalen umzusetzen – zur Architekturbiennale im vergangenen Jahr wurde die Schließung des Pavillons in Kauf genommen. Der frisch eröffnete Bau hat nun eine neue Identität: Die Wände wurden aufgedoppelt und weiß gefasst, sämtliche Durchgänge mit schwarzen Rahmen versehen und die Dachstühle einheitlich schwarz gestrichen. Das zentrale Gestaltungsmittel ist somit der Kontrast zwischen weißen Wänden und schwarzen Decken sowie Öffnungen. Die Neutralität wirkt angemessen, denn die wechselnden Ausstellungen sorgen selbst für visuelle Vielfalt und Farbe.
Die Raumaufteilung bleibt im Grundsatz bestehen, sie wird allerdings klarer und rationaler strukturiert: Vom Eingang gelangt man zunächst in den historischen Kuppelsaal, von dem aus sich die einzelnen Ausstellungsräume erschließen. Den zuvor abgesenkten Raum haben die Architekten im Zentrum des Gebäudes auf das Niveau der übrigen Flächen angehoben. Neu sind auch eine weitere Treppe und ein Aufzug, die das Zwischengeschoss erreichbar machen. Das haustechnische Konzept überzeugt besonders durch seine Unsichtbarkeit: Sämtliche Anlagen sind in den vorgeblendeten Wänden verborgen, deren Abstand zu den Bestandswänden je nach Bedarf variiert. Der Zugang erfolgt über unauffällig in die Rahmen der Durchgänge integrierte Türen. Die Dächer sind mit PV-Elemente ausgestattet. Eingefügte Oberlichter lassen sich bei Bedarf verdunkeln.
Die Architekten schaffen eine Verknüpfung zum Rio dei Giardini, indem sie den Bau auch von seiner Rückseite erschließen. Erweitert um eine Cafeteria öffnet er sich zum weitläufigen Außenbereich, der von einem großen hölzernen Vordach geprägt ist. Es ist eine Reminiszenz an die venezianischen Altane, die hölzernen Dachterrassen der historischen Stadt. Ein ähnliches Vordach markiert außerdem den neu gestalteten Bookshop. Am Padiglione Centrale gelingt die Verbindung zwischen Konservierung und Innovation überzeugend – und wird den Ausstellern sowie der stetig wachsenden Besucherzahl der Biennale als ein flexibles und zeitgemäß ausgestattetes Ausstellungshaus gerecht.







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