Lieber punktuell reparieren als gänzlich umgestalten
Der Architekt und Autor dieses Textes Simon Teyssou führt ein Architekturbüro in Le Rouget-Pers, einer kleine Gemeinde mit 1400 Einwohner. Hier hat das Büro eine Methode für das Weiterbauen in ländlichen Gemeinden im Zentralmassiv entwickelt. Er beschreibt sie als „reparierenden“ Städtebau: Kleine Eingriffe sollen Ortskerne stärken, Landschaftsräume reaktivieren und die Bewohnbarkeit langfristig verbessern.
Text: Teyssou, Simon, Le Rouget
Lieber punktuell reparieren als gänzlich umgestalten
Der Architekt und Autor dieses Textes Simon Teyssou führt ein Architekturbüro in Le Rouget-Pers, einer kleine Gemeinde mit 1400 Einwohner. Hier hat das Büro eine Methode für das Weiterbauen in ländlichen Gemeinden im Zentralmassiv entwickelt. Er beschreibt sie als „reparierenden“ Städtebau: Kleine Eingriffe sollen Ortskerne stärken, Landschaftsräume reaktivieren und die Bewohnbarkeit langfristig verbessern.
Text: Teyssou, Simon, Le Rouget
Viele der ländlichen Gebiete jenseits der französischen Metropolen weisen eine stagnierende oder sogar rückläufige Entwicklung auf. Im Zentrum von kleinen Ortschaften stehen Erdgeschossflächen leer oder auch ganze Gebäude. Händler und Dienstleister haben ihre angestammten Flächen verlassen und sich entlang der Ausfallstraßen angesiedelt, über die die lokale Bevölkerung zwischen Arbeitsplatz und Zuhause hin- und herpendelt. Wer dort wohnt, bevorzugt dafür ein freistehendes Einfamilienhaus. Die historischen Ortskerne existieren zwar weiterhin, doch deren Nutzung hat sich verlagert.
Seit dem Einsetzen des Wirtschaftswunders wird der öffentliche Raum für den Autoverkehr gestaltet. Der Straßenasphalt grenzt bündig an die Fassaden, an denen sich die Fußgänger entlangdrücken. Nur mit Mühe queren sie die Fahrbahn und schlängeln sich zwischen den Fahrzeugen hindurch. Das Auto hat Vorrang, der Fußgänger ist nur eine Randerscheinung. Öffentliche Plätze dienen vor allem dem Parken, was so weit geht, dass andere Nutzungen kaum noch möglich sind. Haben sich die Parkplät-ze erst einmal etabliert, lassen sie sich nur schwer wieder zurückdrängen. Jede Veränderung stößt auf heftigen Widerstand, oft im Namen des Erhalts von noch existierenden Geschäften. Doch in Wahrheit ist die verbliebene Bevölkerung einfach daran gewöhnt, direkt vor der Haustür zu parken. Die Vegetation ist verschwunden oder auf kleine Grünflächen reduziert. Beete vor den Sockelbereichen der Fassaden wurden beseitigt, Vorgärten häufig entfernt. Der öffentliche Raum wurde vereinheitlicht, seine Oberflächen sind nun hart und befahrbar – überall.
Angesichts dessen geht es nicht darum, Dörfer oder Kleinstädte zu vergrößern, sondern um die Transformation des Bestandes. Dabei sind sowohl die Zentren als auch die semiurbanen Bereiche drumherum gemeinsam zu betrachten, ohne sie gegeneinander auszuspielen. In der kollektiven Vorstellung ist das Zentrum eines Orts nach wie vor eine typische Wohngegend, geprägt von dem Bild alter Dorfkerne, in denen sich alles konzentrierte. Diese Vorstellung hält sich, obwohl die früheren Nutzungen zu großen Teilen bereits ausgelagert sind. Das alles führt dazu, dass man die Zentren als Raum betrachtet, der aufgewertet oder konserviert werden soll, anstelle ihn zu transformieren.
Kontinuität herstellen
Die vom Atelier du Rouget entwickelten Projektansätze greifen sowohl in den Zentren der kleinen Ortschaften als auch in deren Peripherie. In ersteren geht es darum, die Parkflächen zu reduzieren, das Grün am Sockelbereich der Fassaden sowie die Durchlässigkeit der Böden wiederherzustellen, obsolete oder minderwertige Bauten zu entfernen, Blickbeziehungen zu öffnen, mehr Sonne hineinzulassen – und halböffentliche Räume für die Bewohner zu schaffen: begrünte Höfe, Terrassen oder kleine Gärten. Das Ziel ist, die als zu eng empfundenen Zentren wieder attraktiv zu machen.
Die unscharf abgegrenzten Peripherien hingegen sind von einer starken Fragmentierung geprägt. Wohnsiedlungen, Gewerbegebiete und öffentliche Einrichtungen fungieren als isolierte Einheiten, die weder miteinander noch mit dem Ortszentrum in Verbindung stehen. Für sie wurde der länd-liche Bereich tiefgreifend umgestaltet: landwirtschaftliche Flächen versiegelt, Feuchtgebiete eingeebnet, Wasserläufe begradigt oder verrohrt. Das Wegenetz ist für Autos konzipiert, der Zugang zu den Ortszentren wie auch zu den untergeordneten Landstraßen ist stark limitiert. Mit unseren Projektansätzen wollen wir Kontinuität herstellen: wir öffnen Durchgänge, verbinden voneinander losgelöste Raumfragmente und machen solche Bereiche wieder nutzbar, immer vom Bestand vor Ort ausgehend.
Das Dorf Rouget-Pers, in dem sich unser Büro befindet, ist eine ländliche Gemeinde mit 1400 Einwohnern. Dort entwickelten wir mit der Zeit unsere Herangehensweise durch die kontinuierliche Arbeit am öffentlichenRaum.1 Dabei lag der Fokus zunächst auf einigen offenen Flächen am Rande des Ortskerns. Unser Ansatz beruhte auf einer Abfolge kleinerer Eingriffe, die auf Wunsch der Gemeinde vorgenommen wurden. Wir gestalteten den ehemaligen Marktplatz zu vielseitig nutzbaren Terrassenflächen um, legten Gehwege zwischen der Hauptgeschäftsstraße, der Schule und den Sportanlagen an, öffneten die Sportflächen durch das Entfernen blickdichter Hecken, gestalteten die Uferzone einer Wasserfläche um und verdichteten das Wegenetz.
Die wichtigsten Projektwerkzeuge waren dabei der Austausch miteinander, die Vermessung des Geländes und die Entscheidungen, die vor Ort gefällt wurden. Durch solche wiederholten Maßnahmen lässt sich mehr erreichen als das ursprüngliche Ziel. Schritt für Schritt entsteht ein größe-res Projekt, das im Einklang mit den lokalen Entscheidungsträgern entwickelt wird. Der Rahmenplan besteht nicht aus anfänglich gemachten Vorgaben, sondern bildet die sich nach und nach zeigende Notwendigkeit ab, die einzelnen Maßnahmen kohärent miteinander zu verbinden. Er fungiert als Projektgedächtnis und als Referenzrahmen für zukünftige Eingriffe.
In letzter Zeit verlagerten sich die Maßnahmen auf die Geschäftsstraße unseres Ortes, wo die Gemeinde einen Supermarkt mit einigen Nebengebäuden erworben hatte. Wir bauten einen Teil des Gebäudes zurück, um Parkplätze zu schaffen, und so die Geschäftsstraße langfristig zu entlasten. Diese Parkflächen ermöglichten die Erschließung eines bislang nicht zugänglichen Grundstücks. Darauf sind Wohnungen vorgesehen, die die zentrale Funktion des Ortes stärken sollen. Auf der einen Seite steht also ein Rückbau, auf der anderen eine Verdichtung. Im ehemaligen Supermarkt wurden zwei Einzelhandelsflächen untergebracht.
Die Transformationen in Rouget vollziehen sich als eine kontinuierliche Abfolge von Maßnahmen, deren Wirkung sich mit ihrer Addition entfaltet. Solch eine Arbeitsweise bedarf einer langfristigen Präsenz, weit über Vertragslaufzeiten und politische Mandate hinaus. In Rouget sichert ein stabiles kommunales Team die Kontinuität der Prozesse.
Die Methode: eine langfristige Planung
Die dort gewonnene Erfahrung führte zur Entwicklung einer Methode, die inzwischen auch in anderen ländlichen Gemeinden im Zentralmassiv zur Anwendung kommt: etwa in Vic-sur-Cère (Seite 37), Brassac-les-Mines, Servant oder Saugues). In einigen Fällen erfolgt dies mit einem klarer definierten Vertragsumfang, etwa über Rahmenverträge mit anschließendem Einzelabruf. Auf den Rahmenplan folgt die abschnittsweise Umsetzung der Arbeiten im öffentlichen Raum. Diese Struktur ermöglicht eine langfristige Planung unter Beibehaltung einer gewissen Flexibilität.
Das städtebauliche Projekt der ehemaligen Textilstadt Lodève mit seinen 7500 Einwohnern ist deutlich umfangreicher: Dort sollen punktuelle Eingriffe zu einer stadtweiten Strategie führen, die auf der Vernetzung bestehender und neuer Parks zu einem städtischen „Archipel“ basiert. Im Zentrum der Maßnahmen steht ein Park entlang der Flüsse Lerge und Soulondres – er ist das strukturierende Element im historischen Stadtzentrum. Mit ihm soll eine durchgehende Fußverbindung zwischen den wichtigsten Punkten der Stadt entstehen (Abbildungen Seite 22).
Die Gestaltung des Parks unterscheidet zwischen zwei Raumtypen. Zum einen gibt es Hot Spots, an denen sich unterschiedliche Nutzungen und bauliche Maßnahmen ballen. Es wird gezielt in Orte zum Verweilen, in Versammlungsflächen und in Brücken zwischen den Ufern investiert. Zum anderen gibt es längere, eher extensiv bearbeitete Abschnitte. Die dortigen Eingriffe sind begrenzt und möglichst naturnah. Sie sollen die Flüsse begleiten, anstatt sie einzudämmen. Die Ufer werden schrittweise renaturiert, die Böden wieder vernässt und der ökologische Verbund wird gestärkt.
Vom historischen Kern aus ist der Park gut zu Fuß erreichbar und bie-tet einen dringend benötigten Naherholungsraum.2 Das dichtbebaute Stadtzentrum ohne Balkone, Terrassen, Loggien oder Gärten wird so um Schatten, Kühlung und Zugang zum Wasser ergänzt, wodurch den Auswirkungen von Hitzeperioden begegnet werden kann.
Drei Prinzipien
Grundlage aller Projekte ist eine genaue Untersuchung des Bestands, bei der sowohl Zwänge als auch Potenziale benannt werden. Die Transforma-tion erfolgt durch gezielte Eingriffe, die Nutzungshemmnisse reduzieren und Neues ermöglichen. Dieser Ansatz fußt auf drei Prinzipien:
Das erste Prinzip ist die positive Subtraktion3. Bestehende Strukturen sind oft verdichtet und stehen teilweise leer. Der Rückbau versiegelter Flächen, die Abschaffung von Parkplätzen und der Abriss obsoleter Gebäude ermöglichen eine Wiederbelebung des Bodens, die Öffnung neuer Verbindungen und das Schaffen nutzbarer Räume. Derartige Maßnahmen wirken sich unmittelbar auf die Bewohner aus: die Erreichbarkeit von Freiräumen wird besser und der thermische Komfort höher. Wege können zu Fuß zurückgelegt werden, und zuvor wenig geschätzte Wohnlagen erfahren eine Aufwertung. Die Transformation wirkt wie eine Entlastung und macht die verborgenen Ressourcen Wasser, Boden und Landschaft wieder nutzbar.
Das zweite Prinzip ist das der Schwammstadt. In ihr wird Regenwasser gezielt zurückgehalten, dann versickert oder gespeichert. Entsprechende Eingriffe an Bodenaufbau, Uferzonen und Biotop-Verbund stellen natürliche Kreisläufe wieder her. Diese Transformationen verhelfen den Bewohnern zu kühleren Zonen im Sommer, sie reduzieren die Hochwassergefahr und schaffen ein Stück lebendiger Landschaft mitten in ihrer Stadt. Ziel ist nicht die absolute Kontrolle der Gewässer, sondern deren Integra-tion in ein anpassungsfähiges System, das mit der Zeit immer widerstandsfähiger wird.
Das dritte Prinzip ist das Herstellen von Verbindungen. Der durch die Infrastruktur, unterschiedliche Flächennutzung und diverse Einfriedungen wie Zäune, Hecken oder Mauern fragmentierte Raum soll wieder an Kontinuität gewinnen. Eine auf die Umgebung bezogene Kontinuität, auf Wegeverbindungen und auch auf gesellschaftliche Aspekte. Verloren gegangene Nähe wird wiederhergestellt, nicht fußläufig erreichbare Punkte werden miteinander verknüpft und voneinander isoliert funktionierende Einrichtungen, Viertel und Landschaften wieder in Beziehung zueinander gesetzt.
Die drei Prinzipien verstärken sich gegenseitig. Gemeinsam bilden sie einen Maßnahmenkatalog, dessen Grundlagen die Präzision der Eingriffe, die Sensibilität für die Umgebung und die Langfristigkeit der umgesetzten Arbeiten sind. Für die oft mit eingeschränkten Budgets agierenden Kleinstädte und Ortschaften ist diese Herangehensweise nicht optional, sondern zwingend. Der von uns vorgeschlagene Ansatz eines „reparierenden“ Städtebau beruht auf einem grundlegenden Perspektivwechsel: Es gilt, mit dem Bestand zu arbeiten und vom Vorhandenen auszugehen. Das Ziel ist ein Städtebau der Postwachstumsgesellschaft, angepasst an eine Welt, in der weniger Energie zur Verfügung steht, in der die Ressourcen begrenzt sind und die ökonomisch stagniert.
Aus dem Französischen von Hanna Reininger
1 Siehe auch: Simon Teyssou, ‚Un urbanisme de fragments en territoire ordinare‘ in: de Rosa Marco/Monique Poulot (Hsg.), Dessin, Design, Projet. Représenter et reconfigurer les espaces ouverts, Firenze University Press, 2023, online: https://media.fupress.com/files/pdf/24/12887/38336
2 Das Stadtzentrum von Lodève ist als QPPV eingestuft. Die QPPV (quartiers prioritaires de la politique de la ville) sind laut dem Gesetz zur Planung der Stadt und urbaner Zusammenhänge vom 21. Februar 2014 von der Stadtpolitik priorisierte Viertel, in denen lokale Strategien zur Beseitigung der Probleme der Bewohner erarbeitet werden.
3 Siehe auch: Simon Teyssou, La soustration positive – Vers une mutation des centresbourgs en déhérence, Pierre d‘Angle, 2019; in einer längeren Fassung in Réparer la ville, Ordre des architectes d‘Île-de-France, 2019







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