Bauwelt

Erholte Architektur?

Text: Bruun Yde, Marie, Berlin; Kraft, Caroline, Berlin

Erholte Architektur?

Text: Bruun Yde, Marie, Berlin; Kraft, Caroline, Berlin

Würde alle Welt wie Deutschland leben, hätten wir seit dem 10. Mai die Ressourcen verbraucht, die eigentlich das ganze Jahr über ausreichen müssten. Den größten Anteil macht dabei laut Bund für Umwelt und Naturschutz der Einsatz fossiler Energien aus. Betrachten wir die jährlichen CO₂-Emissionen, ist der Bausektor bekanntermaßen weltweit für 40, in Deutschland immerhin nur für 30 Prozent verantwortlich, Tendenz stagnierend beziehungsweise sinkend – aber zu langsam. Wo hakt es also bei der Bauwende?
Regeneratives Bauen geht einen Schritt weiter als das viel beschworene „nachhaltige Bauen“: Es soll nicht mehr nur den Fußabdruck reduzieren, sondern mehr als Null schaffen, die Umwelt nicht nur schonen, sondern sie aktiv über das Gebaute hinaus wiederherstellen. Regenerativ ist nicht allein ein klimapositiver Holzbau, sondern Architektur, die regionale Lieferketten stärkt, lokales Handwerk einbindet und über ihre Nutzung in die Gemeinschaft zurückwirkt.
Physiologisch betrachtet meint Regeneration die Fähigkeit eines Organismus, verlorengegangene Teile zu ersetzen, also neu wachsen zu lassen. Dieser Vorgang kann überlebensnotwendig sein. Es würde helfen, auch den Bausektor als krankendes System zu betrachten, dessen einzige Möglichkeit ist, sich – mit ein bisschen menschlicher Hilfe – mit natürlichen Mitteln selbst zu heilen.
Wären wir pessimistisch, könnten wir fragen: Welchen Unterschied machen ein paar Bio-Experimente auf dem Acker, wenn die Probleme doch die ganze Bauwirtschaft betreffen? Oder wir fragen: Könnte nicht gerade die deutsche Baubranche mit regenerativem Bauen zum Vorbild für die gesamte ökologische Transformation werden? Als optimistisches Beispiel in einer Welt, die sich immer dystopischer anfühlt.

Hervorgeholte Ikone

Schlägt sich der Zustand einer Gesellschaft in ihrer Architektur nieder? Oder drängt Architektur ihre Gesellschaft zu einem bestimmten Verhalten? Im 13. Wiener Bezirk, dem noblen Hietzing, steht eines jener Gebäude, das sich dem Zeitgeist zu entziehen schien.
Das Ehepaar Julius und Margarethe Beer lebte nur wenige Jahre in seinem 1930 fertiggestellten Wohnhaus. Bis 1938 waren sowohl die jüdische Familie Beer als auch die Architekten des Hauses, Josef Frank und Oskar Wlach, nach Schweden und in die USA geflohen. Ikone einer „menschenfreundlichen Moder-ne“ genannt, entstand das geradlinige, weiße Haus in einer Epoche, die alles andere war als das. Dass sie trotzdem wurde, wie sie ist, macht sie zum Zeitzeugnis, das auf gesellschaftliche Verrohung nicht mit einem Knall reagierte, sondern mit einer Ruhe, die ihren Protagonisten kurz darauf genommen wurde.
Knapp 100 Jahre später ist die Villa Beer als Museum, Veranstaltungsort und Gästehaus öffentlich zugänglich. Unsere Autorin war vor der Sanierung dort.

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