Bauwelt

Die Stoffströme der Quartiere

Mit dem Konzept des urbanen Metabolismus rückt die 2025 mit dem französischen Grand Prix de l’urbanisme ausgezeichnete Stadtforscherin Sabine Barles die Ströme der Stadt ins Zentrum der Betrachtung. Städtebauliche Planungen sollten nicht an den administrativen Grenzen enden, sondern die Systeme aus Energie-, Wasser- und Materialflüssen berücksichtigen, die darüber hinausgehen. Ressourcensuffizienz, Wiederverwertung und lokale Kreisläufe bedürfen neuer Perspektiven für einen ganzheitlichen Ansatz.

Text: Kofler, Andreas, Paris

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Rendre visible l’invisible
Des entrailles urbaines au métabolisme territorial
Sabine Barles, Grand Prix de l’urbanisme 2025
176 Seiten mit 121 Abbildungen,
22 Euro
Editions Parenthèses, Marseille, 2026

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Rendre visible l’invisible
Des entrailles urbaines au métabolisme territorial
Sabine Barles, Grand Prix de l’urbanisme 2025
176 Seiten mit 121 Abbildungen,
22 Euro
Editions Parenthèses, Marseille, 2026


Die Stoffströme der Quartiere

Mit dem Konzept des urbanen Metabolismus rückt die 2025 mit dem französischen Grand Prix de l’urbanisme ausgezeichnete Stadtforscherin Sabine Barles die Ströme der Stadt ins Zentrum der Betrachtung. Städtebauliche Planungen sollten nicht an den administrativen Grenzen enden, sondern die Systeme aus Energie-, Wasser- und Materialflüssen berücksichtigen, die darüber hinausgehen. Ressourcensuffizienz, Wiederverwertung und lokale Kreisläufe bedürfen neuer Perspektiven für einen ganzheitlichen Ansatz.

Text: Kofler, Andreas, Paris

Der französische Diskurs über die künftige Richtung des Urbanismus äußert sich in der Öffentlichkeit ganz unterschiedlich – zwei voneinander unabhängige Sprechweisen fallen ins Auge. Die Protagonisten des konzeptuellen Diskurses vermitteln ihr Anliegen gern in Metaphern, die im Fran-zösischen schlüssig wirken, bei ihrer Übersetzung in andere Sprachen manchmal aber etwas esoterisch erscheinen mögen. Die administrative Planung hingegen arbeitet gern mit enigmatischen Akronymen, hinter denen sich manchmal überraschend experimentelle Instrumente verbergen – auch solche, die die komplexen Ebenen der Raumplanung transversal verbinden. Die Stärke des französischen Systems liegt nun darin, immer wieder Übergänge zwischen diesen Diskursen zu schaffen, wie etwa bei den Planungstools der „Verträge zur räumlichen Entwicklung“ (frz. Contrat de développement territorial) zur Umsetzung der Ideen von „Grand Paris“ (Heft 24/2009) sichtbar wurde oder jetzt beim Gutachterwettbewerb „Quartiers de demain“ deutlich wird.
Von der Ingenieurin zur Urbanistin
Dass Stadtdenken und Stadtmachen ineinandergreifen, zeigt sich in der Forschung und Lehre der zur Urbanistin gewordenen Ingenieurin Sabine Barles. Zentral für ihre Arbeit ist der Begriff des „urbanen Metabolismus“, also das Nachdenken über die materiellen Stoffströme der Stadt, für den sie 2025 mit dem Grand Prix de l’urbanisme ausgezeichnet wurde. Mit diesem Konzept geht es ihr jedoch nicht darum, eine weitere Metapher in die ohnehin dichte französische Theoriesprache einzuführen. Ihr Ziel ist es, einen Begriff mit langer wissenschaftlicher und gesellschaftstheoretischer Tradition für Forschung, Politik und Planung neu nutzbar zu machen. Der Metabolismus wurde in Frankreich Mitte des 19. Jahrhunderts aus dem Deutschen übernommen, wo ihn der Chemiker Justus von Liebig geprägt hatte. Er verbreitete sich rasch über die Naturwissenschaften hinaus bis in die Gesellschaftstheorie, wo auch Karl Marx vom „Stoffwechsel“ zwischen Mensch und Natur beziehungsweise dessen Bruch spricht.
Ein Begriff für wechselseitige Abhängigkeiten
Nachdem die Aufmerksamkeit für Ressourcenkreisläufe und Wiederverwertung mit der Industrialisierung zunehmend verschwand, wurde der Metabolismus ab den 1960er Jahren erneut aufgegriffen, parallel zu den japanischen Metabolisten – dort allerdings stärker als Wachstumsmetapher. In der Umweltforschung hingegen diente der Begriff zunehmend der Analyse von Stoffströmen und territorialen Abhängigkeiten. Ab den 2000er Jahren etablierte sich der urbane Metabolismus schließlich auch in Forschung und Kreislaufwirtschaftspolitik, etwa über Materialflussbilanzen, die die materiellen Beziehungen eines Territoriums über dessen Inputs und Outputs sichtbar machen. Ein zentrales Ergebnis dieser Analysen ist die enorme Bedeutung des physischen Bestands von Städten und urbanen Landschaften, deren Gebäude und Infrastrukturen mittlerweile auf planetarer Ebene ein größeres Gewicht haben als die pflanzliche Biomasse.
Dies verweist auf die enorme materielle Dynamik des Bauens: Nach Wasser stellen Baumaterialien den größten stofflichen Strom moderner Gesellschaften dar. Gleichzeitig zeigen die heutigen Bilanzen, dass Recycling im Verhältnis zum materiellen Gesamtverbrauch von Städten immer noch vergleichsweise marginal bleibt. Für Sabine Barles wird damit letztlich weniger die Kreislaufwirtschaft als vielmehr die Frage einer wirklichen Ressourcensuffizienz – also „weniger ist mehr“ oder „mit dem arbeiten, was da ist“ – entscheidend. Damit wird der Blick auf jene materiellen Tiefenschichten der Stadt gelenkt, die der moderne Städtebau lange Zeit ausgeblendet hat. Diese Perspektive präzisiert Barles auch in „Rendre visible l’invisible“, dem begleitenden Buch zum Grand Prix de l’urbanisme 2025. Darin formuliert sie vier Leitprinzipien:
1. Vom Objekt zum Fluss
Barles schlägt vor, Quartiere nicht länger primär als Ansammlung von Gebäuden, Straßen und Funktionen zu begreifen, sondern als Material- und Energieströme. Die ökologische Transformation peripherer Wohngebiete beginnt damit weniger bei Fassaden oder Typologien als bei der Frage, wie Wasser, Energie und Abfall im Alltag zirkulieren – also geliefert, gespeichert und verbraucht werden. Exemplarisch zeigt dies das Projekt „Cycle Terre“ in Sevran an einer Station des Grand Paris Express, der neuen großen Metrolinien um Paris. Dort wird das Aushubmaterial des Metrobaus, bei dem insgesamt rund 43 Millionen Tonnen Erde anfallen sollen, lokal zu Lehmbaustoffen – auch für die Produktion von Wohnhäusern und Indus-triebauten – weiterverarbeitet. Es ist ein vorbildliches Projekt für Suffizienz, weil Transportwege minimiert und Primärrohstoffe ersetzt werden und Energie gespart wird (ungebrannte Lehmsteine benötigen nur einen Bruchteil der Energie, die für das Brennen von Ziegeln oder für die Zementherstellung gebraucht wird). Allerdings musste die innovative Fabrik zwischenzeitlich wegen finanzieller Engpässe schließen. Inzwischen wurde sie mit neuen Partnern wieder geöffnet.
2. Das Unsichtbare sichtbar machen
Kanalisation, Stromnetze, Abfalllogistik oder Wasseraufbereitung bestimmen wesentlich die ökologische Bilanz eines Quartiers, werden räumlich jedoch meist ausgelagert und geraten damit aus dem kollektiven Bewusstsein. Im entstehenden Pariser Quartier Saint-Vincent-de-Paul auf einem ehemaligen 3,4 Hektar großen Krankenhausareal werden diese Fragen über ein weitreichendes ökologisches Programm verhandelt, das Wiederverwendung von Bestandsgebäuden und Materialien, Bodenregeneration, Energieeinsparung und lokale Stoffkreisläufe miteinander verbindet. Besonders die geplante Rückgewinnung der geschätzten 2000 Liter Urin, die täglich in den geplanten 600 Wohnungen anfallen sollen, gilt dabei als ei-ner der bislang ambitioniertesten Versuche, Stickstoff und Phosphor zurückzugewinnen und erneut als Dünger in lokale Stoffkreisläufe einzuspeisen.
3. Bruch mit der administrativen Grenze
Für Barles kann kein Quartier, wenn man es nur isoliert betrachtet, nachhaltig sein. Urbane Räume bleiben von Ressourcen wie Energie, Nahrung oder Arbeitskräften abhängig, die außerhalb ihrer administrativen Grenzen liegen. Planung muss diese gegenseitigen Flüsse zwischen Stadt und Land nicht nur anerkennen, sondern die „bioregionale“ Einbettung eines Territoriums physisch wiederherstellen. Wohngebiete könnten dabei zu Schnittstellen zwischen urbanen und landwirtschaftlichen Räumen werden. Projekte und Studien im Umfeld des Gutachterverfahrens „Quartiers de demain“ oder Barles’ metabolische Analysen der Pariser Metropole im Maßstab des Seine-Beckens betrachten Wasser, Ernährung, Mobilität und Bodenfragen nicht mehr getrennt nach Verwaltungsgrenzen, sondern als zusammenhängende territoriale Systeme.
4. Materialität ernst nehmen
Barles kritisiert eine oft zu abstrakt konzipierte Stadtplanung. Sie fordert gerade für periphere Gebiete, die „Bodenhaftung“ zurückzugewinnen. Das bedeutet, die Struktur „lebendiger Böden“ zu erhalten und Flächen zu entsiegeln, statt ausschließlich auf technische Lösungen zu setzen. Besonders der Boden gewinnt dabei wieder eine zentrale Bedeutung, was sich übrigens auch in den Themenfeldern des europaweiten Wettbewerbs für junge Planerinnen und Planer, Europan 18, widerspiegelte, der dazu aufforderte, urbane Entwicklung aus den natürlichen Eigenschaften und biolo-gischen Potenzialen eines Ortes heraus neu zu denken. Böden werden dabei nicht länger als bloßer Baugrund verstanden, sondern als Ausgangspunkt betrachtet, der neue ökologische und soziale Beziehungen hervorbringen kann.
Die im Kontext metabolischer Forschung entwickelten Szenarien von Bar-les zeigen, dass eine deutliche Reduktion von Energie- und Ressourcenverbrauch möglich ist, ohne dabei in vormoderne Lebensbedingungen zurückzufallen. Barles spricht vom Ziel einer „freudigen Genügsamkeit“ (sobriété heureuse), also einer Form von Suffizienz, die nicht als Verzichtsdoktrin oder bestrafende Ökologie wahrgenommen wird, sondern als Möglichkeit eines ressourcenärmeren und zugleich lebenswerten Alltags. Eine solche Transformation setzt kollektive Debatten und demokratische Entscheidungen voraus.

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