Aufbruch jenseits der Metropole
Frankreich entdeckt seine Peripherien: die lange vernachlässigten ländlichen Regionen im Schatten der Metropolen, die in die Jahre gekommenen Großsiedlungen der Vorstädte und durch den Wandel verwaiste Industriestandorte. Mit einer ökologisch-sozialen Transformation, angestoßen von Stadtplanerinnen, Architekten und Landschaftsarchitekturbüros, sollen dort neue Modelle des Zusammenlebens entstehen. Den Peripherien kommt so zunehmend die Rolle von Laboratorien künftiger Entwicklungen zu.
Text: Geipel, Kaye, Berlin
Aufbruch jenseits der Metropole
Frankreich entdeckt seine Peripherien: die lange vernachlässigten ländlichen Regionen im Schatten der Metropolen, die in die Jahre gekommenen Großsiedlungen der Vorstädte und durch den Wandel verwaiste Industriestandorte. Mit einer ökologisch-sozialen Transformation, angestoßen von Stadtplanerinnen, Architekten und Landschaftsarchitekturbüros, sollen dort neue Modelle des Zusammenlebens entstehen. Den Peripherien kommt so zunehmend die Rolle von Laboratorien künftiger Entwicklungen zu.
Text: Geipel, Kaye, Berlin
Es war, als würde im Theater das falsche Bühnenbild erscheinen: Im Winter 2018 wurde in Frankreich der „rond-point“, der Kreisverkehr, zu einem Schauplatz der nationalen Abendnachrichten. An vielen dieser ronds-points errichteten die in gelbe Neonwesten gehüllten Protestierenden Zelte und improvisierte Hütten. Ausgestattet mit Schlafsäcken und Thermoskannen, blockierten sie den Verkehr, diskutierten mit Vorbeifahrenden wie mit Journalisten über Benzinpreise und die Nichtexistenz ihrer Interessen in der Politik und entdeckten schließlich auch eine andere Form kommunaler Gemeinsamkeit.
Etwa 70.000 dieser Kreisel gibt es in Frankreich – mehr als in jedem anderen Land. Der Kreisverkehr stellte über Monate hinweg das Zentrum des ländlichen und kleinstädtischen Lebens dar. Gab es eine unpassendere Wahl als diesen Ort? Nein, der rond-point war klug gewählt! Hier, im Vorbeifahren in ihren Autos, konnte man den Nachbarn noch begegnen. In vielen französischen Gemeinden sind die Dorfkerne, die „bourgs“, längst verödet. Ähnliches gilt für die Ladenzonen der Siedlungen. Die örtliche Bäckerei hat aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen, die Kneipe ist ebenfalls zu, und das Postamt existiert nur noch als Stand am Eingang des „Carrefour“, einer der großen Supermarkt-Ketten. Die wenigen verbliebenen Formen des öffentlichen Lebens haben sich an die Ränder der Supermarktlandschaften verschoben.
Abgehängte Ränder, vergessene Territorien
In Frankreich wird der Streit über die Ursachen für das Absterben ländlicher Regionen und urbaner Peripherien, die keine Ortszentren mehr haben, seit mehr als 15 Jahren geführt. Der Journalist Xavier de Jarcy sah bereits 2010 das Land schäbig und marode werden. Das Wort des hässlichen Frankreichs – la France moche – machte die Runde. Zunächst ging es um die visuelle Zerstörung durch die Einfamilienhausteppiche, dann rückte die soziale Ausgrenzung ins Blickfeld. Autoren wie Christophe Guilluy und Benoît Coquard kritisierten die nationale Politik, die nur die großen Städte im Auge hatte und das „periphere Frankreich“ verkümmern ließ1. In häufig zitierten Studien beschreiben sie Orte, an denen die Menschen zu weit weg von den Metropolen wohnen, um noch von deren Infrastruktur zu profitieren, aber gleichzeitig nah genug, um unter den Folgen hoher Lebenshaltungskosten und sozialer Isolation zu leiden. Sie beschreiben zersplitterte Siedlungsflächen ohne öffentliche Infrastruktur, in denen Begegnung immer seltener wird. Die zugespitzte Gegenüberstellung von elitären Metropolen und abgehängten peripheren Lebens-orten kennzeichnet ihre Kritik – sie wurde dann von den rechten Parteien schnell übernommen.
Konzepte für „La France péripherique“
Die Diagnose der „vergessenen Landschaften“ wird in Frankreich auch von engagierten Ökonomen wie Pierre Veltz und von Stadtplanerinnen und Stadtplanern wie Ariella Masboungi und Guillaume Hébert geteilt2. Die Raumpolitik habe zu lange am Primat der motorisierten Stadtplanung festgehalten und der Fragmentierung der Räume und einer Entstehung von Geographien der Isolation zugesehen. Zudem würden die wirtschaftlichen Modelle einer Dorf- und Stadtkern-Reaktivierung nur solange funktionieren, wie die Subventionen fließen – die blaue Flagge der EU an restaurierten historischen Gebäuden ist allen bekannt.
Für die Bewohnerinnen und Bewohner der dünn besiedelten Räume kommt heute eine stille Form der Enteignung hinzu. Investoren entdecken die offenen Landschaften als Ressource: Energieparks, Logistikflächen, industrielle Landwirtschaft, seltene Erden oder schnell wachsende Holzplantagen verändern die Territorien, ohne dass deren Bevölkerung davon unmittelbar profitiert. Vom Lamentieren über Fehler der Vergangenheit halten die genannten Planer nichts. Sie sprechen lieber von den notwendigen Weichenstellungen, die im Rahmen der ökologischen Transformation betätigt werden müssen. An die Stelle der klassischen Stadt-Land-Dialektik treten zunehmend urbanisierte Landschaften unterschiedlichster Dichte.
Doch woher kommt das Know-how für diese Veränderung? Welche Voraussetzungen sind notwendig, damit die vergessenen Landschaften selbst Motor einer ökologisch-sozialen Veränderung werden und dabei auch neue kommunale Begegnungsräume für ihre Bewohner integrieren können? Mehrere französische Architekturschulen haben ihre Ausbildung längst neu ausgerichtet: weg vom ausschließlichen Fokus auf die Metropole, hin zu Fragen klimaangepasster Ruralität, agro-urbaner Produktionsformen und kooperativer Territorialentwicklung. So ist die École Nationale Supérieure d’Architecture (ENSA) in Clermont-Ferrand Pionierin der kooperativen Reaktivierung ländlicher Zentren; die ENSA in Nancy organisiert Reallabore für Wohnquartiere im Osten Frankreichs, die vom industriellen Niedergang betroffen sind, und die ENSA in Paris-Val de Seine bie-tet einen Master an, der Studierende explizit auf die Arbeit in „diversen Territorien“ jenseits klassischer Stadtzentren vorbereitet. Auch Konzepte der temporären Besetzung, einer „occupation transitoire“, wie sie heute von Kollektiven wie „Yes We Camp“ praktiziert werden, um leerstehende Zentren wiederzubeleben, gehören zum Lehrprogramm.
Quartier der Zukunft
Um die Transformation der „vergessenen Territorien“ zu schultern, braucht es einen Paradigmenwechsel, der Jahrzehnte beanspruchen wird. Dieses Heft konzentriert sich auf den etwas kleineren und unmittelbaren Maßstab, auf die peripheren Quartiere und die Neuerfindung lokaler Zentren des Alltags. Es setzt den Fokus auf zukunftsbezogene Lebensmodelle auch in dünner besiedelten Räumen und Siedlungen; kurz, es blickt auf den Alltag seiner Bewohnerinnen und Bewohner mit einem Fokus, der vor zehn Jahren aus der Perspektive der Stadt noch mit dem Begriff der „15-Minuten-Stadt“ bedacht worden war, für die Landbewohner aber immer schon deplatziert wirkte. Ob der neutralere Begriff „Quartier der Zukunft“ die Bedürfnisse nach reaktivierten dörflichen und kleinstädtischen Mitten und „mehr Heimat“ genauer fassen kann, ist heute Teil der fachlichen Debatte – in Frankreich ist er ein Terminus mit einer zwanzigjährigen Vergangenheit.
Als großes nationales Planungsobjekt der urbanen und ländlichen Modernisierung rückte er Anfang der 2000er Jahre in Form der „Ökoquartiere“ ins öffentliche Bewusstsein. Lustigerweise hat es damit eine deutsche Bewandnis, denn als Anfang 2000 die französische Förderkulisse für die „Écoquartiers“ entwickelt wurde, begann dies mit einer Besichtigung in Freiburg-Vauban. Nach mehreren Reisen französischer Delegationen in das ökologische Vorbild-Quartier auf dem ehemaligen Kasernengelände der französischen Streitkräfte entstand die Vorstellung, die künftige Stadtentwicklung auch als räumliches Gesellschaftsmodell zu begreifen: mit kurzen Wegen und einem gemeinschaftlich geplanten Energiekonzept, mit durchmischten Typologien und öffentlichen Räumen, die weniger vom Verkehr als von Formen des Zusammenlebens bestimmt sind. Seit 2008 gibt es die Initiative der Écoquartiers, seit 2012 ist sie ein nationales Label.
Inzwischen sind über 500 Quartiere in das Verfahren aufgenommen worden, 270.000 Wohnungen entstanden neu oder wurden erneuert, über die Hälfte davon im sozialen Wohnungsbau. Blickt man von außen auf die-se Fülle, so ist unübersehbar, dass sich der Schwerpunkt der Programme in den letzten Jahren verschoben hat: weg von den Zentren, hin zu den fragmentierten Räumen, die lange als besonders schwierig galten – gealterte Großsiedlungen, infrastrukturell zerschnittene Vorstadtlandschaften und funktionslose Industriestandorte. So versucht das interkommunale Projekt der Union im Nordosten von Lille, an den Grenzen von Roubaix, Tourcoing und Wattrelos, aus ehemaligen Textilbrachen und Verkehrsräumen eine neue Landschaft der Nachbarschaften zu entwickeln. Die insgesamt achtzig Hektar große Intervention umfasst langgestreckte Grünräume, die manchmal nur so schmal wie ein Trampelpfad sein können, Hauptsache sie verbinden, integriert eine Vielzahl neuer Werkstätten und Gewerbebauten, arbeitet mit produktiven Erdgeschossen und siedelt neue ökologische Wohnformen an.
Ähnlich wird in Clermont-Ferrand das Quartier Saint-Jean aus den funktionalistischen Strukturen einer ehemaligen Schlachterei heraus zu einem offenen Stadtteil mit Gärten und kleinteiligen Wegen umgebaut. In Loos-en-Gohelle wiederum dienen die Relikte des Bergbaus nicht mehr nur als Erinnerung an den industriellen Niedergang, sondern als Gerüst für ein Quartier, das die alte Bausubstanz als Ausgangspunkt hat.
Die veränderte Rolle der Architekturbüros
Die 2023 vom französischen Staat mit großem publizistischem Wirbel gestartete Consultation „Quartiers de demain“ ist Indiz für einen Perspektivwechsel innerhalb der französischen Planungskultur. Zehn Standorte in kleineren, abgelegenen Gemeinden ebenso wie in randständigen Siedlungen der 60er Jahre wurden ausgewählt, um Modelle für eine ökologische und soziale Transformation jenseits der Metropolen zu entwickeln – verbunden mit der Zusage, die prämierten Konzepte umzusetzen. Ein Perspektivwechsel ist dies insofern, als die peripheren Landschaften nicht länger als defizitäre Räume verstanden werden, die sich – salopp formuliert – an die Standards der Großstädte anpassen müssen, sondern umgekehrt selbst zu Vorbild-Laboratorien neuer räumlicher Praktiken werden.
Diese Neuausrichtung profitiert davon, dass viele der prämierten und jetzt involvierten Architekturbüros seit Jahren fern der architektonischen Hauptbühnen an einer Transformation fragmentierter Alltagsräume arbeiten. Büros wie Atelier Montrouge, GENS, BAST oder die auch in der Lehre engagierten Simon Teyssou und Paola Viganò interessieren sich für die geduldige Reaktivierung vorhandener Strukturen: leerstehende Hauszeilen, überdimensionierte Verkehrsflächen, verlassene Bahnhofsareale, ehemalige Landwirtschaftsbauten oder vernachlässigte Dorfmitten. Ihre Projekte entstehen häufig mit äußerst begrenzten Budgets und in direkter Zusammenarbeit mit Bewohnern, Kommunen und Eigentümern. Architektur versteht sich hier als eine aus dem Vorhandenen entwickelte Gestaltfindung ebenso wie eine Neuorganisation sozialer, räumlicher und wirtschaft-licher Beziehungen, die in dieser Form dann ihren Ausdruck findet. Hinzu kommt die ökologische Reaktivierung von Böden und Wasserläufen und dort, wo es sich machen lässt, der Einsatz von Lehm, Holz und Rezyklaten. Damit verbinden sich CO2-Reduktion, lokale Wertschöpfung und eine neue Form territorialer Identifikation. Entscheidend für die Akzeptanz die-ser Projekte bleibt jedoch eine Art „Phase 0“ der gemeinsamen Programmierung, mit dem Ziel, an die Stelle fragmentierter Räume wieder „Systeme der Nähe“ zu setzen.
Peripherien – keine Nachzügler mehr
Damit dies gelingt, braucht es auch wirtschaftlich neue Konzepte. Der einflussreiche Wirtschaftssoziologe Pierre Veltz argumentiert seit langem – besonders in „La France des territoires, défis et promesses“ – gegen die Vorstellung, schwächer verdichtete Räume könnten allein durch industri-elle Ansiedlungen oder klassische Infrastrukturpolitik revitalisiert werden. Entscheidend seien lokale Kooperationsmilieus, neue Verbindungen zwischen Produktion, Dienstleistung und Alltag sowie die Fähigkeit der Territorien, anhand regionaler Zentralitäten eigene Wissensnetzwerke und komplementäre Ökonomien auszubilden.
Vielleicht liegt die über Frankreich hinausreichende Lehre der gegenwärtigen Debatte darin, dass sie anhand zahlreicher realisierter Projekte und architektonisch herausragender Praktiken trotz populistischem Gegenwind an einem Zukunftsbild festhält. Sie macht dabei auch deutlich, wie sehr die Gegenüberstellung von dynamischer Metropole und abgehängtem Land, dem mit „Akupunkturen“ geholfen wird, längst ins Leere läuft.
Viele der Ansätze, die wir in diesem Heft zeigen, galten dem metropolitan geprägten Architekturdiskurs lange als nicht „glossy“ genug. Ihre Sichtbarkeit braucht den zweiten Blick. Sie setzen nicht auf die singuläre Transformation, sondern auf transversale Formen des Entwerfens, die ökologische, soziale und infrastrukturelle Fragestellungen zugleich bearbeiten, häufig in Reallaboren zusammen mit der Bevölkerung. Welche Projektform dann in Angriff genommen wird – der Umbau der Dorfstraße mit Schaufensterfunktion zweier Handwerksbetriebe, die multifunktionale Reaktivierung eines verlassenen Cafe-Tabac, wie sie das Programm „1000 Cafés“ inzwischen fördert, oder die ökologische Einbindung des verschütteten Flusslaufs in das Quartierszentrum – ist Teil dieses Entwurfsprozesses.
Frankreich entdeckt seine Ränder heute nicht aus einem romantischen Aufbruch heraus, sondern weil sich die Krisen der Gegenwart – Energie, Mobilität, Versorgung, Bodenverbrauch, Alterung, Isolation oder Ressourcenknappheit – an diesen Rändern wie un-ter dem Brennglas überlagern. Die französischen Peripherien – wenn man sie so pauschal bezeichnen will – erscheinen inzwischen weniger als die verspäteten Nachzügler der Urbanisierung, sondern als jene Räume, in denen sich die urbanen und architektonischen Modelle der Zukunft unter verschärften Bedingungen herausbilden.
1 Christophe Guilluy „La France périphérique“ und Benoît Coquard „Ceux qui restent“ (verifizierte Feldstudie in den ländlichen Gebieten Ostfranreichs, beschreibt das Sterben von Fabriken, Kneipen, Vereinen. Coquard war acht Jahre in diesen Regionen. Auch schön: Eric Charmes und seine Untersuchung der „zersplitterten Stadt“, die er als „Dorf-Einfamilienhaus“, als „La ville émiettée“ bezeichnet.
2 Ariella Masboungi, Guillaume Herbert, „Les territoires oubliés“, 2024, Editions Le Moniteur







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