Vom Spiel der Baukörper mit dem Licht
2021 ist Beuys-Jahr, in Berlin ist Werner-Düttmann-Jahr. Anlässlich des 100. Geburtstags des Architekten konzipierte das Brücke Museum verschiedene Ausstellungen
Text: Gleiniger, Andrea, Zürich
Vom Spiel der Baukörper mit dem Licht
2021 ist Beuys-Jahr, in Berlin ist Werner-Düttmann-Jahr. Anlässlich des 100. Geburtstags des Architekten konzipierte das Brücke Museum verschiedene Ausstellungen
Text: Gleiniger, Andrea, Zürich
Der spätmodernen Architektur der Nachkriegszeit ist mitnichten alles gelungen. Vieles ist sogar ziemlich daneben gegangen. Die Hochrechnung der in den 1920er Jahren ersonnenen Parameter für einen menschenfreundlicheren Architektur- und Stadtentwurf auf die Umstände der Nachkriegszeit war eine Herausforderung. Der Maßstabssprung, sowohl was die schiere Größenordnung als auch die bauwirtschaftliche Verwertungsdynamik anbelangte, ist vielen mit guten Absichten ersonnenen Projekten nicht bekommen. Zeitweise hat er gravierende soziale und infrastrukturelle Probleme hervorgebracht und ließ allen voran die Großsiedlungen oft erst Jahrzehnte später in gnädigerem Licht erscheinen. Das seit 1962 von Werner Düttmann, der 1960, noch keine vierzig Jahre alt, sein Amt als ehrgeiziger und charismatischer Senatsbaudirektor antrat, gemeinsam mit Christian Müller, Georg Heinrichs und Karl Fleig geplante und seit Ende der 1960er Jahre dann realisierte Märkische Viertel im Norden West-Berlins − damals unmittelbar an der Sektorengrenze gelegen − ist dafür ein Paradebeispiel. Mit nahezu 18.000 Wohnungen und Einfamilienhäusern war es nicht nur zeitweise das umfangreichste Großsiedlungsprojekt Westdeutschlands, es teilte auch, vor allem in seinen Anfängen, das Schicksal all jener auf die grünen, nicht selten „jungfräulich“ genannten Wiesen gestemmten Stadterweiterungsprojekte, die sich ihre Funktionstüchtigkeit und Akzeptanz, also all das, was gewachsene Quartiere auszeichnet, erst über Jahrzehnte erarbeiten mussten. Vorzugsweise mithilfe von Bewohnern und Bewohnerinnen, die ihnen dauerhaft und gegen alle Widrigkeiten die Treue hielten.
In den 80er Jahren wurde das Märkische Viertel auch zu einem der Paradebeispiele für das – wie es schien umfassende − Versagen der Mesalliance zwischen ambitionierten wohnungspolitischen Absichten und handfesten ökonomischen Interessen, das als „Bauwirtschaftsfunktionalismus“ Architekturgeschichte schrieb. Wer damals Märkisches Viertel sagte, meinte eigentlich Misere.
Anderes jedoch gelang in vorzüglicher Weise. Nicht zuletzt das Brücke-Museum, das Düttmann auf Initiative und in enger Kooperation mit Karl Schmidt-Rottluff zwischen 1964 und 1967 in unmittelbarer Nachbarschaft zum ehemaligen Atelier von Arno Breker in Berlin-Dahlem realisierte, und das nun das Zentrum der Ausstellungsaktivitäten anlässlich des 100. Geburtstags des Architekten dar- und sein überwiegend in West-Berlin verortetes Lebenswerk ausstellt: 37 realisierte Projekte, die nicht nur die Stadt in den 50er und 60er Jahre wesentlich geprägt haben, sondern – so lässt sich vermuten − auch umgekehrt erst in dieser absolut singulären West-Berliner Situation möglich gemacht wurden. Es scheint, als konnte Düttmann − der nach seiner Rückkehr aus britischer Kriegsgefangenschaft sein während des Krieges begonnenes Architekturstudium u.a bei Hans Scharoun auffrischte und abschloß − hier alles zeigen, was in ihm steckte. Eine Konstellation mit Seltenheitswert, die der Architekt und Stadtplaner in bemerkenswerter Weise zu nutzen wusste: Mit einer steilen Karriere in der Bauverwaltung, die ihn 1961 als Senatsbaudirektor an ihre Spitze beförderte (bis 1966), seiner 1950 begonnenen Karriere als freier Architekt, die er kontinuierlich und offensiv ungeachtet seiner offiziellen Funktionen bis zu seinem frühen Tod 1983 betrieb, seine Tätigkeit als Professor an der TU Berlin (1964−70) und sozusagen als Sahnehäubchen einer Art künstlerisch-intellektueller Deutungsmacht, die man der Funktion des Direktors der Sektion Baukunst, resp. Präsidenten der Akademie der Künste (ab 1967) wohl unterstellen darf.
Kann man sich da nicht lebhaft vorstellen, wie der, im übrigen auch menschlich, allseits geschätzte Mann alle Fäden in der Hand hielt (was ihn gelegentlich auch im Zwielicht der Kumpanei erscheinen ließ)?
Gleichzeitig erarbeitet er sich Projekt für Projekt eine architektonisch-künstlerische Akzeptanz. Ein erster Höhepunkt ist (nach einem Anfang der 50er Jahre im Wedding realisierten Seniorenheim und der aparten Verkehrskanzel am Joachimsthaler Platz) die Bibliothek (samt U-Bahnhof) für die damals wohl programmatischste Demonstration eines Städtebaus westlicher, „demokratischer“ Prägung: das Hansaviertel. Der 1956 /57 realisierten Hansabücherei folgte wenig später nur wenige Schritte entfernt, der Neubau für den Sitz der Akademie der Künste. Luzide Bauten, ernst und durchlässig zugleich, zugänglich und umgänglich für die Menschen, die sie nutzen, für das Licht, dass sie durchdringt und erhellt, und den Raum – sei es nun die städtische Natur oder die umgebende Bebauung oder beides.
Beide Orte sind Satelliten der Ausstellung, die vom Brücke-Museum ausgehend von der Stadt Besitz ergreift; nicht nur als die gebauten Architekturen, die sie sind, sondern auch als Ausstellungsstationen, an denen die im Museum angelegte Übersicht thematisch weitergesponnen wird. Deshalb begegnet man seit dem 6. März, seinem Geburtstag, auch allenthalben großformatigen Schildern, die diese Orte und Bauwerke nun für eine Zeit aus ihrer Umgebung hervorheben und als die gebauten Exponate der Ausstellung identifizieren: den Ernst-Reuter-Platz etwa oder die Kreuzberger Kirche St. Agnes (1964−67), die heute von der König Galerie genutzt wird, die markante Bebauung am Mehringplatz, Bekanntes und Unscheinbares (wie ein Buswartehäuschen), Gelungenes und weniger Gelungenes. Und immer wieder Wohnungen und Häuser, über deren Nutzung und Erleben ihre Bewohner und Bewohnerinnen nach wie vor ins Schwärmen geraten. Düttmanns Aufmerksamkeit für Material und Proportion, für Licht und Farbe war Teil seiner feinsinnigen Arbeit am Raum, dessen Abstraktheit in seiner sinnlichen Verarbeitung zu einer konkreten Erfahrung wurde, die bis heute wirkt.
Angesichts der derzeit erschwerten Bedingungen zahlt sich nun aus, dass die Ausstellung einem von der Pandemie gänzlich unabhängigen Einfall folgend in drei verschiedenen Dimensionen stattfindet: In der Stadt mit ihren gebauten Objekten, in den thematischen Versuchsanordnungen des Museums und seiner temporären Außenstationen und auf einer dem Architekten gewidmeten Webseite, durch die sich das gesamte Westberliner Düttmann-Universum umfassend erschließt.
Diese Webseite wird mit einer Sequenz eröffnet, die einem im Winter 1960 entstandenen Film entstammt. Da kurvt der frisch gebackene Senatsbaudirektor im offenen Cabrio gemeinsam mit Thilo Koch, einem renommierten Journalisten und Dokumentarfilmer seiner Zeit, bei winterlicher Witterung durch West-Berlin, vorzugsweise dort, wo sich die Anfänge der von ihm favorisierten autogerechten Stadt schon realisiert haben. Ob er dieses Leitbild noch einmal überdacht hätte, wenn er länger gelebt hätte? Für Kreuzberg waren ihm – ganz im Sinne des Zeitgeistes – vor allem Flächensanierungen eingefallen, auch wenn er sich an einer Initiative zur „Rettung des Stuck“beteiligte. Stadtreparatur war später. Doch dass Werner Düttmann es – jenseits aller zeitgeistigen Prioritäten und Forderungen des Tages – in seinen (Wohn-)Bauten immer wieder verstand, eine ebenso essentielle wie existentielle Poetik des Raumes zu realisieren, zeigt dieser Einblick in sein Werk in eindrucksvoller Weise.






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