Keine Stadt ohne Staat
Ein privater Ideenwettbewerb will Rom neu denken. Doch die entscheidende Frage lautet nicht, wie Rom in Zukunft aussehen soll, sondern wer darüber entscheidet.
Text: Leonardo Costadura, Rom
Keine Stadt ohne Staat
Ein privater Ideenwettbewerb will Rom neu denken. Doch die entscheidende Frage lautet nicht, wie Rom in Zukunft aussehen soll, sondern wer darüber entscheidet.
Text: Leonardo Costadura, Rom
Als Helmut Schmidt 1980 sagte: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“, erteilte er Vorstellungen von einer anderen Wirtschaftsform als der des neoliberalen Kapitalismus eine Absage. „There is no alternative“ war die allgemeine Losung. Flankierend verwendet der neoliberale PR-Sprech bis heute das Wort „Vision“ derart exzessiv, dass es seine Bedeutung eingebüßt hat. Echte Visionen einer besseren Zukunft sind Mangelware, aber das fällt kaum auf, da das Wort in aller Munde ist. So fügt sich die „Vision for Rome“, ein internationaler Ideenwettbewerb zur Zukunft der italienischen Hauptstadt, gut in die Welt einer halluzinierenden Ökonomie ein, in der zumal im Bausektor grandiose Ankündigungen oft mickrige Ergebnisse zeitigen.
Ausgelobt wurde der offene Wettbewerb, an dem 35 Teams teilnahmen, von der Fondazione Roma REgeneration, die von einer Handvoll Immobilien- und Investmentfonds sowie weiteren Akteuren aus dem privaten wie öffentlichen Sektor gegründet wurde. Am Beispiel dieses Ideenwettbewerbs lässt sich zeigen, wie der Privatsektor in den letzten Jahrzehnten nicht nur eine Hegemonie über die Eigentumsverhältnisse in den Städten erlangt hat, sondern auch eine Deutungshoheit über ihre Zukunft. In Rom werden wie in vielen anderen Städten die Konsequenzen dieser Vormachtstellung schmerzhaft sichtbar, aktuell ausgetragene Konflikte zeigen aber auch, dass es einen anderen Weg geben kann.
Mitte Mai wurde zusammen mit den anderen fünf Finalisten der Siegerentwurf von „Vision for Rome“ vorgestellt, den ein großes Team bestehend aus OMA, IT’S, OKRA und NET Mobility lieferte. Der Titel „Roma Continua“ ist eine gelehrte Bezugnahme auf die vom ersten kommunistischen Bürgermeister Roms, Giulio Carlo Argan, 1978 ins Leben gerufene Ausstellung „Roma Interrotta“, in der damalige Protagonisten der architektonischen Postmoderne wie James Stirling, Paolo Portoghesi, Robert Venturi, Colin Rowe, die Krier-Brüder sowie Aldo Rossi ausgehend vom Rom-Plan Giambattista Nollis von 1748 ihre „Visionen“ von Rom präsentierten. Ähnlich wie damals ist die Prämisse von „Roma Continua“: vom Bestand auszugehen und eine weitere Expansion der gebauten Stadt in Frage zu stellen.
Das siegreiche Team ordnet das urbanistische Durcheinander Roms mithilfe von mehreren Makrostrukturen. Einerseits sind da der Tiber und seine Zuflüsse sowie weitere Grünzüge, wie zum Beispiel der Park der Via Appia Antica. Andererseits die konzentrischen Verkehrssysteme des Autobahnrings und des nicht fertiggestellten Eisenbahnrings. An den Schnittstellen beider Systeme sollen fünf Mobility-Hubs, „Foren“ genannt, entstehen. Ihre Aufgabe ist, die Ströme umzuverteilen und die Touristen aus dem überfüllten Zentrum hinaus in die Umgebung zu weniger bekannten Attraktionen zu leiten.
Geschäfte machen…
Die Vorschläge des internationalen Teams sind begrüßenswert. Würden sie zur Umsetzung gelangen, stellte das sicherlich eine deutliche Besserung der städtebaulichen Situation Roms dar. Es gibt jedoch ein Kernproblem, ohne dessen Lösung kein grünes Gras wachsen kann. Stadtentwicklung muss wieder eine hoheitliche Aufgabe sein. Denn andernfalls werden keine Städte entwickelt, sondern nur business opportunities. Es lohnt sich, den Ideenwettbewerb aus dieser Perspektive zu betrachten, denn die jüngere Entwicklung Roms ist ein Fall unter vielen, die dies zeigen.
Die Vorschläge des internationalen Teams sind begrüßenswert. Würden sie zur Umsetzung gelangen, stellte das sicherlich eine deutliche Besserung der städtebaulichen Situation Roms dar. Es gibt jedoch ein Kernproblem, ohne dessen Lösung kein grünes Gras wachsen kann. Stadtentwicklung muss wieder eine hoheitliche Aufgabe sein. Denn andernfalls werden keine Städte entwickelt, sondern nur business opportunities. Es lohnt sich, den Ideenwettbewerb aus dieser Perspektive zu betrachten, denn die jüngere Entwicklung Roms ist ein Fall unter vielen, die dies zeigen.
Das Trauerspiel um die ehemaligen Großmarkthallen an der Via Ostiense illustriert das Problem mustergültig. Anfang der 2000er wurde der zentrumsnahe Betrieb eingestellt und in einen Vorort verlagert. Für die Nachnutzung des neun Hektar großen Areals, das öffentliches Eigentum ist, erlangte die Stadt 2006 eine Einigung mit einem Investor. 15 Jahre später war nichts geschehen, nur die veranschlagten Kosten für die Neugestaltung des Geländes hatten sich fast verdoppelt. 2022 stellte die Stadt das öffentliche Interesse an den „Mercati Generali“ fest, aber sie verhängte keine Vertragsstrafen und schrieb den Wettbewerb auch nicht neu aus. Vielmehr erfuhr die Öffentlichkeit vergangenen Herbst, dass die Stadt eine Einigung mit dem Investor und einem hinzugekommenen amerikanischen Immobilienentwickler gefunden hatte, um hochprei-sige Studentenwohnungen auf dem Areal zu errichten.
Viele fragten sich: Worin besteht das öffentliche Interesse an einem Studentenwohnheim, in dem Einzelzimmer über 1000 Euro im Monat kosten sollen? Ist das ein guter Deal, wenn die privaten Akteure mit Einnahmen von 32 Millionen Euro jährlich rechnen können, während die Stadt für das Gelände lediglich eine Pacht von 165.000 Euro im Jahr erhält? Warum entwickelt die Stadt das Areal nicht selbst? Die Antwort ist einfach, es fehlen Geld und qualifizierte Arbeitskräfte in den Amtsstuben. Es drängt sich die Schlussfolgerung auf, dass es sich für die Allgemeinheit nicht rechnet, das Geschick eines riesigen Areals inmitten der Hauptstadt einem rein gewinnorientierten Akteur zu überlassen. Seitdem der Staat seine eigene Handlungsmacht beschnitten hat, erscheinen private Akteure als handlungsfähige Alternative – mit dem Unterschied jedoch, dass letztere im Eigeninteresse handeln und nicht in dem der Allgemeinheit.
Das ist die politische und gesellschaftliche Realität, in die ein Ideenwettbewerb wie „Vision for Rome“ und sein Siegerentwurf „Roma Continua“ einzuordnen sind. Die guten Vorschläge, die von der Fähigkeit der prämierten Architektur- und Planungsbüros zeugen, sind das eine. Die für eine mögliche Umsetzung zuständigen Akteure und ihr institutioneller wie wirtschaftlicher Handlungsspielraum das andere. Maurizio Veloccia, derzeitiger Planungsdezernent Roms, bezeichnete bei der Präsentationsveranstaltung das Ergebnis des Wettbewerbs als willkommene Anregung für die Weiterentwicklung der Stadt. Derzeit ist es genau das: nicht mehr und nicht weniger als eine willkommene Anregung, vor allem so lange nicht klar ist, wer hier eigentlich zum Handeln aufgefordert wird – der Staat, die Stadt oder global agierendes privates Kapital? Darüber aber, wer die Zügel der Stadtplanung in den Händen halten soll, muss es eine breite Debatte geben.
…oder Gemeinwohl schaffen?
Die Bürger müssen sich darüber verständigen, wem sie die delikate Aufgabe übertragen wollen, ihre Städte für die Zukunft fit zu machen, sie gerechter, schöner, ökologischer zu gestalten. Es muss klar sein, dass das Ziel einer besseren Stadt sehr schwer zu erreichen ist, wenn Gewinne aus Immobilien systematisch privatisiert und in ferne Steueroasen überführt werden, und wenn Kommunen weder legale noch personelle, noch ökonomische Mittel haben, der Übermacht privater Akteure etwas entgegenzusetzen.
Die Bürger müssen sich darüber verständigen, wem sie die delikate Aufgabe übertragen wollen, ihre Städte für die Zukunft fit zu machen, sie gerechter, schöner, ökologischer zu gestalten. Es muss klar sein, dass das Ziel einer besseren Stadt sehr schwer zu erreichen ist, wenn Gewinne aus Immobilien systematisch privatisiert und in ferne Steueroasen überführt werden, und wenn Kommunen weder legale noch personelle, noch ökonomische Mittel haben, der Übermacht privater Akteure etwas entgegenzusetzen.
Der Reichtum, der in und mit Rom (oft genug auf Kosten Roms und seiner Bürger) erwirtschaftet wird, sollte auch in Rom bleiben und in die Entwicklung der Stadt reinvestiert werden.
Es sollten die Römer beziehungsweise ihre gewählten Vertreter sein, die darüber entscheiden, in welche Richtung die Stadt geht.
Es sollten die Römer beziehungsweise ihre gewählten Vertreter sein, die darüber entscheiden, in welche Richtung die Stadt geht.
Ein Knoten, den es dafür zu lösen gilt, ist institutioneller Natur. Die italienische Hauptstadt ist flächenmäßig die größte Kommune Europas, ihre Zuständigkeiten aber ähneln denen einer Kleinstadt – in vielen Punkten muss sich Rom den Entscheidungen der Region Latium unterordnen. Der amtierende Bürgermeister Roberto Gualtieri vom sozialdemokratischen Partito Democratico (PD) brachte eine Reform ins Spiel, mithilfe derer „Roma Capitale“ zu einer unabhängigen Gebietskörperschaft werden soll. Derzeit ist es jedoch noch unklar, ob die Reform einmal umgesetzt wird. Sie könnte eine der Voraussetzungen dafür sein, dass die römische Stadtregierung Handlungsfähigkeit zurückerlangt. Freilich wäre es nicht ausreichend, um den übermächtigen Einfluss des privaten Kapitals auf ein vertretbares Maß zu beschränken. Aktuell nimmt es den Bürgern die Möglichkeit, die Stadt nach ihren Bedürfnissen zu gestalten, anstatt konstruktiv an einer solchen Gestaltung mitzuwirken.
Ein privater Ideenwettbewerb wie „Vision for Rome“ und seine Ergebnisse ändern daran nichts, sondern sind vielmehr Ausdruck ebenjener Übermacht. Die Bürgerinitiative, die sich zum Zweck des Kampfes gegen den Ausverkauf der „Mercati Generali“ gegründet hat, zeigt hingegen, dass man sich nicht wehrlos ergeben muss und dass andere Wege möglich sind.






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