Homeoffice funktioniert besser als vermutet

Wie reagieren Architekten auf die wirtschaftlichen Folgen von Corona? Ruth Auffarth hat uns ihre Situation geschildert. Seit 7 Jahren arbeitet sie als Projektleiterin bei Palais Mai in München. Teil II unserer Serie

Text: Redaktion

Hund Curt im Homeoffice
Foto: Daniel Zerlin

Hund Curt im Homeoffice

Foto: Daniel Zerlin


Homeoffice funktioniert besser als vermutet

Wie reagieren Architekten auf die wirtschaftlichen Folgen von Corona? Ruth Auffarth hat uns ihre Situation geschildert. Seit 7 Jahren arbeitet sie als Projektleiterin bei Palais Mai in München. Teil II unserer Serie

Text: Redaktion

Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf Euer Büro und Eure Arbeit?
In unserem Büro gab es bisher noch kein richtiges Modell für Homeoffice bzw. Mobile Working. Als Mitte März, absehbar wurde, dass die Corona-Krise unser aller (Arbeits-)Leben erst einmal verändern wird, wurde überlegt, wie das zukünftig funktionieren kann. In einer gemeinsamen Videobesprechung wurde erklärt, mit welchen Medien wir online auf unsere Serverstruktur zugreifen können und somit das Arbeiten von zu Hause aus gestaltet werden kann. Ab diesem Zeitpunkt wurde uns Mitarbeitern prinzipiell freigestellt, ob wir weiterhin im Büro oder von zu Hause aus arbeiten wollten. Mittlerweile ist etwa die Hälfte meiner Kollegen im Homeoffice. Alle Übrigen arbeiten weiter vom Büro aus, haben sich aber an den Arbeitsplätzen nun so verteilt, dass mehr Abstand herrscht.
Einige Herangehensweisen für Projekte, die im Team bearbeitet werden, sind nach wie vor nicht ganz geklärt – sowohl technisch als auch strukturell: Wie kann ohne stabile VPN-Verbindung von zuhause an einer gemeinsamen Zeichendatei gearbeitet werden? Wer soll wo das Modell bauen? Wie kann das – bei uns sehr modellorientierte - Entwerfen funktionieren, wenn man nur per Video kommuniziert?
Welche Auswirkungen hat sie auf Eure Projekte?
Einige Projekte sollen oder müssen weiterhin nach Zeitplan weiterlaufen: Gelder beziehungsweise Budgets sind bereits freigegeben und politische Ziele (z.B. Fertigstellungstermine) sollen gehalten werden.
Aber es ist jetzt schon spürbar, dass dies unter Umständen nicht ganz einfach wird. Bei anderen Planungsbeteiligten werden schon Verzögerungen sichtbar, Behörden sind derzeit deutlich schwieriger zu erreichen, was Abstimmungen spürbar verlangsamt. Durch die Umstellung der Kommunikationswege sind einige der Abstimmungswege insgesamt komplexer geworden. Wahrscheinlich können nicht alle Verzögerungen zeitlich wieder aufgefangen werden.
Unser Büro arbeitet auch an einigen Studien bzw. Mehrfachbeauftragungen. Bis auf wenige Ausnahmen wurden hier alle geplanten Abgaben, Termine, Sitzungen und Preisgerichte bereits verschoben. Die Meisten um 1-2 Monate, teilweise sogar noch auf unbestimmte Zeit. Hier ist es natürlich als Büro schwer zu reagieren, sind doch die Kapazitäten auf die bisherigen Zeiträume und Abläufe eingeplant.
Mit welchen Maßnahmen reagiert Ihr darauf?
Ich selbst bin nun seit einer Woche im Homeoffice. Ein Teil des Projektteams, in dem ich mitarbeite, arbeitet noch vom Büro aus. Alle Besprechungen und Abstimmungen sowohl bürointern als auch mit Bauherren und Fachplanern finden nun über Videokonferenzen oder Chats statt. Wir testen innerhalb des Teams verschiedene Online-Tools für Notizen und Anmerkungen, um Aufgabenteilungen und Zuständigkeiten klar zu kommunizieren. Viele der Abläufe funktionieren bisher besser als vermutet – es scheint sogar als arbeitet man nun disziplinierter und konzentrierter als mitunter gemeinsam an einem Tisch.
Aufträge und Projekte gibt es genug. Aber durch verlängerte Zeitpläne und verzögerte Zahlungen bei gleichbleibenden Ausgaben für Miete und Gehälter wird die Situation schnell kritisch für ein verhältnismäßig kleines Büro wie unseres. Es bleibt abzuwarten, wie unser Büro darauf reagieren muss – diskutiert werden bereits auch andere Arbeitszeitmodelle über einen befristeten Zeitraum, die dem Büro als Unternehmen etwas Raum verschaffen könnten.
Wo seht Ihr die größten Schwierigkeiten in der aktuellen Situation? – oder seht Ihr eventuell auch Positives?
Mein Mann und ich arbeiten inzwischen beide von zuhause aus. Ich hatte befürchtet, dass bald ein Lagerkoller einsetzen würde, aber bisher funktioniert es sehr gut – auch weil wir glücklicherweise ein extra Zimmer haben, das als Büro genutzt werden kann.
Schade, dass es so eine außerordentliche Situation gebraucht hat, aber ich genieße auch ein paar Vorzüge des Arbeitens im Home-Office: wir haben einen Hund und so haben wir jetzt mehr Zeit miteinander und durch die Spaziergänge draußen auch immer wieder Abwechslung und frische Luft zwischendurch, weil man sich die Zeit zuhause doch flexibler aufteilt als im Büro. Natürlich wird mir auf längere Sicht die soziale Interaktion mit meinen Kollegen fehlen.
Lässt sich aus diesen Erfahrungen für Eure Arbeit etwas lernen?
Bisher hatten wir nur Erfahrungen damit uns als Team zu strukturieren, wenn wir zusammen im Büro sind, uns sehen und besprechen können. Es ist interessant zu beobachten, wieviel an gemeinsamer Struktur und Organisation auch funktioniert, wenn man nicht ständig zusammen ist und andere Wege der Kommunikation nutzen muss. Manche Formen der Besprechungen oder Tools zur Aufgabenteilung sind eventuell sogar effektiver. Daher ist eine Erkenntnis, dass man persönliche Besprechungen – wenn sie dann wieder stattfinden - insgesamt wieder zielgerichteter gestalten könnte.
In Zeiten, in denen Nachrichten vom Morgen am Abend schon wieder alt sind, relativiert sich der dauernde Termindruck aus Projekten automatisch. Das tut auch gut in einem Beruf, in dem oft viel Zeitdruck herrscht, Dinge ständig dringend erscheinen. Vielleicht lässt sich auch von dieser Entschleunigung etwas bewahren, auch wenn ich da tatsächlich weniger optimistisch bin.
Welche Rolle haben „Nähe“ und „Distanz“ bislang in Euren Entwürfen gespielt – verändert Corona die Planung hinsichtlich „Nähe“ und „Distanz“?
Corona verändert per se hoffentlich nichts nachhaltig an „Nähe“ und „Distanz“ – weder gesellschaftlich noch architektonisch. Aber natürlich ist der Alltag durch die der Situation geschuldeten Distanz ein anderer geworden – wir sollen aktuell andere Menschen meiden. Auch im beruflichen Umfeld sind menschliche Begegnungen oft wichtig für Entscheidungsprozesse und ein gutes Gelingen eines Projekts. Es bleibt zu hoffen, dass diese künstliche Distanzierung von Anderen nicht allzu lange dauert und wir bald wieder zu einem guten Miteinander zurückkommen können.
Ruth Auffarth


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