Neues Haus der Taz in Berlin


Räumlich flexibel und möglichst hierarchielos wünschte sich die Taz ihren Neubau in Berlin-Kreuzberg. Das Schweizer Büro E2A hat der genossenschaftlichen Tageszeitung ein offenes, städtisches Haus gebaut, eine kommunikative Redaktionswerkstatt


Text: Spix, Sebastian, Berlin


    Südlich vom Besselpark, am südlichen Ende der Friedrichstraße steht die Taz ...
    Foto: Rory Gardiner

    Südlich vom Besselpark, am südlichen Ende der Friedrichstraße steht die Taz ...

    Foto: Rory Gardiner

    ... zwischen Häusern aus der Gründerzeit und aus den 1970er Jahren.
    Foto: Rory Gardiner

    ... zwischen Häusern aus der Gründerzeit und aus den 1970er Jahren.

    Foto: Rory Gardiner

    Blick vom Innenhof durch die Fluchttreppe zum Blumengroßmarkt-Gelände. Foto: Rasmus Norlander

    Blick vom Innenhof durch die Fluchttreppe zum Blumengroßmarkt-Gelände.

    Foto: Rasmus Norlander

    Eingangsbereich ...
    Foto: Rasmus Norlander

    Eingangsbereich ...

    Foto: Rasmus Norlander

    ... mit Taz-Tresen.
    Foto: Yasu Kojima

    ... mit Taz-Tresen.

    Foto: Yasu Kojima

    Veranstaltungsraum im Erdgeschoss. Der Schriftzug von „Le Monde diplo­matique“, französischer Kooperationpartner der Taz, ist aus dem Altbau mit umgezogen.
    Foto: Yasu Kojima

    Veranstaltungsraum im Erdgeschoss. Der Schriftzug von „Le Monde diplo­matique“, französischer Kooperationpartner der Taz, ist aus dem Altbau mit umgezogen.

    Foto: Yasu Kojima

    Auch in Zeiten von Teamwork nicht obsolet: Ein­zelbüro für den Rückzug ...
    Foto: Yasu Kojima

    Auch in Zeiten von Teamwork nicht obsolet: Ein­zelbüro für den Rückzug ...

    Foto: Yasu Kojima

    ... aus dem Großraum.
    Foto: Rasmus Norlander

    ... aus dem Großraum.

    Foto: Rasmus Norlander

    Zwischenpodeste werden zu informellen Treffpunkten.
    Foto: Yasu Kojima

    Zwischenpodeste werden zu informellen Treffpunkten.

    Foto: Yasu Kojima

    Foto: Rasmus Norlander

    Foto: Rasmus Norlander

    Die vorgefertigten Stützen wurden vor Ort mit den Unterzügen vergossen.
    Foto: Florian Thein

    Die vorgefertigten Stützen wurden vor Ort mit den Unterzügen vergossen.

    Foto: Florian Thein

    Knallroter Noppenboden signalisiert: Hier ist ein Bespechungsraum.
    Foto: Yasu Kojima

    Knallroter Noppenboden signalisiert: Hier ist ein Bespechungsraum.

    Foto: Yasu Kojima

    Im Panoramaraum im 6. Obergeschoss sollen Teile des Archivs unterge­-bracht werden.
    Foto: Yasu Kojima

    Im Panoramaraum im 6. Obergeschoss sollen Teile des Archivs unterge­-bracht werden.

    Foto: Yasu Kojima

    Links ne­ben dem neuen Taz-Haus: die Gewerbebaugruppe Frizz23.
    Foto: Rory Gardiner

    Links ne­ben dem neuen Taz-Haus: die Gewerbebaugruppe Frizz23.

    Foto: Rory Gardiner

„Scheiß Taz-Gebäude“, brüllt jemand quer über die Friedrichstraße. Natürlich ist den Redakteu­ren der Taz bewusst, dass sie mit ihrem neuen Verlagshaus in Berlin-Kreuzberg, das zum neu entstandenen „Kreativquartier südliche Friedrichstadt“ gehört, als Gentrifizierer des benachbarten, lange vernachlässigten Mehringplatz-Kiezes wahrgenommen werden. Anlässlich der Eröffnungsfeier, zu der sich neben Taz-Mitgründer Hans-Christian Ströbele (Grüne) auch Vize-Kanzler Olaf Scholz (SPD) gesellte, stellten sich die Journalisten der linksliberalen Tageszeitung diesem Umstand, indem sie ein ganzes Buch der Ausgabe vom 20. Oktober ihren „Neuen Nachbarn“ widmeten.

Fremd- und Eigenkapital

Und natürlich kann man sich fragen: Warum leistet sich eine genossenschaftlich organisierte Tageszeitung in Zeiten bröckelnder Print-Erlöse einen Neubau für 22 Millionen Euro? Im Vorfeld des 2014 international ausgelobten, offenen Wettbewerbs (Bauwelt 28.2014) erklärte die Taz da­zu, man wolle einer möglichen Verdrängung aus dem historischen Zeitungsviertel Berlins zuvorkommen. Der Platz im alten, noch vor der Wende erworbenen Kontorhaus in der Rudi-Dutschke-Straße samt Erweiterungsbau von Gerhard Spangenberg (1992) hatte nicht mehr ausgereicht. Zusätzliche Büros mussten angemietet werden. Die digitale Transformation und neu erschlossene Verkaufsfelder wie umfangreichere Wochenendausgabe, Veranstaltungen, Café und Shop verlangten mehr Raum.
Um die Finanzierung zu stemmen, griff das 1978 gegründete Verlagshaus auf seine Genossenschaft zurück. Diese war im Zuge einer existenziellen Krise der Zeitung Anfang der 90er Jahre gegründet worden; so wurde damals trotz rückläufiger Abonnements Geld in die Verlagskasse gespült, und die Zeitung konnte vor der drohenden Schließung bewahrt werden. Das Geld für Grundstück und Neubau wurden nun gemeinsammit der Genossenschaft, mit Fördermitteln des Landes Berlin, mit einem Darlehen und durch die Vermietung des Altbaus an einen Coworking-Anbieter aufgebracht.

Traufe – Ecke – Hof

Im Wettbewerb hatte sich das Büro E2A aus Zürich gegen 312 Konkurrenten durchgesetzt. Die einfache Formel des architektonisch wie städtebaulich schlüssigen Konzepts lautete: Traufe – Ecke – Hof. Das Büro der beiden ehemaligen OMA-Mitarbeiter Piet und Wim Eckert hatte schon das Haus der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung in Mitte gebaut (Bauwelt 43.2008), was bei den Tazlern selbstverständlich für Wohlwollen sorgte. Für die Taz entwarf das Team um die Eckert-Brüder auf der Kriegsbrache hinter dem ehemaligen Blumengroßmarkt – einst Teil des unvollendeten IBA-84/87-Nachverdichtungsareals – einen sechsgeschossigen Baukörper mit insgesamt 5400 Quadratmetern Nutzfläche. Er nimmt die Berliner Traufhöhe auf, formuliert einen Abschluss zum angrenzenden Park und bildet im Innern einen halböffentlichen Hof aus. Bei näherer Betrachtung stellt sich dieses Konzept als perfekter Vermittler zwischen der Blockrandstruktur und den unweit gelegenen IBA-Solitärbauten von John Hejduk heraus.
Ähnlich der Zentrale der Heinrich-Böll-Stiftung, bei deren Entwurf das Seagram-Building mit klassischer Curtain Wall als Vorbild diente, wurde das Taz-Gebäude als Stahlbetonskelettkon­s­truktion mit vorgehängter Glasfassade ausgeführt. Ihr vorgelagert sind umlaufende Balkone, die geschützt hinter einem Stahlgitter liegen. Statt filigran und glatt wie bei der Böll-Stiftung wirkt die Fassade der Taz aus sich diagonal, ver­tikal und horizontal kreuzenden Streben rau. Den Eingangsbereich bildet ein Rücksprung in der Fassade an der Friedrichstraße. Hier im Erdgeschoss treffen Besucher und Journalisten unmittelbar aufeinander, können gemeinsam im neuen Restaurant essen gehen, im Shop einkaufen oder im doppelgeschossigen Veranstaltungsraum Lesungen besuchen.
Das Zentrum des Neubaus bestimmt eine Treppenskulptur, die im Erdgeschoss als einläufiger Aufgang beginnt und sich ab dem ersten Obergeschoss zu einer vierläufigen „Wabentreppe“ aufspaltet. Als eine Art vertikale Fußgängerzone verbindet dieses kommunikatives Herz des Hauses alle Geschosse miteinander. Um den Fluchtweganforderungen des Brandschutzes gerecht zu werden, musste, anders als im Wettbewerbs­entwurf vorgesehen, ein zweites Treppenhaus hinzugefügt werden. Quasi aus der Not eine Tugend machend, schließt die ergänzte Stahltrep­-pe die Kubatur des Gebäudes nach Osten ab, bildet einen innenliegenden Hof aus und verbindet die umlaufenden Balkone an der Fassade miteinander.

System ohne Hierarchie

E2A ließ sich bei der Ausbildung der Fassade vom 1922 von Wladimir Schuchow in Moskau gebau­ten Schabolowka-Radioturm inspirieren. Die konstruktiven Elemente des 150 Meter hohen hyperbolischen Stahlfachwerkturms, der sinnbildlich für Fortschritt und Leistungsfähigkeit der jungen Sowjetunion stehen sollte, werden alle gleichwertig beansprucht – ein hierarchieloses System. Eine hierarchielose innere Organisation ihres Neubaus hatte die Taz als wesentliche Anforderung formuliert. Vor der Glasfassade der Taz hängt, ähnlich dem Sendeturm, ein selbsttragendes Stahlgitter aus unzähligen rechtwinkligen Dreiecken. Das Fassadengitter, von den Bauherrn „Häkeldecke“ getauft, zeichnet die diagonal gestellten Betonstützen des Tragwerks nach. Vor der Glasfassade bildet das Gitter zudem einen umlaufenden Balkon aus, der den Journalisten zum informellen Gespräch, zum Durchatmen oder zur Raucherpause dient. Darüber hinaus lässt er sich als Halterung für Plakate, Banner oder Pflanzen verwenden.
Einen weiteren Bauherrenwunsch, nämlich eine größtmögliche Flexibilität an Nutzungs­varianten, löste E2A einfach und effektiv mit dem Tragwerk, einer Struktur aus vorgefertigten schräg stehenden Stützen und aus Unterzügen entlang der Außenseiten des Hauses, auf denen die Decken aufliegen. Der Innenraum bleibt stützenfrei. Er ist in drei Zonen gegliedert. Die erste Zone, ein schlanker Büroflügel mit kleinen Einheiten, verläuft entlang der Brandwand im Süden. Die zweite Zone bilden die Treppenanlagen und die zweigeschossigen Besprechungsräume. Über dem Eingangsbereich erstreckt sich die dritte Zone als offene Plattform, die neben weiteren Besprechungsräumen und doppelgeschossigem Panoramaraum Variationen unterschiedlichster Arbeitsformen zulässt. Von der begehbaren Dachterrasse aus hat man einen großartigen Blick über die Stadt.
Neben dem offenen, flexiblen Raumprogramm überzeugt die Materialwahl: Noppenboden, Treppengeländer aus Streckmetall, farbige Gläser, Sichtbeton und Stahl schaffen eine Arbeitsatmos­phäre, die an eine redaktionelle Großwerkstatt denken lässt. Die rohen Geschossdecken sind zum Teil mit einem grobmaschigen Gitterrost und schwarzem Textil verkleidet, was eine erstaunlich gute Akustik erzeugt. Insgesamt eine angenehm nüchterne Atmosphäre. Oder wie Piet Eckert erklärt: „Der robuste Raum ist eine Antwort auf die heute so häufig überzeichneten Motto-, Stimmungs- und gefälligen Themenwelten – die interessanterweise gerade dann eingesetzt werden, wenn wenig Interpretationsraum bei der eigenen Arbeit gefordert oder auch geduldet wird.“
Derzeit überlegt die Taz, ab 2022 werktags nur noch digital zu erscheinen. Ihr neues Verlagshaus darf als mutiger Antipode zum Axel-Springer-Campus gesehen werden, den OMA in ge­rade einmal 500 Meter Entfernung baut.



Fakten
Architekten E2A, Zürich
Adresse Friedrichstrasse 21, 10969 Berlin


aus Bauwelt 25.2018
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