Meisterhaus-Ensemble


Ceci n’est pas un Gropius


Text: Friedrich, Jan, Berlin


    Foto: Christoph Rokitta

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Städtebauliche Reparatur des Meisterhaus-Ensembles hieß die heikle Aufgabe. Die Architekten Bruno Fioretti Marquez sind nicht in Ehrfurcht vor der Unesco-geschützten Ikone der klassischen Moderne erstarrt, sondern haben auf intelligente Art den Beweis erbracht: Jede Zeit kann ihre eigenen gültigen Antworten finden. Wenn sie sich denn traut.
José Gutiérrez Marquez ließ nicht den leisesten Zweifel aufkommen: „Die Häuser Gropius und Moholy-Nagy sind nicht mehr da, sie sind weg!“ Jedem, der an diesem Abend in der Aula des Bauhauses saß, sollte klar sein: Marquez und seine Büropartner Donatella Fioretti und Piero Bruno würden sich keinesfalls dazu hinreißen lassen, diese unumstößliche Tatsache zu verschleiern. Eben hatten die Architekten in einer öffentlichen Veranstaltung Rede und Antwort gestanden, wie sie die Lücke im Dessauer Meisterhaus-Ensemble, die ein Bombentreffer im März 1945 gerissen hatte, zu füllen gedachten: nicht mit einer Imitation der Wohnhäuser, die Walter Gropius 1926 für sich und die Bauhaus-Lehrer errichtet hatte – sondern mit einer Interpretation. Das war im Frühjahr 2010.
Biegt man heute, vom Bauhausgebäude kommend, an der Kreuzung „Sieben Säulen“ in die Ebertallee, könnte man auf den ersten, flüchtigen Blick meinen, die Berliner Architekten wären im Laufe von vier Jahren Planungs- und Bauzeit doch noch von Rekonstruktionsbefürwortern weichgekocht worden. Alles scheint plötzlich wieder da zu sein: die Gartenmauer mit der 1970 abgerissenen Trinkhalle von Mies van der Rohe aus dem Jahr 1932; das Haus Gropius, etwas versteckt hinter der Direktorenhaus-Garage, die NS-Zeit, Krieg und DDR-Jahre unbeschadet überstand; und auch das Haus Feininger, ein Stück weiter westlich, hat seine fehlende Hälfte zurück­erhalten, das Haus Moholy-Nagy.
Fast neunzig Jahre jünger
Doch die Irritation währt nur den Bruchteil einer Sekunde: Freilich ist nichts von all dem auf wundersame Weise zurückgekehrt. Unverkennbar sind das alles Neubauten. Neubauten allerdings, die die Erinnerung wachrufen sollen an das, was hier einmal stand – und mittels alter Fotos Eingang in unser kollektives Gedächtnis gefunden hat. Gartenmauer und Trinkhalle haben zwar „ihren“ alten Platz eingenommen, sind aber nicht wie die Vorgänger aus weiß verputztem Mauerwerk, sondern aus bewundernswert akkurat ausgeführtem Sichtbeton; das Fenster in der Trinkhalle sitzt seltsam bündig an der Außenkante der Wand, man kann nicht hindurchschauen. Das gleiche Bild bei den Häusern Gropius und Moholy-Nagy: Sie zitieren ihre verlorenen Vorläufer – und komplettieren auf diese Weise das Ensemble. Doch verschleiern sie an keiner Stelle, dass sie fast 90 Jahre jünger sind als ihre Nachbarn, die Häuser Feininger, Schlemmer/Muche und Kandinsky/Klee.
Mit dem Begriffspaar Präzision und Unschärfe bezeichnen Bruno Fioretti Marquez ihre Annäherung an die Aufgabe. Es galt, das angemessene Verhältnis zu finden: Wie präzise muss die Erinnerung sein, damit wir das Erinnerte wiedererkennen? Wie unscharf, dass wir sie nicht mit dem Erinnerten selbst verwechseln? Konzeptionelle Hilfe fanden die Architekten in der Kunst. Der Fotograf Hiroshi Sugimoto hat mit seiner Architecture Series im Wortsinne ausprobiert, wie viel Unschärfe eine Architekturikone wie die Villa Savoye oder der Einsteinturm verträgt, ehe sie unkenntlich wird. Auch Thomas Demand befasst sich mit dem Phänomen des kollektiven Gedächtnisses. Er baut Orte, die aus den Medien bekannt sind, als Pappmodell nach, lässt aber Details wie Beschriftungen weg und fotografiert die Modelle; die abgebildete Situation verliert ihre Eindeutigkeit.
Ähnlich gingen Bruno Fioretti Marquez vor. Sie haben Haus Gropius und Haus Moholy-Nagy, wie man es bei einem Modell tun würde, in die Elemente Hülle und innere Raumgliederung zerlegt. Die Hülle ließen sie in Beton gießen und die Kubaturen der Häuser dergestalt wiedererstehen. Jedes Fenster, jede Tür sitzt haargenau am richtigen Platz. Aber all jene Details wurden weggelassen, die über den exakten Maßstab Auskunft geben würden: Balkongeländer, Fensterteilung, Abdeckbleche. Dass diese radikale Abstraktion an keiner Stelle plump wirkt, sondern im Gegenteil zu einem der bemerkenswertesten Beiträge der letzten Jahrzehnte zum Thema Rekonstruktion geführt hat, verdankt sich dem Gespür der Architekten für die notwendige delikate Detaillierung eines solchen, bis an die Grenze ausgereizten Minimalismus. Das beginnt bei dem einschaligen Sichtbeton (Dämmbeton), dem – so präzise er auch ausgeführt ist – unweigerlich eine gewisse Unschärfe eigen ist, verfeinert noch durch die weiße Lasur, mit der er gestrichen wurde. Und das endet bei den geheimnisvoll gräulich schimmernden Fenstern aus Senkglas, gefertigt von einer Firma, die auf Kirchenfenster spezialisiert ist.
Wesentlich freier als mit der Hülle gingen die Architekten mit den Innenräumen um. Die Neubauten sind schließlich keine Wohnhäuser: Das Haus Gropius dient als „Entree“ der Meisterhaussiedlung mit einer Ausstellung über deren Geschichte, Haus Moholy-Nagy fungiert als Veranstaltungsraum und Bibliothek des Kurt-Weill-Zentrums mit Sitz im benachbarten Haus Feininger. Für diese Programme hätte die ursprüngliche Raumaufteilung keinerlei Sinn ergeben. So wurden Wände und Decken weggelassen, wo man sie nicht brauchte – im Haus Moholy-Nagy hat man nun den spektakulären Blick über alle drei Geschosse –, hinzugefügt wurde nichts. Die Architekten haben die innere Struktur als in die Betonhülle eingestelltes Raummöbel begriffen, eine Leichtbaukonstruktion, deren Gipskartonwände eines der dezentesten Kunst-am-Bau-Projekte tragen, das man je gesehen hat. Olaf Nicolai ließ die Oberflächen, kaum sichtbar, mit unterschiedlich strukturierten, feinen Marmorputzen in Quadrate und Rechtecke gliedern. Die Arbeit des Künstlers lässt sich gleichsam als Aufforderung verstehen, in den Häusern Gropius und Moholy-Nagy genau hinzuschauen, in den zum Teil irritierenden räumlichen Andeutungen nach Übereinstimmungen und Unterschieden zwischen neuen und alten Meisterhäusern zu suchen. Bruno Fioretti Marquez schärfen mit ihrer Interpretation nicht zuletzt den Blick für das Original gleich nebenan.



Fakten
Architekten Bruno Fioretti Marquez Architekten, Berlin; Gropius, Walter (1883-1969); Moholy-Nagy, László (1895–1946)
Adresse Ebertallee 59, 06846 Dessau


aus Bauwelt 22.2014
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