Neues Bauen hundert Jahre später
Wie saniere ich ein Ernst May-Haus?
Text: Fischer, Ludger, Brüssel
Neues Bauen hundert Jahre später
Wie saniere ich ein Ernst May-Haus?
Text: Fischer, Ludger, Brüssel
Häuser ändern sich in hundert Jahren. Ihre Bewohner haben unterschiedliche Bedürfnisse, unterschiedliche ästhetische Vorstellungen, unterschiedlich viel Geld. Aus einheitlichen Siedlungen entstehen Häuserindividuen. Und das ist gut so. Häuser von Ernst May vertragen so etwas. Sie bleiben, was sie von Anfang an waren: Häuser von Ernst May.
Für die Vielfalt dessen, was sich aus einer Siedlung in Frankfurt-Praunheim aus dem Jahr 1928 entwickelt hat, findet sich bei der staatlichen Denkmalpflege kaum Verständnis. Das Nebeneinander von Häuserindividuen gilt ihr, wie dem Volksmund, als Kunterbunthausen. Keine einheitlichen Fassaden, keine einheitliche Far-be, ergo: kein Baudenkmal. So einfach können Denkmalpfleger denken. Dabei ist in Frankfurts Pützerstraße einiges schützenswert. Dafür sorgen aber die Bewohner selbst.
Über das Haus, in das Angela Pfotenhauer und Elmar Lixenfeld 2004 einzogen, tratschten die Nachbarn, es sei ganz schön heruntergekommen. Das war es aber gar nicht. Es war einfach nur hässlich. Seine Bausubstanz war aber vollkommen in Ordnung: Das Dach war dicht, der Keller trocken, eben ein guter Plattenbau der 1920er Jahre. Beim Kauf durch die neuen Eigentümer hatte es eine Alu-Glas-Haustür aus den 1970er Jahren, Alufenster zum verschärften Wärmeverlust, einen Windfang aus den 1950ern und eine Eternit-Verblendung, von der vor 50 Jahren behauptet wurde, sie sei unkaputtbar, und die mittlerweile als Paradebeispiel für eine erfolgreiche Fassadenvermasselung gilt. Dabei wäre eine Dämmung der Fassaden nicht einmal nötig gewesen. Die Erfahrung der jetzigen Bewohner nach dem Verzicht auf zusätzliche Dämmung: „Die Warmhaltewerte der Bimskiesbetonplatten scheinen auszureichen, denn die Abrechnungen unseres Energielieferanten bescheinigen dem Haus einen weit unterdurchschnittlichen Verbrauch.“
Die Praunheimer Siedlung diente als Versuchssiedlung zur Erforschung des Massenwohnungsbaus. Erprobt wurden Wohnbedürfnisse, Verkehrs erschließung, Typisierung, standardisierte Herstellung und Vorfertigung vieler Bauteile. Der liebevoll gestaltete Dokumentationsband enthält außerdem wertvolle Erfahrungsberichte von neun weiteren engagierten Eigentümern inklusive einer Dokumentation von Julia Schulz zu sanierten „Frankfurter Küchen“ der Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky.
Der ehemalige Landeskonservator Heinz Wionski beantwortet im abschließenden Interview die Frage „Und was sagt der Denkmalpfleger dazu?“. Weil nur die Hälfte der hier vorgestellten Objekte als Baudenkmale eingetragen sind, fällt ihm die Antwort schwer. Am ehesten trifft wohl die Definition zu, dass es sich bei den meisten Maßnahmen, die die Eigentümer durchgeführt haben, um Denkmalpflege ohne Denkmalschutz handelt.







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