Elektrifizierte Träume

Benedikt Crone hört es auf Deutschlands Straßen schon überall surren.

Text: Crone, Benedikt, Berlin

Elektrifizierte Träume

Benedikt Crone hört es auf Deutschlands Straßen schon überall surren.

Text: Crone, Benedikt, Berlin

Harald Schmidt freut sich drauf. Endlich würde es bei Unfällen mal wieder richtig rumsen. Andere fürchten sich eher vor der Vorstellung, lautlose Tretrollerfahrer könnten aus jeder Seitenstraße auf ihre Motorhaube klatschen. Über kaum ein Thema wurde zuletzt so heftig diskutiert wie über die Einführung des e-Scooters. Als würde ein getuntes Kinderspielzeug die Verkehrswelt auf den Kopf stellen. Okay. Verkehrsminister Andreas Scheuer verkauft die tretfreien Tretroller tatsächlich als Mobilität der Zukunft. Allerdings fällt hierunter offenbar jede Art der Fortbewegung, die statt körperlicher Anstrengung elektrischer Energie bedarf. Nun soll ein motorisiertes Rollbrett die Verkehrswende bringen. Egal, dass es maximal mit 20 Kilometer pro Stunde surren darf, bei den vielen holprigen Radwegen zu zittern beginnt, auf Hauptstraßen den Nutzer wie ein Moorhuhn zum Abschuss freigibt und bei steilen Erhebungen laut Spiegel-Magazin mit der Motorleistung zu kämpfen haben wird.
Nüchtern betrachtet, kommt in den Innenstädten wohl nur ein weiteres, spaßiges Angebot zu den vielen Sharing-Rädern, -Rollern und -Autos hinzu. Trotz des bereits akuten Platzmangels. Genutzt wird es von denjenigen, die ohnehin selten ins private Auto steigen: Innenstadtbewohnern, Touristen, Studenten, Schülern. Wechseln aber zumindest, wie es Scheuer vorschwebt, Menschen zum ÖPNV, da sie fortan die „letzte Meile“ rollen können? Abgesehen davon, dass der Nahverkehr hierzulande unter drängenderen Problemen zu leiden scheint, als Distanzen zur Haltestelle, gäbe es auch hier­-für ein bewährtes Mittel: auf zwei Füßen.
Dass man Wege auch gehen kann, hat ein junger Mann in den USA vorgemacht – allerdings mit einem für unser Mobilitätsverständnis zweifelhaften Effekt. Als am Vorabend zu seinem ersten Arbeitstag das Auto nicht ansprang, stell­-te der Mann seinen Wecker auf 1 Uhr und ging fast 32 Kilometer zum Arbeitsplatz zu Fuß. Als er (nach kurzer Beförderungshilfe einer Polizeistreife) noch vor Arbeitsbeginn den Zielort erreichte und seinem Chef vom zurückgelegten Marathon erzählte, war dieser so begeistert, dass er ihm – für mehr Mobilität in der Zukunft – ein großzügiges Geschenk vermachte: sein Auto.

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