Bauwelt

Großzügiges Geschenk oder Neofeudalismus?

In spektakulärer Lage in der HafenCity plant Hamburg den Neubau eines Opernhauses – finanziell unterstützt von einem Mäzen. Bjarke Ingels liefert dazu den pas-senden Entwurf. Unumstritten ist diese Konstellation aber nicht in der Stadt.

Text: Müller, Rainer

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    „ Ein Gebäude, das sich in vollen 360 Grad zur Stadt hin öffnet; ein Park, der die Oper in buchstäblich jeder Windung seiner Wege mit der Welt und die Welt mit der Oper konfrontiert; und eine Silhouette, die in ihrer Leichtigkeit einfach gute Laune macht“, findet der neue Intendant der Hamburgischen Staatsoper Tobias Kratzer, derauch Mitglied der Jury war.
    Visualisierung: © BIG & Yanis Amasri Sierra, Madrid

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    „ Ein Gebäude, das sich in vollen 360 Grad zur Stadt hin öffnet; ein Park, der die Oper in buchstäblich jeder Windung seiner Wege mit der Welt und die Welt mit der Oper konfrontiert; und eine Silhouette, die in ihrer Leichtigkeit einfach gute Laune macht“, findet der neue Intendant der Hamburgischen Staatsoper Tobias Kratzer, derauch Mitglied der Jury war.

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Großzügiges Geschenk oder Neofeudalismus?

In spektakulärer Lage in der HafenCity plant Hamburg den Neubau eines Opernhauses – finanziell unterstützt von einem Mäzen. Bjarke Ingels liefert dazu den pas-senden Entwurf. Unumstritten ist diese Konstellation aber nicht in der Stadt.

Text: Müller, Rainer

Die Hamburger HafenCity steuert unübersehbar auf ihre Vollendung zu. Nur wenige Flächen sind noch unbebaut. Ein letztes freies Grundstück liegt auf dem Baakenhöft, der Spitze einer Landzunge, die den Baakenhafen von der Elbe trennt. Hier soll nun ein „Opernhaus von Weltrang“ entstehen, wie es Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher vor einigen Wochen bei einer Pressekonferenz formulierte, auf der die Pläne vorgestellt wurden. Entworfen wurden sie vom dänischen Büro Bjarke Ingels Group (BIG), das sich in einem Qualifizierungsverfahren für den Opernneubau gegen namhafte Konkurrenz durchgesetzt hatte. Das Votum der Jury sei einstimmig gewesen, erklärte ihr Vorsitzender Stefan Behnisch und lobte die große Bandbreite an Konzepten, die auch die vier anderen eingeladenen Büros gmp, Snøhetta, Sou Fujimoto Architects und Studio PFP vorgelegt hätten.
Dem siegreichen BIG-Entwurf bescheinigte die Jury ein wohlüberlegtes Konzept und einen städtebaulich überzeugenden Ansatz. Er sei eine „gelungene Symbiose aus guten Bedingungen für ein Opernhaus und spannendem Wahrzeichen“. Als besonderes Merkmal wurden die großzügigen Dachauskragungen der gläsernen Fassade gewürdigt. Eine spiralförmige Rampe mit begehbaren Dachgärten führt Besucher auf 36 Meter Höhe und eröffnet Blicke in alle Richtungen. Einige Medien sahen in den Renderings eine Seerose oder ein Kreuzfahrtschiff. Bjarke Ingels selbst beschrieb den Entwurf bei der Präsentation recht blumig als „Landschaft konzentrischer Terrassen, die sich wie Schallwellen von einem zentralen, schlagenden Herzen der Musik aus ausbreiten und wie Wellenringe auf derWasseroberfläche in den Hafen hinein fortsetzen.“
Das „schlagende Herz“ ist der große Opernsaal mit 1500 Plätzen, verteilt auf Parkett und drei Ränge. Hinzu kommen eine Studiobühne mit 220 Sitzplätzen, eine Probebühne, Montagehalle, Magazin, Garderobe, ein großes Foyer und weitere Räumlichkeiten. Die Spiralform der äußeren Hülle setzt sich im Inneren fort. Insgesamt 45.000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche sind vorgesehen. Damit würde der Neubau deutlich größer als die bestehende Hamburgische Staatsoper in der Innenstadt. Der denkmalgeschützte Bau von Gerhard Weber aus dem Jahr 1955 gilt als „herausragendes Beispiel für einen Kulturbau im Stil einer repräsentativ aufgewerteten Nachkriegsmoderne“. Nicht alle sehen das allerdings so wie der Hamburger Denkmalrat. In einem Gespräch mit dem Magazin Der Spiegel attestierte Logistik-Milliardär und Mäzen Klaus-Michael Kühne der Oper 2022 „fehlende Strahlkraft“ und befand, Hamburg habe etwas Besseres verdient. Er brachte einen Neubau in der HafenCity ins Gespräch und bot an, diesen für rund 300 Millionen Euro errichten zu lassen.

Braucht Hamburg eine neue Oper – und wenn ja, welche?

Anfang 2025 schließlich gab die Hansestadt bekannt, dass sie in der Zwischenzeit mit Kühnes Stiftung verhandelt und man sich auf den Neubau geeinigt habe. Die Stiftung wolle den Bau bezahlen, die Stadt ihrerseits bringe das Grundstück ein, knapp 150 Millionen Euro für Gründung und Flutschutz sowie die Kosten für Planung und Herstellung der öffentlichen Flächen. Medial und politisch löste diese Mitteilung gemischte Reaktionen aus. Freuten sich die einen über das „großzügige Geschenk“, kritisierten andere „fehlende Transparenz“ und „Neofeudalismus“. Die Hamburger Architektenkammer bemängelte in einer Stellungnahme, dass das Projekt „hinter verschlossenen Türen entwickelt wurde“ und „keine Information der Öffentlichkeit erfolgte und keine öffentliche Diskussion der Planungen stattfand.“ Die Grundfrage, ob die Stadt überhaupt ein neues Opernhaus benötige, und wenn ja, welches und an welcher Stelle, sei nie öffentlich diskutiert worden. Phase Null? Fehlanzeige. Was mit dem jetzigen Opernhaus geschehen soll, ist zudem völlig offen.
Als „nicht ausreichend“ kritisiert die Kammer zudem das hochbauliche Qualifizierungsverfahren und damit den Verzicht auf einen „echten Wett-bewerb“ gemäß RPW. Ihre Stellungnahme stammt allerdings vom Juni 2025 und galt dem Prozedere, nicht dem Ergebnis. Nachdem dieses nun vorliegt und kurioserweise am selben Tag auch in Düsseldorf der Wettbewerbssieger für den dort geplanten Opernneubau bekannt gegeben wurde, fällt nicht zuletzt ein großer programmatischer Unterschied auf: Das in Hamburg unterlegene Büro Snøhetta plant in Düsseldorf ein „Opernhaus der Zukunft“ (vgl. Beitrag ab Seite 12 in dieser Ausgabe) mit vielfältigen Nutzungen neben der Aufführung von Opern. So soll das Haus als „Dritter Ort“ eine breitere Zielgruppe ansprechen und ganztägig belebt werden. In Hamburg hingegen will man sich auf den reinen Opernbetrieb konzentrieren, spricht aber trotzdem von einem „Haus für alle“ und verweist auf die begehbaren Dachgärten und umgebenden Grünflächen.
Die sommerlichen Visualisierungen zeigen viele Menschen in norddeutschen Dünenlandschaften. Inwieweit diese auch im Hamburger Winter als Begegnungsorte fungieren, wird sich zeigen – möglicherweise. Denn noch ist unklar, ob die neue Oper überhaupt gebaut wird. In den nächsten zwei Jahren soll der Siegerentwurf in einer erweiterten Vorplanung konkretisiertwerden und eine „belastbare Kostenschätzung“ vorliegen. Erst danach will die Stiftung entscheiden, ob sie den Neubau finanziert und ob ein Opernhaus den Schlussstein für die Entwicklung der HafenCity bildet.

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